Am Samstag, dem 5. Juni 1954, Schlag neun Uhr, lag im Vestibül des Wiener Musikvereins ein Totenkopf auf einem schwarzen Katafalk. Kardinal Theodor Innitzer war gekommen, auch der päpstliche Nuntius, und der Schädel wurde feierlich gesegnet. Dann trug man ihn hinaus zu einem langgestreckten schwarzen Leichenwagen mit gläsernen Seitenwänden. Rund 130 Autos folgten ihm über den Rennweg, Schwechat und Petronell bis nach Rohrau, wo ein Landesrat eine Rede hielt. In Rohrau war der Mann, dem dieser Kopf gehört hatte, 1732 zur Welt gekommen: Joseph Haydn.
Wo ist Haydns Schädel? Seit jenem Tag in Eisenstadt, im Haydn-Mausoleum der Bergkirche, in einem Sarkophag aus weißem Marmor bei den übrigen Gebeinen. 145 Jahre lang hatte der Kopf dort gefehlt. Ganz allein ist er im Sarg allerdings nicht: Daneben liegt ein zweiter Schädel. Wie es dazu kam, ist eine Geschichte von Bewunderern, einem bestochenen Totengräber und einem Strohsack.
Ein Kopf für die Wissenschaft
Haydn starb am 31. Mai 1809 in seinem Haus in Gumpendorf, dem heutigen Haydnhaus in der Haydngasse, 77 Jahre alt. Hier hatte er „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ geschrieben. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte Napoleons Armee Wien eingenommen. Am Tag nach seinem Tod wurde Haydn auf dem Hundsturmer Friedhof begraben, schlicht, wie es in der besetzten Stadt eben ging.
Wenige Tage später öffnete der Totengräber Jakob Demuth das Grab und nahm den Kopf heraus. Bezahlt hatten ihn zwei Bewunderer: Joseph Carl Rosenbaum, früher Sekretär bei den Esterházy, und Johann Nepomuk Peter, Verwalter eines Gefängnisses. Beide glaubten an die Schädellehre von Franz Joseph Gall, die Phrenologie, die aus der Form des Kopfes auf Begabungen schließen wollte. Peter fand, was er suchte: Der Sinn für Musik sei an Haydns Schädel voll ausgebildet. Er bewahrte ihn in einer schwarzen Holzkassette mit goldener Lyra und Glasfenstern auf und zeigte ihn gern Besuchern.

August Stauda fotografierte Haydns erstes Grab 1904. Der Friedhof ist heute der Haydnpark in Meidling.
Ein Herzog, ein Fürst und ein Strohsack
1820 wollte Fürst Nikolaus II. Esterházy seinen früheren Kapellmeister endlich nach Eisenstadt holen. Den Anstoß soll ein Gast gegeben haben, der Herzog von Cambridge. Nach einer Aufführung der „Schöpfung“ soll er ausgerufen haben: „Glücklich der Mann, der diesen Haydn im Leben besessen hat.“ Ob er das wirklich gesagt hat, weiß man nicht. Der Fürst jedenfalls ließ das Grab in Wien öffnen. Im Sarg lag ein Körper, über dem Hals eine Perücke. Der Kopf fehlte.
Der Verdacht fiel bald auf Rosenbaum und Peter. Als man Rosenbaums Wohnung durchsuchte, steckte der Schädel in einem Strohsack. Seine Frau Therese, so wird erzählt, legte sich ins Bett und gab vor, unpässlich zu sein, und niemand rührte den Strohsack an. Am Ende lieferte Rosenbaum dem Fürsten tatsächlich einen Schädel, nur eben nicht den richtigen. Dieser falsche Kopf kam mit Haydns Gebeinen in die Bergkirche.
Der echte wanderte weiter. Rosenbaum starb 1829 und vermachte ihn Peter, der gab ihn an seinen Arzt Karl Heller, und von dort kam er an den Pathologen Carl von Rokitansky. 1895 übergaben dessen Söhne den Schädel der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg verglich der Anatom Julius Tandler ihn mit Haydns Totenmaske.
