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Die Votivkirche: Ein Dank für ein gescheitertes Attentat

Zum zweiten Hochzeitstag der Grundstein, zur Silberhochzeit die Weihe: Die Votivkirche entstand als Dank dafür, dass Kaiser Franz Joseph 1853 einen Messerangriff überlebte.

Die Votivkirche: Ein Dank für ein gescheitertes Attentat
Hermann Engel, Grundsteinlegung der Votiv-Kirche am 24. April 1856, Lithografie, 1857, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am 24. April 1856 legten Kaiser Franz Joseph und Kardinal Joseph Othmar Rauscher auf einem Bauplatz vor der Wiener Stadtmauer den Grundstein für eine Kirche. Rund 80 Erzbischöfe und Bischöfe sahen zu, der Stein kam aus dem Tal Josaphat bei Jerusalem. Es war auf den Tag der zweite Hochzeitstag des Kaisers und seiner Frau Elisabeth. Hermann Engel hielt die Szene ein Jahr später in einer Lithografie fest. Gefeiert wurde an diesem Tag aber nicht die Hochzeit, sondern ein Überleben.

Ein Messer auf der Bastei

Drei Jahre zuvor, am 18. Februar 1853, ging der 22-jährige Kaiser auf der Kärntner Bastei spazieren, einem Abschnitt der alten Stadtmauer. Ein junger Schneidergeselle aus Ungarn, János Libényi, stach ihm mit einem Messer in den Nacken. Die Klinge glitt am Kragen der Uniform ab, Franz Joseph wurde nur leicht verletzt. Sein Adjutant Maximilian O'Donell und der Fleischhauer Josef Ettenreich, der herbeigeeilt war, überwältigten den Angreifer. Libényi wurde acht Tage später gehängt.

Am 12. März 1853 kam der Kaiser zur Danksagung zum Stephansdom. Sein jüngerer Bruder, Erzherzog Ferdinand Maximilian, rief nach dem Attentat zu Spenden für eine Kirche auf, rund 300.000 Menschen gaben Geld. Die Kirche sollte eine Votivgabe sein, ein Dankgeschenk der Völker der Monarchie für die Rettung des Kaisers. Daher hat sie ihren Namen.

Kolorierte Lithografie: Franz Joseph I. vor dem Stephansdom bei der Danksagung am 12. März 1853
Franz Kollarz, Johann Rauh, Der 12. März 1853 in Wien: Franz Joseph I. vor dem Stephansdom bei der Danksagung nach dem Attentat, 1853. – Bild: Wien Museum (Foto: Birgit und Peter Kainz), CC0, via Kulturpool

Ein Architekt von 26 Jahren

1854 wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, 75 Entwürfe gingen ein. Es gewann Heinrich Ferstel, ein junger Wiener Architekt, gerade 26 Jahre alt. Zuerst war ein Bauplatz beim Belvedere im Gespräch, er galt aber als zu abgelegen. Gebaut wurde schließlich auf dem Glacis, dem freien Feld vor den Befestigungen. Die Ringstraße gab es noch nicht, die Stadtmauer wurde erst ab 1858 abgerissen.

Der Bruder, der die Weihe nicht erlebte

Gebaut wurde 23 Jahre lang, vor allem mit Sandstein aus Wöllersdorf und Brunn am Steinfeld. Am 18. August 1868, dem Geburtstag des Kaisers, wurden die beiden Türme vollendet. Sie sind 99 Meter hoch, damit ist die Votivkirche nach dem Stephansdom die zweithöchste Kirche Wiens. Der Mann, der den Bau angestoßen hatte, erlebte das nicht mehr: Ferdinand Maximilian war 1864 Kaiser von Mexiko geworden und wurde am 19. Juni 1867 bei Querétaro erschossen.

Geweiht wurde die Kirche am 24. April 1879, wieder an einem Hochzeitstag: Franz Joseph und Elisabeth feierten Silberhochzeit. Die Weihe nahm Kardinal Johann Rudolf Kutschker vor. Rudolf von Alt, damals 66 Jahre alt, hielt die Einweihung in einer Zeichnung fest.

Zeichnung von Rudolf von Alt: die fertige Votivkirche mit ihren zwei Türmen und Menschen auf dem Platz davor, 1879
Rudolf von Alt, Die Einweihung der Votivkirche am 24. April 1879, 1879. – Bild: Wien Museum (Foto: Birgit und Peter Kainz), CC0, via Kulturpool

Im selben Jahr zog ein viel älteres Grab in die Kirche ein: das Hochgrab von Niklas Graf Salm, der Wien 1529 gegen die Osmanen verteidigt hatte. Ferdinand I., damals noch König, hatte es für seinen Feldherrn errichten lassen. Nach der Aufhebung des Dorotheerklosters kam es nach Raitz in Mähren. Es gehört bis heute der Familie Salm-Reifferscheidt und steht als Leihgabe in der Votivkirche.

Titelseite der Neuen Illustrirten Zeitung vom Mai 1879 mit einem Holzstich von der Einweihung der Votivkirche
Vinzenz Katzler, Das Kaiserfest in Wien: Die Einweihung der Votivkirche, Neue Illustrirte Zeitung, 1879. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Fenster für einen, der nicht kämpfen wollte

Bis 1918 war die Votivkirche Garnisonkirche, die katholische Kirche des Militärs in Wien. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie beschädigt, die Glasfenster gingen verloren. Bei der Restaurierung von 1960 bis 1973 wurden viele Fenster neu gestaltet. Eines, 1972/73 eingesetzt, ist dem Widerstand und Franz Jägerstätter gewidmet, einem Bauern aus Oberösterreich, der sich weigerte, in der Wehrmacht zu kämpfen, und 1943 hingerichtet wurde. Bezahlt wurde es aus dem Nachlass der Sängerin Mária Németh. So erinnert die einstige Garnisonkirche heute an einen Kriegsdienstverweigerer.

Rund 25 Jahre lang wurde die Kirche zuletzt innen und außen renoviert, um etwa 40 Millionen Euro. Am 26. November 2023 wurde der Abschluss mit einem Hochamt gefeiert. Die Orgel baute die Firma Walcker, fertig wurde sie 1878, sie hat 61 Register. Wegen ihrer Lage an der Ringstraße wird die Votivkirche gelegentlich auch Ringstraßendom genannt.

Ein Geschenk des Kaisers steht ebenfalls hier: Den spätgotischen Antwerpener Passionsaltar hatte Franz Joseph 1858 gekauft und auf Bitte von Kardinal Rauscher der Votivkirche geschenkt. Heute ist er im Museum in der Votivkirche zu sehen, im ehemaligen Hoforatorium, einer erhöhten Loge über dem Altar, die einst der Kaiserfamilie vorbehalten war. Dazu kommen liturgische Geräte, Entwürfe für die im Krieg zerstörten Glasfenster, ein Architekturmodell der Kirche und eine von Ferstel entworfene Prunkmonstranz. Das Museum ist nur über eine Wendeltreppe erreichbar und hat eigene Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 13 bis 15 Uhr, Samstag von 14 bis 17 Uhr, Eintritt 8 Euro.

Die Kirche ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Samstag von 11 bis 19 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 13 Uhr geöffnet, montags ist sie geschlossen.

Votivkirche · Rooseveltplatz 8, 1090 Wien