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October 28, 2026
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Schatzkammer

Wo ist die österreichische Kaiserkrone? Die Krone, mit der nie ein Kaiser gekrönt wurde

Im Juni 1919 hofft eine Wiener Zeitung, die Kaiserkrone bleibe für ewige Zeiten in der Schatzkammer. Die Geschichte der Krone Rudolfs II., die 1804 österreichische Kaiserkrone wurde und bei keiner Krönung je dabei war.

Wo ist die österreichische Kaiserkrone? Die Krone, mit der nie ein Kaiser gekrönt wurde
Joseph Weyl, Scheffler, Allegorie der Übergabe der Kaiserkrone durch Kaiser Ferdinand I. an Erzherzog Franz Joseph, 1848, Albertina · Public Domain, via Kulturpool

Am 4. Juni 1919 druckte die Wiener Tageszeitung „Der Abend“ unter dem Stichwort „Krone“ eine knappe Auskunft. Die österreichische Kaiserkrone befinde sich in der Schatzkammer, hieß es, „und bleibt dort hoffentlich für ewige Zeiten Schaugegenstand“. Sehen konnte man sie gerade allerdings nicht. Die Schatzkammer war geschlossen, und das führte zu allerlei beunruhigenden Gerüchten. Ganz grundlos war die Sorge nicht. Sieben Monate vorher, in der Nacht auf den 1. November 1918, hatte der Oberstkämmerer im Auftrag Kaiser Karls den Familienschmuck der Habsburger aus einer Vitrine der Schatzkammer geholt, darunter den Diamanten „Florentiner“. Ein paar Tage später fuhr er damit in die Schweiz.

Wo ist die österreichische Kaiserkrone heute? Noch immer dort. Sie liegt in der Kaiserlichen Schatzkammer in der Wiener Hofburg, im Schweizerhof, zusammen mit dem Reichsapfel und dem Zepter. Die Schatzkammer gehört zum Kunsthistorischen Museum. In ihr liegt auch die viel ältere Reichskrone, und schon 1919 erinnerte die Zeitung „Die Zeit“ daran, die beiden nicht zu verwechseln. Der Unterschied ist einfach. Mit der Reichskrone wurden Jahrhunderte lang Kaiser gekrönt. Mit der österreichischen Kaiserkrone kein einziger.

Eine Krone für die Tage ohne Krönung

Gemacht wurde sie für einen Kaiser, der schon dreimal gekrönt worden war. Rudolf II., 1552 in Wien geboren, war seit 1572 König von Ungarn, seit 1575 König von Böhmen und römischer König, seit 1576 Kaiser. 1583 hatte er seinen Hof nach Prag auf den Hradschin verlegt. Die Reichskrone aber lag in Nürnberg und wurde nur zu Krönungen herausgegeben. Für Reichstage und andere große Auftritte ließen sich die Kaiser deshalb eigene Kronen machen, und die meisten davon wurden nach dem Tod ihres Besitzers wieder zerlegt.

Rudolf holte dafür den Goldschmied Jan Vermeyen aus Antwerpen nach Prag. 1602 war die Krone fertig, eine lateinische Inschrift im Bügel nennt Rudolf als Bauherrn und das Jahr MDCII. Sie ist 28,3 Zentimeter hoch und hat drei Teile. Der Reif mit acht Lilien steht für die Königreiche Böhmen und Ungarn, der hohe Bügel kommt von der Reichskrone, und die goldene Mitra dazwischen, eine Art Bischofsmütze, zeigt den Kaiser als Herrscher von Gottes Gnaden. Acht Diamanten sitzen im Reif, ganz oben auf dem Bügel ein blauer Saphir. Anders als die meisten dieser Privatkronen blieb Rudolfs Krone erhalten, als er 1612 in Prag starb, entmachtet von seinem Bruder Matthias.

