Am Mittwoch, dem 9. Jänner 1946, wurde im Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte in Wien ein Schatz übergeben. General Mark W. Clark, Oberbefehlshaber der US-Truppen in Österreich, überreichte Bundeskanzler Leopold Figl, der mit seinem Kabinett gekommen war, die Reichskleinodien: die Reichskrone, die Heilige Lanze und die übrigen Insignien der römisch-deutschen Kaiser. Clark nannte sie in seiner Rede ein „Symbol der Rückkehr eines neuen, freien und unabhängigen Österreich“. Drei Tage vorher hatte er die Rückgabe bei der Gründung der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft angekündigt, unter stürmischem Beifall, wie die Wiener Zeitung berichtete.
Seither sind die Stücke wieder dort, wo sie bis 1938 gelegen hatten. Wo ist die Reichskrone heute? In der Kaiserlichen Schatzkammer in der Wiener Hofburg, im Schweizerhof, gleich neben der Heiligen Lanze. Die Schatzkammer gehört zum Kunsthistorischen Museum. Nur mit dem Wort „österreichisch“ taten sich die Zeitungen im Jänner 1946 schwer. Der Wiener Kurier hatte von österreichischen Reichskleinodien und Kronjuwelen geschrieben. Ein paar Tage später stellte er richtig: Es gehe nicht um die österreichische Kaiserkrone, sondern um die Krönungsinsignien des Heiligen Römischen Reichs. Eines Reichs, das es da seit 140 Jahren nicht mehr gab.
Eine Krone, älter als jede Gewissheit
Wie alt die Reichskrone ist, weiß niemand genau. Lange hieß es, Karl der Große sei mit ihr gekrönt worden. Das ist eine Legende, und sie ist jünger als die Krone: Um 1510 malte Albrecht Dürer für Nürnberg den Kaiser Karl mit dieser Krone, es ist eine der ersten Stellen, an denen sie ihm zugeschrieben wird. Die Forschung datiert sie heute zwischen Otto dem Großen, der 962 zum Kaiser gekrönt wurde, und Konrad III. im 12. Jahrhundert. Vieles spricht für eine Werkstatt am Niederrhein in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts.
Die Krone ist achteckig, aus acht Goldplatten, und wiegt rund 3,5 Kilogramm. Ein Forschungsprojekt bestimmte 2022 alle 172 Steine, darunter 71 Saphire, 50 Granate und 20 Smaragde, aber auch 11 Stücke aus farbigem Glas. Bis 1792 wurden mit ihr römisch-deutsche Könige und Kaiser gekrönt. Bei der Krönung Josephs II. 1764 in Frankfurt fiel ein Saphir aus der Nackenplatte, ersetzt wurde er durch einen Hyazinth. Der junge Goethe sah zu und fand, die Krone stehe vom Kopf ab wie ein überhängendes Dach.

Gekrönt wurde mit ihr auch Franz Stephan, der Mann Maria Theresias, am 4. Oktober 1745 im Frankfurter Kaiserdom. Ein Kupferstich nach seinem Hofmaler Martin van Meytens zeigt ihn mit der Krone, ein zweiter Maria Theresia.
Mit dem Fischtransport nach Nürnberg, auf der Flucht nach Wien
Wien war lange nicht ihr Ort. Kaiser Sigismund übergab die Reichskleinodien 1423 der Reichsstadt Nürnberg. Im März 1424 kamen sie dort an, getarnt als Fischlieferung, und lagen dann über 370 Jahre in der Kirche des Heilig-Geist-Spitals. Dann rückten französische Truppen vor. Im Juli 1796 brachte der Nürnberger Oberst Johann Georg Haller von Hallerstein Krone, Zepter und Reichsapfel nach Regensburg in Sicherheit, 1800 ging es weiter nach Wien. Am 29. Oktober 1800 wurden sie dort übergeben.
Zurück kamen sie nicht mehr. Als Franz II. am 6. August 1806 die Kaiserkrone niederlegte, endete das Heilige Römische Reich. Ab 1827 zeigte die Weltliche Schatzkammer die Kleinodien öffentlich.

