Deep Dive
October 29, 2026
|
Wien Museum

Türkenbelagerung Wien 1683: Die Schlacht am Kahlenberg und zwei Berge, die ihre Namen tauschten

Vor der Entscheidungsschlacht am 12. September 1683 las Marco d’Aviano auf dem Kahlenberg die Messe. Nur hieß damals ein anderer Berg so als heute. Die Erste und die Zweite Türkenbelagerung Wiens und wo man ihnen heute begegnet.

Türkenbelagerung Wien 1683: Die Schlacht am Kahlenberg und zwei Berge, die ihre Namen tauschten
Jan Wyck, Die Entsatzschlacht vor Wien 1683, 1698, Wien Museum (Foto: Birgit und Peter Kainz) · CC BY 4.0, via Kulturpool

Am 12. September 1683, einem Sonntag, las der Kapuziner Marco d’Aviano vor der Entscheidungsschlacht auf dem Kahlenberg die Messe. Der polnische König Johann III. Sobieski soll ihm dabei ministriert haben, so erzählt es die Überlieferung. Dann stiegen die Truppen des Entsatzheeres von den Höhen des Wienerwalds zur Stadt hinab. Nach zwölf Stunden Kampf griff Sobieskis Reiterei ein, und das osmanische Heer, das Wien zwei Monate lang eingeschlossen hatte, floh.

Wer heute auf den Kahlenberg fährt, um sich diese Messe vorzustellen, steht allerdings auf dem falschen Berg. 1683 hieß nämlich der vordere Berg direkt über der Donau Kahlenberg, also der Berg, den wir heute Leopoldsberg nennen. Der Nachbarberg, auf dem heute die Aussichtsterrasse und die Kirche St. Josef stehen, hieß damals Josephsberg. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts tauschten die Namen: Der vordere Berg wurde nach seiner Leopoldskirche Leopoldsberg genannt, und der frei gewordene Name Kahlenberg ging auf den Nachbarn über. Wo genau die Messe stattfand, ist umstritten. Das Wien Geschichte Wiki verlegt sie in die Georgskapelle auf dem heutigen Leopoldsberg.

Die Zweite Türkenbelagerung dauerte vom 14. Juli bis zum 12. September 1683. Schon 1529 hatte ein osmanisches Heer Wien belagert, gut zweieinhalb Wochen lang: die Erste Türkenbelagerung. Spuren der Belagerungen finden sich heute im Wien Museum und im Heeresgeschichtlichen Museum, im Stephansdom, in der Votivkirche und auf Leopoldsberg und Kahlenberg über der Stadt.

1529: Ein Herbst vor den Mauern

Am 27. September 1529 stand Sultan Süleyman I. vor Wien. Etwa 17.000 Verteidiger mit 72 Kanonen hielten die Stadt gegen ein Heer, das mit Tross auf rund 150.000 Menschen geschätzt wird. Die Osmanen gruben Minen unter das Kärntnertor. Die Verteidiger spürten sie mit Wasserbottichen auf und setzten Tiroler Bergleute dagegen ein. Am 14. Oktober scheiterte der letzte Sturm, in der Nacht zogen die Osmanen ab, auch weil der Winter einbrach und der Nachschub auf aufgeweichten Straßen stecken blieb. Im Stephansdom wurde ein Te Deum gebetet.

Der Verteidiger Niklas Graf Salm war verwundet worden und starb im Mai 1530. Sein Hochgrab, von König Ferdinand I. gestiftet, steht heute in der Votivkirche. Und am Stephansdom ließ jemand 1686, nach der zweiten Belagerung, eine spöttische Inschrift für den Sultan von 1529 eingravieren: „Haec Solymanne Memoria tua“, das ist deine Erinnerung, Süleyman.

1683: Zwei Monate hinter den Basteien

154 Jahre später kam das nächste Heer, geführt von Großwesir Kara Mustafa. Kaiser Leopold I. hatte die Stadt da schon verlassen, mit ihm etwa 80.000 Menschen. Am 14. Juli 1683 schlossen rund 120.000 Mann Wien ein. Stadtkommandant Ernst Rüdiger von Starhemberg lehnte die Aufforderung zur Kapitulation ab. Er hatte etwa 11.000 Soldaten und 5.000 Bürger und Freiwillige.

Carl Wurzinger, Ernst Rüdiger Graf Starhemberg besichtigt die Verteidigungsarbeiten auf der Löwelbastei, Gemälde von 1868.
Carl Wurzinger, Ernst Rüdiger Graf Starhemberg besichtigt die Verteidigungsarbeiten auf der Löwelbastei (1683), 1868. – Bild: Belvedere, Wien, CC BY-SA, via Kulturpool

Gekämpft wurde vor allem unter der Erde. Die Osmanen hatten rund 5.000 Mineure und gruben sich an die Burgbastei und die Löwelbastei heran. Am 4. September riss eine Mine eine acht Meter breite Bresche in die Burgbastei, die Verteidiger schlossen sie noch am selben Tag. Am 9. September starb Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg nach wochenlanger Krankheit. Nachts stiegen vom Stephansdom Signalraketen auf: am 27. August 30 Stück, in der Nacht darauf 100, am 6., 7. und 8. September so viele, dass man sie nicht mehr zählte. Hinaus kam nur, wer sich verkleidete. Georg Franz Kolschitzky schlich, als Türke gekleidet, mit seinem Diener durch die Linien und meldete, dass das Entsatzheer bald anrücken werde.

