Ein Tisch, nicht allzu groß, auf der Platte ein historischer Stadtplan von Wien. Darauf stehen drei Schneekugeln: die Karlskirche, die Hofbibliothek, Schloss Schönbrunn. Souvenirware im Jüdischen Museum Wien – die Frage nach dem Warum stellt sich sofort. Die Antwort hat nichts mit dem Erfinder der Schneekugel zu tun, sondern damit, wer diese drei Prunkbauten bezahlt hat.
Hannah Landsmann, im Jüdischen Museum Wien für die Kulturvermittlung zuständig, mag Objekte, die man angreifen darf. Der Schneekugeltisch ist so ein Hands-on, und die Kugeln stehen dort, weil es eine „witzige Idee“ sei, „Objekte oder Architektur zu visualisieren“. Der Witz hält, bis man die Geldflüsse kennt. Karlskirche und Hofbibliothek, die heutige Nationalbibliothek, wurden mit dem Aufenthaltsgeld zweier Wiener Juden mitfinanziert: Die Brüder Marcus und Mayr Hirschl zahlten für die Verlängerung ihrer Aufenthaltsprivilegien so hohe Summen, dass sie in die Fertigstellung der beiden Wahrzeichen flossen. Und Schönbrunn? Maria Theresia ließ das Schloss vergrößern und griff dafür auf die Aufenthaltssteuer von Moses Lopes Pereira zurück, einem portugiesischen Juden, den schon ihr Vater nach Wien geholt hatte und der in Wien als Diego d’Aguilar bekannt wurde.
Für Besucher:innen sei das oft ein frappierendes Erlebnis, sagt Landsmann, weil viele direkt von einer Führung in Schönbrunn kommen, wo von dieser Herkunft des Geldes nicht die Rede ist.
„Wir müssen hier im Jüdischen Museum einfach auch Dinge erzählen, die andere Institutionen nicht erzählen.“
Dazu gehört die Haltung der Herrscherin selbst. Wenige Jahre vor ihrem Tod hielt Maria Theresia schriftlich fest, sie kenne keine ärgere Pest als die Judenschaft. Musste sie doch einmal einen jüdischen Gast empfangen, ließ sie einen Paravent zwischen sich und den Besucher stellen. Genau daran setzt die Installation an, die neben dem Schneekugeltisch steht: Ein Paravent für Maria Theresia von Eva Schlegel, seit 2017 Teil der Dauerausstellung. Es war das Jahr des 300. Geburtstags, gefeiert mit Ausstellungen und Publikationen, mit den vielen Kindern, dem Reiten, der Schulpflicht – dieser Aspekt kam kaum vor.
Die Konstruktion aus Metall und Glas zeigt die Ansicht eines Rokoko-Paravents aus Schönbrunn, dazu einen Spiegel und eine Metallfläche, die zunächst nur löchrig wirkt. Man kann die Installation betreten, drinnen ist es eng und beklemmend. Von innen erkennt man, dass die Löcher rechtsbündig gesetzt sind: Es ist Schrift, ein hebräisches Gebet. 1744 ließ Maria Theresia die Juden aus Prag vertreiben; das Gebet stammt aus dem Dank jener, die zurückkehren durften, formuliert an die Adresse der Kaiserin. Lesen lässt es sich nicht.
Durch die Öffnungen schaut man hinaus in die Ausstellung, sieht den Fußboden, Objekte, Leute – immer nur Ausschnitte. „Wir sehen immer Ausschnitte und nie das Ganze“, sagt Landsmann. Für ein Haus, das an drei Schneekugeln die Finanzierung des barocken Wien aufblättert, ist dieser Satz weniger eine Metapher als eine Arbeitsanweisung.
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