Montag, 11. November 1918, Schloss Schönbrunn. Im Blauen Chinesischen Salon, wo einst Franz Stephan, der Mann Maria Theresias, seinen Rat versammelte, haben Regierungsmitglieder mit dem Kaiser über die Übergabe der Macht verhandelt. Nun liegt ein Blatt vor Karl I. Zur Unterschrift gedrängt hat ihn die Regierung von Ministerpräsident Heinrich Lammasch, die nur noch die Monarchie abwickeln soll. Der entscheidende Satz lautet: „Ich verzichte auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften.“ Das Wort „abdanken“ kommt nicht vor. Am Abend fahren sieben Automobile aus dem Schloss, durch ein Seitentor, um kein Aufsehen zu erregen. Im dritten Wagen sitzt der Kaiser in Zivil neben der Kaiserin, im vierten sitzen die Kinder. Die Fahrt geht über Stadlau und Groß-Enzersdorf ins Marchfeld, nach Schloss Eckartsau. So stand es am nächsten Tag in der „Neuen Freien Presse“.

Karl I. war der letzte Kaiser Österreichs. Regiert hat er keine zwei Jahre, vom 21. November 1916 bis zu diesem Montag. Am Tag darauf, dem 12. November 1918, wurde vor dem Parlament die Republik ausgerufen. Abgedankt hat Karl trotzdem nie, und das bestimmte den Rest seines kurzen Lebens: Exil, zwei gescheiterte Versuche, in Ungarn wieder König zu werden, und ein früher Tod auf Madeira. Begraben ist er dort, in Monte bei Funchal, nicht in der Kapuzinergruft in Wien.
Ein Kaiser, mit dem niemand gerechnet hatte
Karl Franz Joseph kam am 17. August 1887 auf Schloss Persenbeug an der Donau zur Welt. Kaiser Franz Joseph war sein Großonkel, und dass Karl einmal selbst Kaiser würde, war nicht vorgesehen. Doch Franz Josephs einziger Sohn, Kronprinz Rudolf, nahm sich 1889 in Mayerling das Leben. Thronfolger wurde schließlich Franz Ferdinand, ein Neffe des Kaisers und Karls Onkel. Seine Kinder durften nicht erben, weil er nicht standesgemäß geheiratet hatte; nach ihm wäre Karls Vater Otto an der Reihe gewesen. Von 1899 bis 1901 ging Karl in Wien ins Schottengymnasium. Als sein Vater im November 1906 starb, stand Karl selbst an zweiter Stelle der Thronfolge, und Franz Ferdinand wurde sein Vormund. Am 21. Oktober 1911 heiratete Karl auf Schloss Schwarzau Zita von Bourbon-Parma.
Am 28. Juni 1914 wurde Franz Ferdinand in Sarajevo erschossen. Der Wagen, in dem er saß, steht heute im Heeresgeschichtlichen Museum. Das Attentat löste den Ersten Weltkrieg aus, und Karl war nun Thronfolger. Als Franz Joseph am 21. November 1916 starb, wurde Karl mit 29 Jahren Kaiser eines Reichs, das seit über zwei Jahren Krieg führte. Am 30. Dezember 1916 wurde er in der Budapester Matthiaskirche auch zum König von Ungarn gekrönt.

Frieden suchen, Krone verlieren
Karl wollte aus dem Krieg heraus. Anfang 1917 löste er den Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf ab. Über Zitas Bruder, Prinz Sixtus von Bourbon-Parma, ließ er heimlich in Frankreich über einen Separatfrieden verhandeln, also einen Frieden für Österreich-Ungarn allein, ohne den Verbündeten Deutschland. Die Gespräche scheiterten. Im April 1918 wurde die Sache öffentlich. Karl stritt alles ab, bis der französische Regierungschef Georges Clemenceau einen Brief mit Karls Unterschrift veröffentlichte. Die Affäre kostete Außenminister Ottokar Czernin das Amt.
Im Herbst 1918 zerfiel das Reich. Am 16. Oktober versuchte Karl es mit dem Völkermanifest: Die österreichische Reichshälfte sollte ein Bund von Nationalstaaten werden. Am 27. Oktober ernannte Karl Heinrich Lammasch zum Ministerpräsidenten. Am 30. Oktober sagten sich auch die Abgeordneten der deutschsprachigen Gebiete von der Monarchie los und gründeten den Staat Deutschösterreich. Am 3. November wurde das Kriegsende verkündet. Acht Tage später unterschrieb Karl in Schönbrunn jenen Verzicht, mit dem diese Geschichte beginnt. Zita soll ihn bis zuletzt beschworen haben: „Abdanken nie.“ Am 13. November gab er in Eckartsau eine ähnliche Erklärung für Ungarn ab, wieder ohne förmlich abzudanken.