Der 12. September

Das Entsatzheer zählte etwa 54.000 bis 60.000 Mann, Truppen des Kaisers, Polens, Bayerns, Sachsens und weiterer Reichsstände. Den Oberbefehl hatte Sobieski, die kaiserlichen Truppen führte Herzog Karl V. von Lothringen. Dass die beiden sich einigten, wird Marco d’Aviano zugeschrieben. Unter den Freiwilligen war ein junger Mann, der im Juli aus Paris aufgebrochen war: Prinz Eugen von Savoyen. Während die Verbündeten angriffen, stürmte die Wiener Besatzung aus der Stadt in die osmanischen Laufgräben. Kara Mustafa sammelte seine Leute erst jenseits der Schwechat. Seine Zeltburg behielt großteils Sobieski, die Kaiserlichen gingen fast leer aus. Am Christtag 1683 wurde der Großwesir in Belgrad auf Befehl des Sultans erdrosselt.

Und der Namenstausch hat Folgen bis heute. In der Kirche St. Josef auf dem heutigen Kahlenberg steht ein sogenannter Sobieski-Altar. Sein Name führt in die Irre: Gelesen wurde die Messe von 1683 wohl nebenan, auf dem heutigen Leopoldsberg.

Jakob Alt, Der Kahlenberg, Leopoldsberg und Klosterneuburg, 1827.
Jakob Alt, Der Kahlenberg, Leopoldsberg und Klosterneuburg, 1827. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Kanonen, Kipferl und Kaffee

Die Schlacht war der Auftakt des Großen Türkenkriegs. Im Frieden von Karlowitz 1699 kamen Ungarn und Siebenbürgen an die Habsburgermonarchie. In Wien blieb Metall zurück: Aus Kanonen, die die Osmanen vor der Stadt gelassen hatten, goss Johann Achamer 1711 die alte Pummerin des Stephansdoms.

Andere Andenken sind Legenden. Das Kipferl soll als Spott auf den türkischen Halbmond erfunden worden sein, nachweisen lässt sich das nicht. Erwähnt wird es schon in einer Urkunde des 12. Jahrhunderts. Und Kolschitzky soll das erste Wiener Kaffeehaus eröffnet haben. Diese Geschichte steht zuerst in einer Chronik von 1783, hundert Jahre nach der Belagerung. Nach heutigem Wissen eröffnete Johannes Theodat am 17. Jänner 1685 das erste Kaffeehaus. Ein Denkmal bekam Kolschitzky trotzdem, enthüllt am 12. September 1885 an der Ecke Favoritenstraße und Kolschitzkygasse.

Gedenken auf dem heutigen Kahlenberg

Zum 200. Jahrestag feierte Wien mehrere Tage lang. Am Dienstag, dem 11. September 1883, kamen die Festgäste des Bürgermeisters auf den Kahlenberg, also den heutigen, der letzte Zug der Zahnradbahn traf gegen zehn Uhr ein. Unter ihnen waren ein Fürst Starhemberg und der Bürgermeister von Rom. An der Kirche St. Josef enthüllte die Gemeinde Wien eine Gedenktafel, so berichtete es das Volksblatt für Stadt und Land. Am Tag darauf eröffnete der Kaiser im neuen Rathaus eine Historische Ausstellung, in der auch der angebliche Schädel Kara Mustafas lag.

Am 13. September 1983 sprach Papst Johannes Paul II. bei der Kirche auf dem Kahlenberg, ein polnischer Papst 300 Jahre nach dem polnischen König. Bei einem solchen Rückblick fühle man sich „recht klein“, sagte er. Gefeiert wird der Sieg also bis heute auf dem Berg, der 1683 noch Josephsberg hieß. Die Messe vor der Schlacht hatte wohl nebenan stattgefunden: auf dem Berg, der damals Kahlenberg hieß und seinen Namen später abgegeben hat.

Im Wien Museum erzählt die Dauerausstellung „Wien. Meine Geschichte“ im Erdgeschoß von der Zweiten osmanischen Belagerung, unter anderem mit einem Bildnis Kara Mustafas. Sie ist ohne Ticket frei zugänglich. Das Heeresgeschichtliche Museum zeigt die Türkenkriege im Saal zum 17. Jahrhundert. Marco d’Aviano liegt in der Kapuzinerkirche begraben, über der Kapuzinergruft.

Wien Museum · Karlsplatz 8, 1040 Wien