Eine Wand fehlt. Wo sie wäre, tritt man ein und sieht vier Bilder, die aussehen wie Fotografien. Sie sind keine. Was hier hängt, ist digital gebaut: Rekonstruktionen von etwas, das es so nicht mehr gibt – und in einem Fall von etwas, das nie fotografiert wurde.
Hannah Landsmann, im Jüdischen Museum Wien zuständig für die Kulturvermittlung, steht im zweiten Stock der Dauerausstellung „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute“, die von den drei jüdischen Gemeinden bis 1938 erzählt. Mitten darin: eine kleine Ausstellung in der Ausstellung. „The Shabbat Room“ heißt die Raum-in-Raum-Installation der israelischen Künstlerin Maya Zack, die das Haus dafür engagiert hat.
Zack bezieht sich auf einen Raum aus der Frühzeit des Hauses. Das erste jüdische Museum der Welt wurde 1895 in Wien gegründet; dort richtete der Genremaler Isidor Kaufmann eine „Gute Stube“ ein – einen Period Room, würde man heute sagen, ausgestattet mit rund 200 Objekten: Möbel und Dinge, die man am Schabbat braucht, dem jüdischen Ruhetag. Die Stube war so erfolgreich, dass sie alle vier Übersiedlungen des Museums mitmachte und einmal nach Dresden verliehen wurde. Geblieben sind Postkarten, Fotos, einzelne Objekte. Von der Wiener jüdischen Geschichte, sagt Landsmann, ist ohnehin nicht mehr viel übrig.
Aus diesem Rest baut Zack ihre Installation: eine Ansicht der Guten Stube, einzelne Objekte, eine Vitrine, wie sie oben im dritten Stock vorkommt – Vergangenheit und Gegenwart im selben Bild. Am weitesten geht sie beim Atelier Isidor Kaufmanns, von dem es keine Aufnahmen gibt. Zack hat seine Gemälde befragt: woher das Licht kommt, welche Lampe, welcher Schrank, welcher Tisch darin vorkommen – und daraus einen Raum montiert, in dem man zu stehen glaubt.
„Kunst ist Rekonstruktion, Kuratieren ist Rekonstruktion.“
Der Satz stammt von Zack; Landsmann ergänzt: Vermittlung sei das auch.
Das vierte und letzte Bild heißt „Mystical Shabbat“: ein Tisch, Stühle ringsum, darauf ein Leuchter mit vier brennenden Kerzen, und der Tisch scheint von innen heraus zu strahlen. Begrüßt wird der Schabbat eigentlich mit zwei Kerzen; bekannt ist auch die Tradition, für jedes Familienmitglied eine anzuzünden. Kaufmann war in Galizien unterwegs und traf dort chassidische Rabbiner, die ihm Modell standen. Landsmann liest den Titel als Hinweis auf die mystische Dimension des Feiertags: Der Schabbat unterbricht einmal in der Woche die normale Zeit, er hebt die Tyrannei der Zeit auf, den Druck der übrigen Tage.
Ein Detail, das Landsmann selbst komisch vorkommt: Das erste jüdische Museum hatte anfangs an einem einzigen Tag der Woche geöffnet – am Schabbat. Eintritt konnte es nicht verlangen: Am Ruhetag macht man keine Geschäfte und soll kein Geld berühren. Das heutige Jüdische Museum Wien hat an genau einem Tag der Woche zu, und das ist der Schabbat. Öffnungszeiten, so gesehen, sagen etwas über die Mentalität einer Gesellschaft.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM




