Der Karton wirkt, als hätte ihn gerade jemand geöffnet: Quartettkarten, Dominosteine, Würfel und Spielsteine von Mensch ärgere dich nicht, winzige Puppenmöbel, ein Stapel Kinderfotos, ein Tagebuch. Nichts liegt ordentlich aufgereiht. In einer Vitrine im Eingangsbereich des Jüdischen Museums Wien erzählt dieser gewöhnliche Pappkarton eine Geschichte, die man ihm nicht ansieht.
Danielle Spera, von 2010 bis 2022 Direktorin des Jüdischen Museums Wien, kennt die Schachtel gut. Als diese Folge entstand, stand sie im ersten Teil des Atriums, wo die Dauerausstellung „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute“ beginnt – mit den Geschichten von Menschen, die aus Wien vertrieben wurden, jenen, die überlebt haben, und jenen, die nicht überlebt haben.
Lilly Bial war das einzige Kind eines jüdischen Ehepaars in Meidling. Ihr Vater Franz unterrichtete Französisch und war ein geschickter Handwerker; die Puppenmöbel in der Schachtel, ein Bauerntisch mit Sesseln, stammen von ihm. Ihre Mutter Anna schrieb Gedichte und spielte Klavier. Die Fotos zeigen ein Kind beim Spielen mit Schulfreundinnen, eine Kindheit, die glücklich gewesen sein muss.
Nach dem sogenannten Anschluss versuchte die Familie verzweifelt, aus Wien wegzukommen. Franz und Anna Bial entschieden, ihre Tochter mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Viel mitnehmen durften die Kinder nicht: einen Koffer mit Kleidung, ein Dokument. Keine Spielsachen, keine Erinnerungsstücke. Mit diesem kleinen Koffer stieg Lilly in den Zug. Was die Eltern danach packten, war als Nachsendung gedacht – das Quartett, mit dem sie so gern gespielt hatte, Fotos, und das Tagebuch, in dem die Mutter von Lillys Geburt an festgehalten hatte, wie ihr Kind aufwuchs. Die Schachtel erreichte sie nie. Franz und Anna Bial wurden deportiert und ermordet.
Nach dem Krieg gab es viele solcher Schachteln und kaum eine Möglichkeit, die Menschen zu suchen, für die sie bestimmt waren. Ende der 1980er-Jahre, als das Jüdische Museum Wien wieder begründet wurde, kam auch diese hierher, und man begann zu rekonstruieren, wem sie gehört hatte. Lilly Bial, stellte sich heraus, war in England geblieben. Speras Vorgänger flog 2004 mit dem Inhalt der Schachtel zu ihr. Als ältere Dame sah sie zum ersten Mal wieder ihre Kindheit: die Gesichter ihrer Eltern, an die sie keine Erinnerung mehr hatte, ihre Spielsachen, das Tagebuch ihrer Mutter. Sie war so überwältigt, dass sie alles zurückgab.
„Bitte nehmen Sie das mit, ich kann das nicht behalten, und verwenden Sie es im Museum dafür, dass junge Menschen meine Geschichte, die Geschichte meiner Eltern hören.“
Spera hat Lilly Bial nicht mehr kennengelernt, sie lebt nicht mehr. Bekannt ist, dass sie nach dem Abschied nicht mehr gewachsen ist und sehr klein blieb. Eigene Kinder hatte sie keine. Sie wurde Hebamme – es war ihr wichtig, Leben weiterzugeben. Von einer ausgelöschten Familie blieben ein Karton voller Spielsachen und der Beruf einer Frau, die anderen ins Leben half.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM




