Am 31. März 1948 stellte die Zeitung „Die Weltpresse“ ihren Leserinnen und Lesern eine ungewöhnliche Frage: „Wer hat die Gloriette photographiert?“ Seit anderthalb Jahren wurde unter der Leitung von Ingenieur Schmitt an der Gloriette in Schönbrunn gebaut, der Rohbau stand. Doch an einer Stelle fehlte die Vorlage. Von den Trophäengruppen, die Johann Baptist Hagenauer für die Treppen entworfen hatte, war die an der Osttreppe völlig zerstört. Von ihr besaß die Bauleitung ein einziges Foto. Eine der drei anderen Gruppen einfach zu kopieren, kam nicht in Frage. Der Wiener Bildhauer Mörl bot an, aus Trümmern, Holz, Leinwand und Gips ein Modell zu bauen.
Getroffen worden war die Gloriette am 21. Februar 1945. Eine Bombe schlug in den östlichen Stiegenaufgang ein, der den linken Flügel der Säulenhalle stützte, der Ostflügel wurde zerstört. Am selben Tag trafen Bomben auch das Palmenhaus unten im Park. Als man aus den Trümmern der Gloriette die wertvollen Stücke barg, stellte man fest, dass Teile von ihr aus dem Baumaterial eines anderen Wiener Gebäudes stammten. Es war ein Schloss am anderen Ende der Stadt, in Simmering.
Säulen aus dem Lustschloss eines Kaisers
1568 ließ Kaiser Maximilian II. zwischen Simmering und Kaiserebersdorf einen großen Lustgarten anlegen, mit Fasanen, Teichen und Tiergehegen. Er starb 1576, sein Sohn Rudolf II. baute weiter und ließ bis 1585 ein großes steinernes Lusthaus errichten. Der Name „Neugebäude“ taucht 1597 zum ersten Mal auf. Im selben Jahr wurden die Arbeiten aus Geldmangel eingestellt, fertig wurde das Neugebäude nie.

Später hielt man dort Löwen und andere Raubtiere. Ab 1744 ließ Maria Theresia Schießpulver aus den Wiener Stadtbefestigungen im Neugebäude lagern. 1775 ließ sie die großen Säulen am Hauptgebäude abnehmen und übergab sie ihrem Hofarchitekten Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg. Einen Teil davon verbaute er in Schönbrunn, auf dem Hügel über dem Schlossgarten. Säulen und Gesimse sind aus hartem, weißem Kaiserstein, auch die steinernen Stierköpfe des Renaissanceschlosses kamen mit. So stehen die Säulen aus dem Lustschloss eines Kaisers, der Gärten und Tiere liebte, heute in einem Denkmal für die Armee.
Ein Ruhmestempel auf dem leeren Hügel
Der Hügel blieb lange leer. Johann Bernhard Fischer von Erlach hatte 1688 vorgeschlagen, das Schloss selbst dort oben zu bauen. Gebaut wurde Schönbrunn dann unten am Fuß des Hügels, und auch ein Aussichtsbau, den Fischer 1693 für den Hügel entwarf, blieb auf dem Papier. Erst knapp achtzig Jahre später bekam der Hügel sein Gebäude: Hohenberg baute die Gloriette von 1772 bis 1775, als letzten Bau des neu gestalteten Schlossparks. In der Mitte steht ein Bogen wie bei einem antiken Triumphtor, links und rechts schließen Säulenhallen an. Gedacht war das Ganze als Ruhmeshalle der Armee. Gewidmet ist es dem „gerechten Krieg“, der zum Frieden führt. Gemeint sind die beiden großen Kriege, die Maria Theresia geführt hatte: der Österreichische Erbfolgekrieg und der Siebenjährige Krieg.