Ein Sieg, den es nicht gab

Die Mitra erzählt Rudolfs Leben in vier goldenen Bildern. Eines zeigt, wie er in Regensburg kniend die Reichskrone empfängt, eines seinen Ritt auf den Krönungshügel in Pressburg als König von Ungarn, eines den Krönungszug in Prag als König von Böhmen. Das vierte zeigt ihn als Imperator, als Sieger über die Türken. Diesen Sieg hat Rudolf nie errungen. Der Lange Türkenkrieg, 1593 begonnen, endete 1606 mit einem Frieden, der an den Grenzen wenig änderte, und ausgehandelt hatte ihn sein Bruder Matthias.

1804: ein neuer Titel für eine alte Krone

Zwei Jahrhunderte lang blieb die Krone eine Hauskrone der Habsburger. Dann ernannte sich Napoleon am 18. Mai 1804 zum erblichen Kaiser der Franzosen. Franz II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, wollte im Rang nicht hinter ihm zurückstehen und nahm am 11. August 1804 den Titel eines erblichen Kaisers von Österreich an. Die Wiener Zeitung druckte das Patent am 15. August. Für seine Person, schrieb Franz darin, bleibe ihm an Titel und Ansehen nichts mehr zu wünschen. Rudolfs Krone wurde die Krone des neuen Kaisertums. Als Franz am 6. August 1806 die Reichskrone niederlegte und das alte Reich erlosch, war sie seine höchste Insignie.

Gekrönt wurde mit ihr trotzdem nie jemand. Österreich war eine Erbmonarchie, den Herrschaftsantritt markierte keine Krönung. Als der 18-jährige Franz Joseph am 2. Dezember 1848 Kaiser wurde, geschah das durch eine Proklamation im Thronsaal der fürstbischöflichen Residenz in Olmütz. Eine Druckgrafik aus demselben Jahr machte daraus eine Allegorie: die Übergabe der Kaiserkrone von Ferdinand an Franz Joseph. Eine Krönung erlebte Franz Joseph am 8. Juni 1867, in der Matthiaskirche in Ofen: mit der ungarischen Krone, zum König von Ungarn.

Als Bild war die Krone dafür oft zu sehen. Bis 1867 schwebte sie über dem Doppeladler im Wappen, sie zierte den Hofsalonwagen und das kaiserliche Autokennzeichen, manche Hoflieferanten durften sie führen. Zur Weltausstellung 1873 saß eine vier Meter hohe, vergoldete und mit Steinen besetzte Nachbildung oben auf der Rotunde im Prater.

Fotografie der Wiener Photographen-Association: Nachbildung der Kaiserkrone auf der Rotunde, Weltausstellung 1873.
Wiener Photographen-Association, Weltausstellung 1873: Die Kaiserkrone auf der Rotunde, 1873. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Schaugegenstand für ewige Zeiten

Am 8. November 1918, in den letzten Tagen der Monarchie, meldete das Neue Wiener Journal von „autoritativer Seite“: Die Kleinodien des alten Reichs und die österreichische Kaiserkrone mit Reichsapfel und Zepter würden dem Staat übergeben. Der Familienschmuck hatte Wien da schon verlassen. Die Krone blieb in der Schatzkammer. Eine eigene Krone hatte übrigens auch das Erzherzogtum Österreich: den Erzherzogshut im Stift Klosterneuburg.

Die Hoffnung aus dem Juni 1919 hat sich erfüllt. Die Krone, mit der nie ein Kaiser gekrönt wurde und die dafür auf Wappen, Wagen und der Rotunde prangte, liegt heute als Schaugegenstand in der Schatzkammer, genau wie es sich „Der Abend“ gewünscht hatte.

Die Kaiserliche Schatzkammer ist täglich außer Dienstag geöffnet, Kinder und Jugendliche unter 19 haben freien Eintritt. Eingelassen wird in gebuchten Zeitfenstern, eine Reservierung im Onlineshop empfiehlt sich. Wie die Reichskrone 1938 nach Nürnberg und 1946 zurück nach Wien kam, erzählt Wo ist die Reichskrone?. Wo Franz Joseph und viele andere Habsburger begraben liegen, erzählt die Geschichte der Kapuzinergruft.

Kaiserliche Schatzkammer Wien · Hofburg, Schweizerhof, 1010 Wien