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October 29, 2026
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Wien Museum

Der Wiener Kongress 1814/15: Wie Europa in Wien tanzte, stritt und neu geordnet wurde

Am 7. März 1815 erfuhr Metternich, dass Napoleon von Elba verschwunden war, am Abend gab der Hof „Der unterbrochene Tanz“. Was der Wiener Kongress beschloss und wo man ihn heute in Wiens Museen findet.

Der Wiener Kongress 1814/15: Wie Europa in Wien tanzte, stritt und neu geordnet wurde
Jean Godefroy nach Jean-Baptiste Isabey, Der Wiener Kongreß, 1819, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Morgen des 7. März 1815, einem Dienstag, erreichte Clemens von Metternich, den österreichischen Außenminister und Leiter des Wiener Kongresses, ein Kurier aus Genua. Napoleon war von Elba verschwunden, der kleinen Insel vor der italienischen Küste, auf die ihn die Sieger nach seiner Abdankung verbannt hatten. Angekommen war er dort zehn Monate zuvor. Wohin er segelte, wusste in Wien noch niemand. Für den Abend war bei Hof eine Kammerunterhaltung angesetzt, ein Scherzspiel mit dem Titel „Der unterbrochene Tanz“. Weil die Nachricht vorerst geheim bleiben sollte, wurde trotzdem gespielt. So erzählt es der Historiker Egon Caesar Conte Corti, und die Eingeweihten hätten ihre Unruhe kaum verbergen können.

Was war der Wiener Kongress? Eine Friedenskonferenz, die von September 1814 bis Juni 1815 in Wien tagte, um Europa nach den Napoleonischen Kriegen neu zu ordnen. Vertreter von rund 200 Staaten, Herrschaften und Städten kamen, Gastgeber war Kaiser Franz I., verhandelt wurde vor allem in Metternichs Staatskanzlei am Ballhausplatz, dem heutigen Bundeskanzleramt. Am 9. Juni 1815 unterschrieben die Mächte die Schlussakte, neun Tage vor der Schlacht bei Waterloo. Dass es am Ende so schnell ging, hatte viel mit jenem Morgen im März zu tun.

Ein Gastgeber und zweihundert Delegationen

Im Herbst 1814 war Wien voll. Ende September trafen Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ein, Kaiser Franz empfing sie persönlich. Johann Nepomuk Höchle hat die Begrüßung Jahre später gezeichnet, das Blatt gehört heute der Albertina.

Johann Nepomuk Höchle, Kaiser Franz I. begrüßt den Zaren Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen bei ihrer Ankunft zum Wiener Kongress, Zeichnung, 1833.
Johann Nepomuk Höchle, Kaiser Franz I. begrüßt den Zaren Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, die zum Wiener Kongress eintreffen, 1833. – Bild: Albertina, gemeinfrei, via Kulturpool

Die Fäden hielt Metternich in der Hand, 1773 in Koblenz geboren und seit 1809 österreichischer Außenminister. Sein Ziel war ein Gleichgewicht der Mächte, in dem keine allein Europa beherrschen konnte. Friedrich von Gentz, der Generalsekretär des Kongresses, klagte schon Ende September, die Gespräche hätten noch keinen wirklichen Fortschritt gebracht.

Die erstaunlichste Rolle spielte ein Verlierer. Charles-Maurice de Talleyrand vertrat Frankreich, das Land, gegen das ganz Europa gekämpft hatte. Unter Napoleon war er selbst Außenminister gewesen. In Wien verschaffte er sich zuerst ein Mitspracherecht und dann Verbündete. Der größte Streit ging um Polen und Sachsen: Russland wollte möglichst ganz Polen, Preußen dafür ganz Sachsen, dessen König zu Napoleon gehalten hatte. Darüber wäre es beinahe zu einem neuen Krieg gekommen. Talleyrand stellte sich mit Großbritannien und Österreich gegen Russland und Preußen. Das Bündnis der Sieger war damit zerbrochen.

Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vom Fleck

Neben den Verhandlungen lief ein Programm aus Bällen, Konzerten und Feuerwerken. Am 23. November 1814 zeigten Ritter in Rittertracht in der Winterreitschule der Hofburg ein Karussell, ein prunkvolles Reiterspiel. Ein Aquarell davon bewahrt das Wien Museum (mehr dazu bei der Spanischen Hofreitschule). Metternich selbst lud nach Corti während des Kongresses zu neunzehn Festen in sein Haus. In den Salons der Stadt verhandelte man weiter, bei der Gastgeberin Fanny von Arnstein am Hohen Markt etwa, deren Christbaumfest im Dezember 1814 ein Polizeispitzel protokollierte (die Geschichte von Wiens erstem Weihnachtsbaum).