Hagenauer schuf die Trophäengruppen an den Treppen, Benedikt Henrici den mächtigen Kaiseradler auf der Weltkugel über der Mitte. Die Inschrift nennt zuerst den Sohn, dann die Mutter: errichtet unter der Regierung Josephs II. und Maria Theresias, im Jahr 1775. Der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt nannte die Gloriette 1798 den „schönsten Punkt Schönbrunns“. Im 19. Jahrhundert diente die verglaste Halle in der Mitte oft als Speisesaal, Kaiser Franz Joseph soll hier gefrühstückt haben. Das flache Dach war schon Anfang des 19. Jahrhunderts eine Aussichtsplattform.

Ein Modell aus Trümmern, Holz und Gips
Für den Wiederaufbau nach 1945 brauchte man vor allem Steine aus Mannersdorf und Aflenz. Schwieriger war die Trophäe an der Osttreppe. Aus ihren Trümmern setzte man auf der Rampe ein Modell zusammen und ergänzte die fehlenden Teile. Die Gruppe zeigte einen Baumstamm in einer Ritterrüstung, an seinem Fuß wachten zwei halb aufgerichtete Löwen. Am Modell wurden der untere Teil des Stamms und die Löwenpranken kräftiger ausgeführt, berichtete die „Weltpresse“ am 21. Oktober 1948. Fertig werden könne die Gruppe erst 1949. Nur noch ein kleiner Teil der Gloriette war eingerüstet.
Ein Bild der Gloriette war da schon auf Reisen gegangen. Im November 1947 wählte die Bundesregierung als Hochzeitsgeschenk für die britische Thronfolgerin Prinzessin Elizabeth eine Tapisserie der österreichischen Gobelin-Manufaktur aus. Sie zeigte die Gloriette in Schönbrunn und hatte seit 1937 einem Museum gehört. 1949 meldeten die „Wiener Geschichtsblätter“, die Gloriette sei wieder aufgebaut, nur einige Bildhauerarbeiten fehlten noch.
Kaffee unter dem Kaiseradler
Bei einer Restaurierung 1994/95 wurde der Mittelteil wieder verglast. Seit 1996 ist darin das Café Gloriette untergebracht, wo früher der Speisesaal war. Wer heute auf der Terrasse steht, steht auf einem Bau, der zweimal aus Trümmern entstand: 1775 aus den Säulen eines Kaiserschlosses, das nie fertig wurde, und nach 1945 aus den eigenen Bruchstücken und einem Gipsmodell der Trophäe, von der es nur ein einziges Foto gab.
Die Gloriette steht auf dem Hügel am Ende des Schlossparks von Schloss Schönbrunn. Der Park ist während der Öffnungszeiten frei zugänglich. Die Aussichtsterrasse auf dem Dach hat von Ende März bis Anfang November geöffnet und kostet Eintritt; sie ist auch in Schönbrunn-Kombitickets enthalten.
Gloriette · Schlosspark Schönbrunn, Schönbrunner Schloßstraße 47, 1130 Wien
Quellen und Links
- Wien Geschichte Wiki: Gloriette
- Wien Geschichte Wiki: Neugebäude
- Wikipedia: Gloriette (Wien)
- Schloss Schönbrunn: Gloriette
- Schloss Schönbrunn: Öffnungszeiten (Park, Gloriette-Terrasse)
- Die Weltpresse, 31. März 1948: Wer hat die Gloriette photographiert? (ANNO)
- Die Weltpresse, 21. Oktober 1948: Modell der Trophäengruppe an der Osttreppe (ANNO)
- Wiener Kurier, 15. November 1947: Ein Gobelin für Prinzessin Elizabeth (ANNO)
- Wiener Geschichtsblätter, Heft 3–4/1949: Die Gloriette ist wieder aufgebaut (ANNO)
- Wien Museum Online Sammlung: Lucas van Valckenborch, Kaiserlicher Waldspaziergang vor dem Schloss Neugebäude
- Wien Museum Online Sammlung: Rudolf von Alt, Gloriette
- Wien Museum Online Sammlung: Martin Löfgren, Gloriette, 1905
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