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October 28, 2026
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Wien Museum

Wo ist der Kopf von Kara Mustafa? Der Schädel aus der Türkenbelagerung

Am 12. September 1883, 200 Jahre nach der Türkenbelagerung, steht Kaiser Franz Joseph vor dem angeblichen Schädel des Großwesirs Kara Mustafa. Wie der Kopf nach Wien kam und warum er heute in einem Grab ohne Namen liegt.

Wo ist der Kopf von Kara Mustafa? Der Schädel aus der Türkenbelagerung
Ladislaus Eugen Petrovits, Jacob Weiner, Historische Ausstellung der Stadt Wien 1883, 1883, Albertina · Public Domain, via Kulturpool

Der 12. September 1883 war ein Festtag in Wien. Genau 200 Jahre vorher hatte das Entsatzheer am Kahlenberg die osmanische Armee geschlagen, und nun wurde das neue Rathaus feierlich vollendet. Nach der Schlusssteinlegung eröffnete Kaiser Franz Joseph dort die Historische Ausstellung der Stadt Wien. Allgemeine Aufmerksamkeit zog das Zelt des Großwesirs Kara Mustafa auf sich, aus Dresden eingesandt. Die Aufmerksamkeit des Kaisers erregte auch ein anderes Stück: ein Totenschädel mit einer seidenen Schnur, angeblich der Kopf des Mannes, der Wien 1683 belagert hatte. Franz Joseph wusste da schon, wie unwahrscheinlich es war, dass der Schädel wirklich Kara Mustafa gehörte. So schrieb es tags darauf die Neue Freie Presse.

Wo ist der Kopf von Kara Mustafa heute? In keinem Museum mehr. Im Frühjahr 2006 ließ der Direktor des Wien Museums den Schädel begraben, ohne Öffentlichkeit, im islamischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs. Die genaue Stelle ist nicht bekannt. Mehr als 300 Jahre hatte er davor der Stadt gehört, als Trophäe aus der Zweiten Türkenbelagerung. Ob es wirklich sein Kopf war, bezweifelte man schon 1833.

Zwei Monate vor Wien

Kara Mustafa kam um 1634/35 bei Merzifon in Anatolien zur Welt und stieg bis zum Großwesir auf. Am 14. Juli 1683 erreichte sein Heer Wien und schloss die Stadt ein. Seine Aufforderung zur Kapitulation wies Stadtkommandant Ernst Rüdiger von Starhemberg zurück. Zwei Monate lang hielten Soldaten und Bürger durch. Am 12. September griff das Entsatzheer unter dem polnischen König Jan III. Sobieski und Herzog Karl von Lothringen vom Kahlengebirge aus an, die Osmanen flohen. Kara Mustafa zog sich über Raab bis nach Belgrad zurück.

Unbekannter Künstler, Bildnis des Großwesirs Kara Mustafa, Ölgemälde um 1700.
Unbekannter Künstler, Kara Mustafa, um 1700. – Bild: Wien Museum (Foto: Birgit und Peter Kainz), CC BY 4.0, via Kulturpool

Auf einem Bildnis um 1700 heißt es, er sei „mit verlust und großen Spott weckgeschlagen worden“. Mit den Daten nimmt die Inschrift es nicht genau: Sie lässt die Belagerung am 12. Juli beginnen und am 17. September enden.

Die Schnur von Belgrad

Am Christtag holte ihn die Niederlage ein. Auf Befehl von Sultan Mehmed IV. wurde Kara Mustafa am 25. Dezember in Belgrad erdrosselt, der Überlieferung nach mit einer seidenen Schnur. Seine Gesichtshaut wurde abgezogen, ausgestopft und dem Sultan nach Adrianopel gebracht, dem heutigen Edirne. Dort wurde sie am 13. Jänner 1684 vorgezeigt und danach bestattet. Den Leichnam setzte man in Belgrad bei, in einer Grabkapelle im Vorhof einer Moschee.