Ein Winter im Jagdschloss, ein Flug nach Ungarn
Eckartsau war ein Jagdschloss, kein Wohnsitz für einen Winter. Rund hundert Menschen gehörten zum Hofstaat, es fehlte an Essen und an Heizung, die Grippe ging um, Medikamente gab es keine. Im Jänner 1919 kam Karl Renner, als Staatskanzler Regierungschef der jungen Republik, unangemeldet und drängte Karl, das Land zu verlassen. Karl empfing ihn nicht. Ende Februar traf der britische Oberst Edward Lisle Strutt ein, brachte Lebensmittel und Arznei und organisierte die Ausreise. Am 23. März 1919 wurde in der Schlosskapelle zum letzten Mal die alte Kaiserhymne gesungen. Am Bahnhof Kopfstetten wartete der Hofzug. Kurz vor der Schweizer Grenze bei Feldkirch widerrief Karl am 24. März im Feldkircher Manifest seinen Verzicht. Die Republik antwortete am 3. April mit dem Habsburgergesetz, das ihn absetzte und des Landes verwies.
Aus dem Schweizer Exil versuchte Karl zweimal, wenigstens in Ungarn wieder auf den Thron zu kommen. Dort regierte an Stelle eines Königs Admiral Miklós Horthy als Reichsverweser. Zu Ostern 1921 tauchte Karl unerkannt in Szombathely auf und traf am 27. März in der Budapester Burg Horthy, der ihm die Macht nicht übergab. Im Oktober wagte er es noch einmal: Am 20. Oktober flog er mit einer Junkers F 13 von Dübendorf nach Westungarn, Zita war mit dabei. Am 23. Oktober kam es bei Budaörs vor Budapest zu Gefechten, am Tag darauf ließ Karl die Waffen strecken. Das Paar wurde im Kloster Tihany am Plattensee festgehalten, die Westmächte schickten es ins Exil nach Madeira. Am 19. November 1921 kamen Karl und Zita in Funchal an.
Wo ist Kaiser Karl begraben?
Die Familie wohnte zuerst in der Villa Vittoria in Funchal, dann in einem bescheidenen Haus in der Quinta do Monte. Am 9. März 1922 holte sich Karl in der Stadt eine Erkältung. Daraus wurden eine Bronchitis und eine schwere Lungenentzündung. Am 1. April 1922 starb er, 34 Jahre alt. Zita, schwanger mit dem achten Kind, und der neunjährige Otto waren bei ihm. In Wien erhielt der Burgpfarrer, Bischof Seydl, ein Telegramm aus Funchal: „Der liebe Gott hat den Kaiser zu sich berufen.“ Darunter stand die Bitte, eine Messe zu lesen, und ein Name: Zita.
Begraben wurde Karl in der Kirche Nossa Senhora do Monte bei Funchal, in einer Seitenkapelle. Dort liegt er bis heute. Als Zita 1989 starb, wurde angeboten, auch ihn in die Kapuzinergruft zu überführen. Die Familie tat es nicht. Sein Herz nahm Zita mit ins Exil, in einer silbernen Urne, fast fünfzig Jahre lang. 1971 übergab sie es dem Kloster Muri in der Schweiz, wo es in der Loretokapelle ruht. Am 3. Oktober 2004 sprach Papst Johannes Paul II. Karl auf dem Petersplatz selig. Sein Gedenktag ist der 21. Oktober, sein Hochzeitstag.
Wo man dem letzten Kaiser in Wien begegnet
Den Raum, in dem die Habsburgerherrschaft endete, kann man in Schönbrunn besichtigen. Der Blaue Chinesische Salon trägt seinen Namen von der chinesischen Tapete, die für den Export nach Europa gemalt wurde. Mit ihm beginnen die Appartements von Maria Theresia und Franz Stephan. Wie er wenige Jahre vor 1918 aussah, zeigt eine Ansichtskarte von etwa 1910 aus dem Wien Museum.
In der Kapuzinergruft erinnert eine Büste mit Inschrift an Karl. In der Gruftkapelle liegt seit 1989 Zita, später kamen Otto, seine Frau Regina und Carl Ludwig, Karls vierter Sohn, dazu. Ein Kuriosum hat das Heeresgeschichtliche Museum zu bieten: Das Kennzeichen des Sarajevo-Wagens lautet A III 118. Manche lesen es als Vorhersage des Kriegsendes: A für Armistice, englisch für Waffenstillstand, und III 118 für 11. 11. 18, den Tag des Waffenstillstands, der den Ersten Weltkrieg beendete. Das ist Zufall und keine Prophezeiung. Aber es ist derselbe Tag, an dem Karl in Schönbrunn den Satz unterschrieb, der kein Abdanken sein sollte. Abgedankt hat er nie. Heimgekehrt ist er auch nicht.
Der Blaue Chinesische Salon liegt im ersten Stock von Schloss Schönbrunn auf dem Rundgang durch die Prunkräume. Welche Tickets ihn einschließen, steht auf schoenbrunn.at. Die Kapuzinergruft liegt am Neuen Markt; die aktuellen Öffnungszeiten stehen auf kaisergruft.at.
Schloss Schönbrunn · Schönbrunner Schloßstraße 47, 1130 Wien
Kapuzinergruft · Tegetthoffstraße 2, 1010 Wien
Quellen und Links
- Wien Geschichte Wiki: Karl I.
- Wikipedia (englisch): Charles I of Austria
- Wikipedia (englisch): Restaurationsversuche Karls in Ungarn
- habsburger.net: The final days of the Monarchy
- habsburger.net: Schloss Eckartsau – Emperor Karl on his way into exile
- habsburger.net: Emperor Karl – downfall and exile
- Schloss Schönbrunn: Blue Chinese Salon
- Wien Geschichte Wiki: Kaisergruft
- Emperor Karl League of Prayers: Karl’s Heart
- Wikipedia (englisch): Gräf & Stift (Kennzeichen A III 118)
- Neue Freie Presse, 12. November 1918: Die Abreise des Kaisers nach Eckartsau (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 12. November 1918: Die Kundgebung des Kaisers (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 12. November 1918: Im Automobil von Schönbrunn nach Eckartsau (ANNO)
- Reichspost, 3. April 1922: Zitas Telegramm aus Funchal (ANNO)
- Kapuzinergruft: Öffnungszeiten
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