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Judenplatz in Wien: Der Platz, der den Namen der Vertriebenen trägt

Am 15. Juni 1935 wird auf dem beflaggten Judenplatz ein Denkmal für Lessing enthüllt, vier Jahre später ist es weg. Die Geschichte des Judenplatzes, von der Synagoge des Mittelalters bis zum Holocaust-Mahnmal und dem Museum Judenplatz.

Judenplatz in Wien: Der Platz, der den Namen der Vertriebenen trägt
Josef Löwy, Judenplatz 11, ehemalige Böhmische Hofkanzlei, um 1900, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Nachmittag des 15. Juni 1935 war der Judenplatz mit den Fahnen Österreichs geschmückt, und viele Leute waren gekommen. In einer schlichten Feier wurde ein Denkmal für Gotthold Ephraim Lessing enthüllt, den Dichter des „Nathan der Weise“. Betrieben hatte es ein Komitee um den Historiker Oswald Redlich, Präsident der Akademie der Wissenschaften, und den früheren Burgtheaterdramaturgen Rosenbaum. Redlich hielt die Ansprache, nach ihm sprach Staatssekretär Pernter für das Unterrichtsressort, auch ein Männergesangverein war dabei. Unter den Gästen stand der Bildhauer, der die Figur geschaffen hatte: Siegfried Charoux. So berichtete es am nächsten Tag das „Neue Wiener Tagblatt“.

Vier Jahre später ließen die Nationalsozialisten das Denkmal abbauen, 1940 wurde es als Metall für die Rüstung beschlagnahmt. Eine österreichische Exilzeitung in New York kommentierte 1943 bitter, wer den „Nathan“ geschrieben habe, dessen Denkmal werde eben eingestampft. Der Platz in Wien, auf dem Lessing gestanden hatte, hieß da schon seit 500 Jahren Judenplatz. Benannt war er nach einer Gemeinde, die es hier seit 1421 nicht mehr gab.

Der Schulhof und seine Synagoge

Im Mittelalter hieß der Platz Schulhof, erstmals erwähnt 1294, nach der Judenschule, der Synagoge. Er war der Mittelpunkt der Wiener Judenstadt. Rundherum lagen das Judenspital, eine Badestube und das Haus des Rabbiners. Die Synagoge, erstmals 1204 genannt, stand frei an der Nordwestecke des Platzes. Sie hatte einen Raum für das Lernen und Beten der Männer, einen Raum für die Frauen und eine sechseckige Bima, das Pult für die Lesung aus der Tora.

Die Wiener Gesera

Das Ende kam auf Befehl Herzog Albrechts V. Am 23. Mai 1420 ließ er alle Juden im Land gefangen nehmen. Vorgeworfen wurde ihnen, mit den Hussiten zusammenzuarbeiten, dazu kam ein angeblicher Hostienfrevel in Enns. Die Forschung vermutet hinter der Verfolgung auch die ständige Geldnot des Herzogs. Etwa einen Monat später wurden die Armen auf der Donau außer Landes gebracht, die Wohlhabenden blieben in Haft. Sie wurden misshandelt und gefoltert, damit sie sich taufen ließen oder verstecktes Vermögen preisgaben. Für Kinder unter 15 Jahren wurde die Zwangstaufe angeordnet. Der strenge Winter und Suizide forderten zahlreiche Todesopfer.

Am 12. März 1421 wurden die verbliebenen Wiener Jüdinnen und Juden auf der Gänseweide in Erdberg verbrannt. Eine jüdische Chronik, wohl kurz danach entstanden und selbst „Wiener Gesera“ genannt, zählt 92 Männer und 120 Frauen, 212 Menschen. Der Herzog zog ihren Besitz ein und ließ die Synagoge abreißen. Ihre Steine wurden beim Bau der Universität verwendet.

Ein Name für die Vertriebenen

Erst danach bekam der Platz den Namen, den er heute trägt. Ab 1423 hieß er Neuer Platz, 1437 taucht zum ersten Mal „Judenplatz“ auf, 16 Jahre nachdem die Gemeinde vernichtet worden war.