Ein Sonderzug, ein Bunker, eine eingemauerte Nische
Nach dem „Anschluss“ holten die Nationalsozialisten die Kleinodien zurück. Betrieben hatte das der Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel, Hitler stimmte zu. Ende August 1938 fuhren die Kleinodien in einem geheimen Sonderzug nach Nürnberg, aus der Wiener Schatzkammer „entführt“, wie der Wiener Kurier 1946 schrieb. Im Krieg lagen sie in Kunstbunkern unter der Stadt. Am 31. März 1945 verschlossen vier Beamte die wichtigsten Stücke in Kupferbehältern und mauerten sie in eine Nische des Paniersbunkers ein. Ein Scheintransport sollte glauben machen, sie hätten Nürnberg verlassen.
Der US-Kunstschutzoffizier Walter Horn, ein Kunsthistoriker aus Baden, der 1938 in die USA ausgewandert war, spürte die Stücke im August 1945 auf. Der städtische Luftschutzdezernent Fries verriet das Versteck, nachdem man ihm zugesichert hatte, dass die Insignien nicht als Beute nach Amerika gingen. In Wien meldete das Kleine Volksblatt am 17. August 1945, die alte deutsche Kaiserkrone sei in einem Tunnel unter den Ruinen Nürnbergs gefunden worden. Anfang Jänner 1946 flogen die Kisten nach Wien.
Die Lanze und ihre Legenden
Die Heilige Lanze ist das älteste Stück der Sammlung, eine karolingische Flügellanze. Eine Untersuchung in Leoben ergab 1914, dass sie nicht vor dem 8. Jahrhundert entstanden ist. In ihr Blatt ist ein Eisenstift eingesetzt, der lange als Nagel vom Kreuz Christi galt. Karl IV. ließ um 1354 eine goldene Manschette darüberlegen, mit der Inschrift „Lancea et clavus Domini“, Lanze und Nagel des Herrn. Dass es die Lanze sei, mit der der Soldat Longinus Christus in die Seite stach, steht erst in einem Papstbrief des frühen 13. Jahrhunderts. Und die Geschichte, Hitler habe in ihr eine Wunderwaffe gesehen, ist noch viel jünger: Sie geht auf ein Buch von 1973 zurück.
So schließt sich der Kreis im Hauptquartier von 1946. Die Krone eines Reichs, das 1806 zu Ende gegangen war und dessen Insignien Hitler nach Nürnberg hatte holen lassen, wurde zum Zeichen für ein kleines Österreich, das gerade erst wieder anfing. Seit 1954 ist sie wieder in der Schatzkammer zu sehen.
Mehr zu Dürers Kaiserbildern steht bei Dürers Maximilian I. im Kunsthistorischen Museum, eine ganz andere Schatzkammer zeigt die Burg Forchtenstein. Die Kaiserliche Schatzkammer liegt im Schweizerhof der Hofburg. Für Besucher·innen unter 19 Jahren ist der Eintritt frei, Öffnungszeiten und Tickets stehen auf kaiserliche-schatzkammer.at.
Kaiserliche Schatzkammer Wien · Hofburg, Schweizerhof, 1010 Wien
Shownotes
- Wikipedia: Reichskrone
- Wikipedia: Reichskleinodien
- Wikipedia: Heilige Lanze
- Wikipedia (englisch): Imperial Crown of the Holy Roman Empire
- Wikipedia (englisch): Walter Horn
- Wikipedia: Franz I. Stephan
- wien.info: Krone des Heiligen Römischen Reiches
- Kaiserliche Schatzkammer Wien
- Neues Österreich, 10. Jänner 1946: Übergabe der Reichskleinodien an den Bundeskanzler (ANNO)
- Arbeiter-Zeitung, 10. Jänner 1946: General Clark übergibt die Reichskleinodien (ANNO)
- Wiener Zeitung, 8. Jänner 1946: Clark kündigt die Rückführung an (ANNO)
- Wiener Kurier, 7. Jänner 1946: „österreichische Reichskleinodien“ (ANNO)
- Wiener Kurier, 11. Jänner 1946: USFA brachten die Reichskleinodien nach Wien (ANNO)
- Das kleine Volksblatt, 17. August 1945: Kaiserkrone in Nürnberg gefunden (ANNO)
- Kulturpool: Josef Wlha, Reichskrone, um 1905
- Kulturpool: Franz Stephan nach der Krönung mit der Reichskrone
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