Druckgrafik nach 1683: Hinrichtung des Großwesirs Kara Mustafa in Belgrad am 25. Dezember 1683.
Unbekannter Künstler, Exekution Kara Mustafas in Belgrad am 25. Dezember 1683, nach 1683. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Fünf Jahre später stand die kaiserliche Armee selbst in Belgrad. Nach der Eroberung am 6. September 1688 übergab Kurfürst Max Emanuel von Bayern die Moschee den Jesuiten als Kirche. Zwei Patres sollen dabei Musketiere ertappt haben, die das Grab des Großwesirs plünderten. Sie brachten den Schädel nach Wien, dazu ein mit Koranversen besticktes Hemd und einen handgeschriebenen Koran. Er landete bei Leopold Karl von Kollonitsch, der 1683 als Bischof von Wiener Neustadt Wien mitverteidigt hatte. Ausgerechnet ein Verteidiger bekam also den Kopf des Belagerers. Am 17. September 1696 bestätigte Kardinal Kollonitsch die Echtheit in einem Attest und übergab den Schädel der Stadt, die ihn im Bürgerlichen Zeughaus Am Hof ausstellte.

Ein Schädel im Silberschrein

Das Zeughaus war das Waffenlager der Stadt und schon Ende des 17. Jahrhunderts eine Art Trophäenmuseum. Der Schädel lag in einem silbergetriebenen Schrein aus Augsburg, in einer Schauvitrine, die zwischen 1696 und 1701 entstand. Dazu kamen ein Ölbildnis des Großwesirs, das Attest und eine rote Schnur. Sie sollte aussehen wie die Schnur, mit der Kara Mustafa erdrosselt worden war, gilt aber als barocke Fälschung. Gegenüber stand bis um 1800 eine Türkenfigur mit der Gesichtshaut eines anderen Paschas, Abaza Kör Hüseyin, gefallen am 15. Juli 1683 in der Leopoldstadt.

Joseph von Hammer-Purgstall schrieb 1833, Kara Mustafa sei in Adrianopel begraben. 1883 hielt der Orientalist Josef Karabacek das Attest für nicht stichhaltig, und im Oktober rechnete das Prager Tagblatt in einem Feuilleton vor, warum der Wiener Schädel wohl nicht der des Großwesirs sei: Dessen Kopf liege in Adrianopel, mit einer ehrenvollen Grabinschrift. Zwei Wiener Anatomen schätzten das Alter des Toten im selben Jahr auf 40 bis 50 Jahre. Kara Mustafa war bei seiner Hinrichtung etwa 49. 1886 kam er samt Vitrine ins Historische Museum der Stadt Wien, damals im Rathaus, ab 1959 am Karlsplatz.

Ein Grab ohne Namen

Zum letzten Mal öffentlich zu sehen war der Schädel 1976, in einer Ausstellung im Schloss Schleißheim in Bayern. Als Wien 1983 mit der Schau „Die Türken vor Wien“ an die Belagerung erinnerte, lag er im Depot. 2005 wurde bekannt, dass die Stadt ihn bestatten wolle, ausstellen wollte man ihn aus Pietät nicht mehr. Die Türkei bezweifelte die Echtheit und zeigte kein Interesse an einer Rückgabe. Bestätigen lasse sich die Echtheit nicht, erklärte eine Sprecherin des Kulturstadtrats, weil der Totenschein fehle. Nach einem letzten, unveröffentlichten Gutachten der Technischen Universität wurde der Schädel im Frühjahr 2006 begraben.

1883 stand der Kaiser vor einem Schädel, von dem man ihm gesagt hatte, er sei wohl nicht echt. Beweisen oder widerlegen konnte das seither niemand, die Frage liegt nun mit im Grab. Und falls es doch der Kopf des Großwesirs ist, dann hat Kara Mustafa Wien am Ende erreicht: 323 Jahre nach der Belagerung, an einer Stelle, die keiner nennt.

Aus dem Metall der Kanonen, die die Osmanen 1683 zurückließen, goss Johann Achamer 1711 die alte Pummerin des Stephansdoms. Und Josef Karabacek, der Zweifler von 1883, erkannte den Wert jener Papyri, die heute das Papyrusmuseum bewahrt.

Das Bildnis des Großwesirs zeigt das Wien Museum in seiner Dauerausstellung „Wien. Meine Geschichte“ im Erdgeschoß, im Kapitel über die Zweite osmanische Belagerung. Sie ist ohne Ticket frei zugänglich, montags ist das Museum geschlossen. Im Bürgerlichen Zeughaus Am Hof sitzt heute die Wiener Feuerwehr, nebenan das Feuerwehrmuseum.

Wien Museum · Karlsplatz 8, 1040 Wien