Kupferstich von 1725: Prospekt des Judenplatzes in Wien mit Häuserzeilen, Kutschen und Passanten
Salomon Kleiner, Johann August Corvinus, Johann Andreas Pfeffel d. Ä., „Prospect des Juden Platzes“, 1725. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Am Haus Judenplatz 2, dem Haus „Zum großen Jordan“, ist diese Zeit bis heute zu sehen. Bis 1421 gehörte es einem Juden namens Hocz. 1497 baute es Georg Jordan um. An der Fassade zeigt ein Relief die Taufe Christi im Jordan, darunter steht eine lateinische Inschrift. Sie nennt das Jahr 1421 und feiert die Verbrennung als Reinigung der Stadt: So wie das Wasser des Jordan die Körper reinige, so habe das Feuer die Juden für ihre angeblichen Verbrechen büßen lassen. Die Inschrift hängt hoch, in gotischer Schrift, und ist schwer zu lesen. Am 29. Oktober 1998 enthüllte Kardinal Christoph Schönborn am Haus Judenplatz 6 eine Tafel, die die Mitschuld von Christen an der Verfolgung anerkennt.

Fotografie von 1898: das Haus Judenplatz 2 in Wien mit Geschäftslokal
August Stauda, Judenplatz 2, 1898. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Eine Bibliothek, die niemand öffnen kann

Von 1938 bis 1945 ermordeten die Nationalsozialisten mehr als 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden, rund ein Drittel der jüdischen Bevölkerung des Landes vor 1938. An sie erinnert seit 25. Oktober 2000 das Mahnmal auf dem Judenplatz. Angestoßen hatte es Simon Wiesenthal, den Wettbewerb gewann die britische Künstlerin Rachel Whiteread. Ihr Holocaust-Mahnmal ist ein Block aus Stahlbeton, zehn mal sieben Meter groß und 3,8 Meter hoch: eine Bibliothek, deren Regale nach außen gekehrt sind. Die Bücher zeigen ihre Rücken nicht, kein Titel ist zu lesen. Die Doppeltür hat keine Klinken. Am Sockel stehen die Namen von 45 Orten, an denen österreichische Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Bei der Enthüllung sagte Wiesenthal sinngemäß, das Mahnmal solle nicht schön sein, es müsse wehtun.

Holocaust-Mahnmal von Rachel Whiteread auf dem Judenplatz in Wien, ein Betonblock in Form einer nach außen gekehrten Bibliothek
Rachel Whiteread, Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah, Judenplatz, 2000. – Foto: C. Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Unter dem Platz kam dabei die alte Synagoge wieder zum Vorschein. Von Juli 1995 bis November 1998 wurde gegraben, gefunden wurden Mauern, ein Brunnen und Keller. Der Umriss der Bima ist neben dem Mahnmal ins Pflaster eingraviert. Die Fundamente der Synagoge sind im Museum Judenplatz zu sehen, einem Standort des Jüdischen Museums Wien. Es eröffnete am selben Tag wie das Mahnmal, im Misrachi-Haus am Judenplatz 8, und erzählt von der ersten jüdischen Gemeinde Wiens.

Und Lessing ist zurück. Charoux schuf das Denkmal ein zweites Mal, am 28. Mai 1968 wurde es unterhalb der Ruprechtskirche aufgestellt, am 30. Oktober 1981 kam es auf den Judenplatz. Seither steht der Dichter des „Nathan“ wieder auf dem Platz, der seit fast 600 Jahren den Namen der Vertriebenen trägt, gemeinsam mit einer Bibliothek, deren Bücher niemand aufschlagen kann.

Das Mahnmal ist jederzeit frei zugänglich. Das Museum Judenplatz ist außer samstags täglich geöffnet. Die Dauerausstellung heißt „Unser Mittelalter! Die erste jüdische Gemeinde in Wien“.

Museum Judenplatz · Judenplatz 8, 1010 Wien