Am 13. Mai 1888 drängen sich auf dem Platz zwischen den beiden neuen Museen an der Ringstraße die Menschen. Kutschen stehen herum, Pavillons sind aufgebaut, der Fotograf Victor Angerer hält die Szene von oben fest. Gefeiert wird eine Frau, die seit mehr als hundert Jahren tot ist: Maria Theresia, die an diesem Tag 171 Jahre alt geworden wäre. Als die Hülle fällt, steht das Maria-Theresien-Denkmal da, 19,4 Meter hoch, ganz oben die Kaiserin auf einem Thron. Die rechte Hand hat sie zum Gruß an ihr Volk erhoben.
Wer dieses Volk sein soll, hat sich jemand sehr genau überlegt.
Dreizehn Jahre für eine Kaiserin
Maria Theresia herrschte von 1740 bis 1780 über die habsburgischen Länder. Als die Ringstraße entstand und zwischen den beiden Hofmuseen ein großer Platz frei blieb, sollte sie dort ein Denkmal bekommen. Um den Auftrag bewarben sich mehrere Bildhauer, darunter Johannes Benk und Carl Kundmann. Den Zuschlag bekam Caspar von Zumbusch. Er arbeitete 13 Jahre daran, vom Modell 1874 bis zur Vollendung 1887. Die Architektur stammt von Carl von Hasenauer, der auch die beiden Museen mitgeplant hatte. Alles Figürliche ist aus Bronze.

Was auf dem Denkmal zu sehen sein sollte, legte allerdings ein anderer fest: Alfred von Arneth, damals Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und Verfasser einer vielbändigen Biografie der Kaiserin. Zumbusch setzte das Programm nicht mit Allegorien um, sondern mit echten Menschen aus dem Umfeld der Kaiserin. Genau deshalb wurde sein Entwurf denen der Konkurrenten vorgezogen.
Ein Hofstaat aus Bronze
Auf dem Gesims unter ihr stehen vier Figuren für Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit und Milde. Auf den Flügeln des Unterbaus reiten vier Feldherren, Daun, Laudon, Traun und Khevenhüller, Männer aus den Kriegen um ihr Erbe und um Schlesien. Davor stehen ihre Berater: Staatskanzler Kaunitz, Friedrich Wilhelm von Haugwitz, der die Verwaltung neu ordnete, Fürst Liechtenstein, der das Geschützwesen reformierte, und ihr Leibarzt Gerard van Swieten, der die Universität umbaute. In ihrer Linken hält Maria Theresia das Zepter, und es ruht auf der Pragmatischen Sanktion, dem Hausgesetz ihres Vaters, das ihr als Frau den Thron überhaupt erst ermöglichte.

In den Bogenfeldern zeigen 16 Reliefs weitere verdiente Persönlichkeiten. Zwei davon erzählen mehr, als das Denkmal wohl wollte. Da ist der junge Mozart, neben Gluck und Haydn. Als ihr Sohn Ferdinand 1771 überlegte, ihn in Mailand anzustellen, riet die Kaiserin ab: Er brauche weder einen Komponisten noch solche nutzlosen Leute, außerdem habe der eine große Familie. Ferdinand stellte Mozart nicht an. Und da ist Joseph von Sonnenfels, der Jurist, der öffentlich gegen die Folter anschrieb. Maria Theresias Strafgesetzbuch von 1768 schränkte sie zwar ein, abgeschafft wurde sie aber erst 1776.
Was auf dem Sockel fehlt
Am 18. Dezember 1744 befahl Maria Theresia, dass alle Juden Prag bis Ende Jänner und ganz Böhmen bis Ende Juni verlassen müssen. Sie warf ihnen vor, mit den Preußen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Prag hatte damals die größte und wichtigste jüdische Gemeinde Europas, die Proteste reichten bis nach England und in die Niederlande. 1748 durften die Familien zurück, gegen eine hohe Toleranzsteuer. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger nennt das Maria Theresias „dunkle Seite“. Wie die Kaiserin über Juden dachte und wie sie einen jüdischen Gast nur hinter einem Paravent empfing, erzählt im Jüdischen Museum Wien eine Installation, über die wir in Drei Schneekugeln auf einer Landkarte geschrieben haben.
Auch Protestanten hatten in ihren Erblanden keinen Platz. Schon unter ihrem Vater hatte die Zwangsumsiedlung heimlicher Protestanten nach Siebenbürgen begonnen, amtlich beschönigt als „Transmigration“. Maria Theresia ließ in den Jahren 1752 bis 1756 und noch einmal 1773 bis 1778 weitere Transporte aus Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark schicken. Mit ihren Verordnungen gegen die Roma wollte sie aus Menschen sesshafte „Neubauern“ machen. 1773 verbot sie Ehen unter Roma, Kinder ab fünf Jahren wurden ihren Eltern weggenommen und Bauernfamilien übergeben.
Der Mann, der das Denkmalprogramm entwarf, kannte zumindest einen Teil dieser Geschichte genau. Arneth hatte die Vertreibung der Prager Juden in seiner Biografie selbst beschrieben. Aufs Denkmal kam sie nicht. Dort steht die Reformerin, die Verwaltung, Armee und Universität umbaute und die Schulpflicht einführte. Das stimmt alles. Es ist nur nicht alles.
Der Gruß an ihr Volk
Auf einem Foto aus den Jahren nach 1888 steht das Denkmal fertig vor dem Kunsthistorischen Museum, davor Gärten und Wege. Wie der Platz entstand und warum das Denkmal ein Stück eines nie vollendeten Kaiserforums ist, zeigt unser Dossier Kunsthistorisches Museum Wien: Das Gebäude in 13 Bildern. Wie Maria Theresia zu ihrem Schloss im Marchfeld kam, steht in Schloss Hof: Prinz Eugens Jagdschloss und Maria Theresias Kauf.

Das Denkmal steht frei zugänglich mitten auf dem Maria-Theresien-Platz, zwischen Kunsthistorischem und Naturhistorischem Museum, gegenüber dem Museumsquartier. Die Kaiserin hebt noch immer die Hand. Wer genau hinschaut, merkt, dass sie nicht alle grüßt, die zu ihrem Volk gehört haben.
Maria-Theresien-Denkmal · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien
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