Ein Mausoleum, das wartete
In Eisenstadt ließ Fürst Paul Esterházy 1932 eigens ein Mausoleum für Haydn einrichten, nach Plänen des Architekten Franz Kraus, im linken Seitenschiff unter dem Nordturm der Bergkirche. Den Sarkophag aus weißem Marmor schuf der Bildhauer Oskar Thiede. Für diese Kirche hatte Haydn gearbeitet: Die meisten seiner sechs späten Messen wurden hier uraufgeführt. Der Kopf aber blieb noch 22 Jahre in Wien.

Als er am 5. Juni 1954 schließlich ankam, quoll Eisenstadt über von Menschen. Den schweren Deckel des Sarkophags mit den Marmorengeln und dem Notenblatt hatte man mit großen Winden gehoben. Ein Prälat schritt durch ein Spalier von Mädchen in Landestracht, den Schädel auf schwarzem Samt, für alle sichtbar. Er übergab ihn dem Bildhauer Gustinus Ambrosi, den die Zeitung „Neues Österreich“ den bedeutendsten lebenden Künstler des Burgenlandes nannte, und Ambrosi bettete ihn zu den Gebeinen. Geschlossen werden sollte der Deckel erst nach dem Hochamt am Pfingstsonntag, auf dem Programm stand Haydns Nelsonmesse.
Zwei Schädel in einem Sarg
Den falschen Schädel von 1820 nahm dabei niemand heraus. Er liegt bis heute im Sarkophag, neben dem echten. Auf seiner letzten Fahrt war Haydns Kopf an allen drei Orten vorbeigekommen, die sein Leben bestimmt hatten: Wien, wo er starb, Rohrau, wo er geboren wurde, und Eisenstadt, wo er für die Esterházy komponierte. Die Phrenologen glaubten einst, in diesem Kopf das Genie vermessen zu haben. Geblieben ist von ihrem Eifer vor allem der Ersatzschädel, mit dem sie den Fürsten täuschten.
Wer die Geschichte weiter verfolgen will: In Eisenstadt steht auch Schloss Esterházy, wo Haydn fast dreißig Jahre lang Kapellmeister war. In Wien erinnert das Haydnhaus an seine letzten Jahre.
Bergkirche, Haydn-Mausoleum und Kalvarienberg sind mit einem gemeinsamen Ticket zu besichtigen, das auch das Diözesanmuseum einschließt, mit der Burgenland Card ist der Eintritt frei. Die Öffnungszeiten wechseln mit der Saison, aktuell stehen sie auf haydnkirche.at.
Bergkirche (Haydnkirche) mit Haydn-Mausoleum · Joseph-Haydn-Platz 1, 7000 Eisenstadt
Quellen und Links
- Arbeiter-Zeitung, 6. Juni 1954: Haydns Schädel mit allen Ehren nach Eisenstadt übergeführt, S. 5 (ANNO)
- Neues Österreich, 6. Juni 1954: Österreich gibt Haydn das letzte Geleite, S. 1 (ANNO)
- Neues Österreich, 6. Juni 1954: Fortsetzung, die Beisetzung in der Bergkirche, S. 2 (ANNO)
- Burgenländisches Volksblatt, 12. Juni 1954: Joseph Haydn ist würdig bestattet, S. 1 (ANNO)
- Burgenländisches Volksblatt, 5. Juni 1954: die Geschichte des Schädels, S. 12 (ANNO)
- Wikipedia (englisch): Haydn's skull
- Wikipedia: Joseph Haydn
- Wikipedia: Bergkirche Eisenstadt (Haydnkirche)
- Wikipedia (englisch): Bergkirche (Eisenstadt)
- Wien Geschichte Wiki: Haydnhaus
- Burgenland Tourismus: Haydnkirche mit Haydn-Mausoleum und Kalvarienberg
- Kulturpool: Schädel von Joseph Haydn, Glasdia, WIFAR
- Kulturpool: August Stauda, Hundsturmer Friedhof – Grabstätte von Joseph Haydn, Wien Museum
- Kulturpool: Andachtsbild Eisenstadt, Bergkirche, Volkskundemuseum Wien
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