Am 14. Juni 1800 lasen die Wiener in ihrer Zeitung, wie Napoleon Bonaparte über die Alpen gekommen war. Vom 17. bis 20. Mai sei seine Armee über den Großen St. Bernhard gezogen, berichtete die Wiener Zeitung, die Kanonen habe man über den Pass geschleppt. Der Erste Konsul sei selbst über den Pass hinabgestiegen und „glitschte über das Eis der unterhalb reissenden Bäche hinweg“. Am selben Tag, an dem das gedruckt wurde, schlug seine Armee bei Marengo die Österreicher.
Kein Jahr später sah derselbe Übergang ganz anders aus. Jacques-Louis David malte Napoleon auf einem steigenden Pferd, den roten Mantel im Wind: „Napoleon überquert die Alpen“. Wo hängt Napoleon auf dem Pferd? Eine der fünf Fassungen ist im Oberen Belvedere in Wien zu sehen, unter dem Titel „Napoleon am Großen St. Bernhard“. Die anderen vier besitzen Malmaison bei Paris, Schloss Charlottenburg in Berlin und zweimal Versailles. Dass ausgerechnet Wien, die Hauptstadt der Verlierer von Marengo, eines dieser Bilder besitzt, hat mit Mailand zu tun.
Ein Porträt ohne Sitzung
Bestellt hat das erste Bild wohl der spanische König Karl IV., über den französischen Botschafter Charles-Jean-Marie Alquier im Sommer 1800. Ganz sicher ist das nicht, ein Schüler Davids nannte später Napoleon selbst als Auftraggeber. David malte von Oktober 1800 bis Jänner 1801. Napoleon weigerte sich, Modell zu sitzen. Er soll sich gewünscht haben, ruhig auf einem feurigen Pferd gezeigt zu werden. David nahm für das Gesicht eine Büste zu Hilfe, für die Haltung stellte er seinen eigenen Sohn auf eine Leiter. Uniform und Zweispitz waren die, die Napoleon bei Marengo getragen hatte.
In den Fels zu Füßen des Pferdes ließ David drei Namen meißeln: Hannibal und Karl der Große, die vor Napoleon mit einem Heer die Alpen überquert hatten, und darüber Bonaparte. Ein Propagandabild, schreibt das Belvedere, und David der ideale Maler dafür.
Fünf Fassungen, eine für Mailand
Napoleon bestellte drei weitere Fassungen: für Schloss Saint-Cloud, für das Hôtel des Invalides und für den Palast der Cisalpinischen Republik in Mailand. Eine fünfte Fassung behielt David bis zu seinem Tod in der Werkstatt. Jede Fassung ging ihren eigenen Weg. Das spanische Original nahm Joseph Bonaparte 1812 mit nach Amerika, die Fassung aus Saint-Cloud ließen preußische Soldaten 1814 nach Berlin bringen.
Die Mailänder Fassung, signiert im Jahr X des Revolutionskalenders, kam 1803 in den Palast der Republik. Dann drehte sich die Geschichte. Nach Napoleons Sturz wurde Mailand 1815 Teil des Königreichs Lombardo-Venetien, regiert vom Kaiser in Wien. 1816 beschlagnahmten die Österreicher das Bild, noch 1825 lag es in Mailand im Depot. 1834 kam es nach Wien, in die kaiserliche Gemäldegalerie. Die war damals im Oberen Belvedere untergebracht, dem einstigen Palast des Prinzen Eugen am Rennweg, wie ein Bericht über die Galerie im selben Jahr festhielt.

Napoleons Sohn erlebte das nicht mehr. Napoleon Franz, Herzog von Reichstadt, Enkel von Kaiser Franz, war 1832 mit 21 Jahren in Schönbrunn gestorben. 1823 hatte ihn Johann Peter Krafft in der Uniform eines österreichischen Feldwebels gezeichnet. Sein Herz kam in die Herzgruft der Augustinerkirche, sein Sarg in die Kapuzinergruft, bis Hitler ihn 1940 nach Paris bringen ließ. Auch ein anderes Werk, das Napoleon bestellt hatte, landete in Wien: Raffaellis Mosaik-Kopie von Leonardos Abendmahl, heute in der Minoritenkirche.
Ganz ruhig blieb es auch in Wien nicht. 1890 zog die kaiserliche Galerie ins neue Kunsthistorische Museum. 1921 übernahm die Galerie im Belvedere Davids Napoleon vom Kunsthistorischen Museum, seither gehört er wieder dem Haus, in dem er 1834 angekommen war.
Das Maultier des Herrn Delaroche
Die Wirklichkeit am Pass war weniger heldenhaft, als David sie malte. Am 20. Mai 1800 ritt Napoleon über den Großen St. Bernhard, auf einem Maultier, geführt von einem Bergführer namens Pierre-Nicolas Dorsaz. Maultiere sind auf schmalen, rutschigen Pfaden trittsicherer als Pferde.
Ein halbes Jahrhundert später malte Paul Delaroche die nüchterne Fassung. Der englische Sammler Arthur George, 3. Earl of Onslow, soll Davids Bild im Louvre unglaubwürdig gefunden und bei Delaroche ein realistischeres bestellt haben. 1850 war es fertig: Napoleon auf einem Maultier, geführt von einem Bauern. Eine Fassung hängt heute in der Walker Art Gallery in Liverpool, eine zweite im Louvre-Lens.
Wo Napoleon heute reitet
Davids Bild ist mit 275 mal 232 Zentimetern fast drei Meter hoch. Es gehört heute dem Belvedere, einem Bundesmuseum der Republik Österreich, also des Landes, dessen Armee bei Marengo geschlagen wurde. Das Belvedere besitzt auch Bilder aus denselben Jahren aus österreichischer Sicht, etwa Johann Peter Kraffts „Abschied des Landwehrmannes“ von 1813. Wie nah sich die Familien Napoleons und der Habsburger kamen, zeigt im Dossier zu Kaiser Franz Joseph ein Aquarell von 1831: der Herzog von Reichstadt mit dem kleinen Franz Joseph auf dem Schoß. Gestorben ist der Herzog in Schloss Schönbrunn.
Die ehrlichere Schilderung vom Pass stand übrigens in Wien schon 1800 in der Zeitung: ein Konsul, der über das Eis glitschte. Im Belvedere reitet er bis heute.
Das Gemälde gehört zur Sammlung im Oberen Belvedere. Öffnungszeiten und Tickets stehen auf belvedere.at, ob das Bild gerade hängt, zeigt die Online-Sammlung des Hauses.
Oberes Belvedere · Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien
Shownotes
- Wiener Zeitung, 14. Juni 1800: Bonapartes Zug über den St. Bernhard, S. 5–6 (ANNO)
- Morgenblatt für gebildete Stände, 22. April 1834: Die kaiserliche Galerie im Belvedere zu Wien, S. 7 (ANNO)
- Kulturpool: Jacques Louis David, Napoleon am Großen St. Bernhard, 1801, Belvedere
- Belvedere Online-Sammlung: Napoleon am Großen St. Bernhard
- Wikipedia: Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard
- Wikipédia: Bonaparte franchissant le Grand-Saint-Bernard
- Wikipedia: Napoleon Crossing the Alps
- Wikipedia: Paul Delaroche, Bonaparte Crossing the Alps
- Wikipedia: Schlacht bei Marengo
- Wikipedia: Königreich Lombardo-Venetien
- Wien Geschichte Wiki: Oberes Belvedere
- Kulturpool: Johann Peter Krafft, Franz Herzog von Reichstadt in Feldwebel-Uniform, 1823, Albertina
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