Aus dieser Zeit stammt der berühmteste Satz über den Kongress: „Le congrès danse, mais il ne marche pas“, der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran. Zugeschrieben wird er dem Fürsten Charles-Joseph de Ligne, der am 13. Dezember 1814 mit 79 Jahren in Wien starb. Ob er ihn wirklich als Erster gesagt hat, ist nicht sicher; Ligne selbst schrieb, man schreibe ihm das Wort zu. 1931 wurde der Spott zum Titel eines Operettenfilms, „Der Kongreß tanzt“. Dabei waren die Feste mehr als Zeitvertreib. Der Zürcher Historiker Jakob Tanner hat darauf hingewiesen, dass dort Informationen flossen und sich festgefahrene Positionen lockerten.

Napoleon kehrt zurück, der Kongress ächtet ihn

In den Wiener Zeitungen stand die Nachricht drei Tage nach Metternichs Kurier. Am 10. März 1815 meldete der „Wanderer“, Napoleon sei in der Nacht vom 26. auf den 27. Februar mit einigen hundert Mann von Elba abgesegelt. Am selben Tag bot eine Wiener Buchhandlung in der „Wiener Zeitung“ noch eine Lebensgeschichte Napoleons an, die laut Inhaltsangabe mit seiner Ankunft auf Elba endete. Sie war schon überholt. Zwei Tage später wusste der „Österreichische Beobachter“, dass er am 1. März bei Cannes in Südfrankreich gelandet war.

Der Kongress, der sich monatelang über Sachsen gestritten hatte, brauchte nun sechs Tage. Am 13. März 1815 erklärten die Bevollmächtigten der acht Mächte, die 1814 den Pariser Frieden mit Frankreich geschlossen hatten, Napoleon für geächtet, also für rechtlos. Er habe sich als „Feind und Störer der Ruhe der Welt“ selbst ausgeschlossen, druckte der „Beobachter“ am 15. März auf der Titelseite. Die Bevollmächtigten genau dieser acht Mächte zeigt das berühmteste Bild des Kongresses. Das Gruppenbild stammt von Jean-Baptiste Isabey, 1819 stach es Jean Godefroy in Kupfer. Metternich steht darauf links im Vordergrund. Ein Blatt davon besitzt das Wien Museum.

Am 20. März zog Napoleon in Paris ein. Am 25. März erneuerten Großbritannien, Österreich, Russland und Preußen ihr Bündnis. In Wien wurde nun zu Ende verhandelt, was monatelang offen gewesen war.

Was in Wien beschlossen wurde

Russland bekam den größten Teil Polens, Preußen einen Teil Sachsens. Österreich gab die Österreichischen Niederlande auf, etwa das heutige Belgien, und erhielt dafür Lombardei und Venetien. Frankreich blieb Großmacht, und die fünf Großmächte Russland, Großbritannien, Frankreich, Österreich und Preußen sollten einander künftig in Schach halten. In groben Zügen hielt dieses Gleichgewicht fast hundert Jahre, bis 1914.

Statt des Heiligen Römischen Reichs, das 1806 untergegangen war, entstand der Deutsche Bund. Seine Bundesakte unterschrieben am 8. Juni 1815 die Vertreter von 34 Fürstentümern und vier freien Städten, kein Nationalstaat also, sondern ein loser Bund mit Österreich an der Spitze. Er bestand bis 1866. Am Tag danach folgte die Schlussakte mit 121 Artikeln.

Wo der Kongress heute zu sehen ist

Wer dem Kongress in Wien nachgehen will, findet ihn an mehreren Orten. Am Ballhausplatz heißt ein Saal des Bundeskanzleramts bis heute Kongresssaal. In der Hofburg steht die Winterreitschule, in der die Gäste das Karussell sahen. Das Wien Museum besitzt das Gruppenbild nach Isabey, das Aquarell vom Karussell und weitere Drucke aus den Kongressmonaten, die Albertina Höchles Zeichnung vom Empfang. Alle diese Blätter lassen sich auch in den Online-Sammlungen der Häuser ansehen.

Und das Wien Museum hat auch das Bild, mit dem diese Geschichte endet. Die Ordnung von 1815 versprach Ruhe, und Metternich verteidigte sie drei Jahrzehnte lang gegen nationale und demokratische Bewegungen. Am 13. März 1848, auf den Tag 33 Jahre nach der Erklärung gegen den Störer der Ruhe der Welt, zwang ihn die Revolution in Wien zum Rücktritt. Eine Lithografie aus demselben Jahr nennt den Moment „Oesterreich's Wendepunct“. Metternich floh nach London. Der Tanz war wieder unterbrochen, diesmal für ihn.

Lithografie von 1848: Oesterreichs Wendepunkt, die Abdankung des Fürsten Metternich am 13. März 1848.
„Oesterreich's Wendepunct. Die Abdankung des Fürsten Metternich“ (am 13. März 1848), Lithografie von Franz Kollarz, Johann Rauh und Leopold Theodor Neumann, 1848. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Die Kongress-Blätter des Wien Museums sind in seiner Online-Sammlung zu sehen; ob eines davon gerade im Haus am Karlsplatz ausgestellt ist, vor dem Besuch nachfragen. Mehr zu Napoleon und Wien erzählt Davids „Napoleon überquert die Alpen“ im Belvedere.

Wien Museum · Karlsplatz 8, 1040 Wien