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November 6, 2026
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Wo ist der Florentiner Diamant? Der Habsburger-Stein, der 1918 aus der Wiener Schatzkammer verschwand

1920 berichteten Wiener Zeitungen, dass der Florentiner Diamant mit dem Familienschmuck der Habsburger aus der Schatzkammer verschwunden war, und dass die Republik einen Teil davon für sich beanspruchte. Mehr als hundert Jahre später taucht der 137-Karäter in Kanada wieder auf, und die Frage von damals ist wieder offen.

Wo ist der Florentiner Diamant? Der Habsburger-Stein, der 1918 aus der Wiener Schatzkammer verschwand
„Il gran diamante del serenissimo granduca di Toscana“, Druckgrafik, 17. Jahrhundert, Biblioteca Marucelliana Florenz (MS A 213) · Foto: Francesco Bini, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Im Februar 1920 stand in der Schatzkammer der Wiener Hofburg eine Vitrine leer, die Nummer XIII. Bis 1918 hatte darin der private Schmuck der Habsburger gelegen, darunter der „Florentiner“, ein gelber Diamant, gefasst in eine Hutagraffe, einen Schmuck zum Anstecken an den Hut. Das Neue Wiener Journal nannte ihn „bekanntlich den größten Diamanten der Welt“. Wohin er verschwunden war, erklärte das Blatt am 8. Februar 1920: In der Nacht auf den 1. November 1918, in den letzten Tagen der Monarchie, hatte Karl I., der letzte Kaiser Österreichs, den Familienschmuck aus den Vitrinen holen, Stück für Stück in ein Protokoll eintragen und in einen großen Lederkoffer sperren lassen. Um diesen Koffer gab es nun Streit. Die Regierung der jungen Republik warf dem früheren Kaiser vor, er habe nicht nur privaten Schmuck in die Schweiz gebracht, sondern auch Stücke, die inzwischen dem Staat gehörten. Seine Vertreter bestritten das.

Wo ist der Florentiner Diamant heute? In Kanada. Seit dem 4. September 2026 ist er im Musée national des beaux-arts du Québec in Québec-Stadt ausgestellt, zusammen mit 14 weiteren Stücken aus dem Familienschmuck der Habsburger. Der hellgelbe Stein wiegt 137 Karat. Er gehört einer kanadischen Stiftung, der Fiducie Saint-Joseph, die ihn laut ihren Statuten auf lange Sicht in Kanada halten muss. Mehr als hundert Jahre lang galt er als verschollen. Ob er eigentlich der Republik Österreich zusteht, prüft derzeit eine Kommission in Wien – dieselbe Frage wie 1920.

Ein Stein aus Florenz, eine Braut aus Wien

Seinen Namen hat der Diamant von den Medici, den Großherzögen der Toskana. 1601 kaufte Ferdinando I. de’ Medici den rohen Stein von einem portugiesischen Grafen, und bis 1615 schliff ihn ein Venezianer in Florenz in eine Form mit neun Seiten und über hundert Facetten. Woher er davor kam, ist ungeklärt; Legenden erzählen etwa, Herzog Karl der Kühne von Burgund habe ihn in einer Schlacht verloren, oder er sei portugiesische Beute aus Indien gewesen.

Nach Wien kam der Stein durch eine Hochzeit. Franz Stephan, Herzog von Lothringen, wollte Maria Theresia heiraten, die Erbin der Habsburger. Frankreich wollte aber nicht, dass Lothringen, das an seiner Grenze lag, damit an die Habsburger fiel. Kaiser Karl VI., Maria Theresias Vater, machte die Hochzeit deshalb davon abhängig, dass Franz Stephan sein Herzogtum abtrat. Zum Ausgleich bekam er die Toskana, deren Herrscherfamilie keine Erben mehr hatte. Im Februar 1736 heiratete das Paar, 1737 starb der letzte Medici-Großherzog, und Franz Stephan folgte ihm nach. Mit dem Land fiel ihm auch der Diamant zu. In Wien saß der Stein in einer Hutagraffe, die Franz Stephan gehört hatte, und lag als Teil des privaten Hausschmucks in der Schatzkammer, für Besucher sichtbar bis 1918.

Nachbildung des Florentiner Diamanten in einer Fassung, wie sie die Medici trugen
Nachbildung des Florentiner Diamanten in der Fassung, die er bei den Medici hatte, aus Zirkonia, gefertigt 2021 von Paolo Penko für eine Ausstellung im Palazzo Medici Riccardi in Florenz. – Foto: Francesco Bini, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Privat oder Staat?

Nach dem Ende der Monarchie wurde entscheidend, wem der Stein eigentlich gehörte. Das Habsburgergesetz vom 3. April 1919 trennte zwei Arten von Besitz: Was einem einzelnen Familienmitglied persönlich gehörte, durfte es behalten. Das gemeinsame Vermögen des Hauses dagegen, das über Generationen gebunden war und das keiner allein verkaufen durfte, ging an die Republik. Juristen nannten so gebundenen Besitz ein Fideikommiss, und genau dieses Wort benutzte 1920 auch das Neue Wiener Journal. Die Regierung meinte, im Koffer seien auch solche gebundenen Stücke gewesen. Karls Vertreter hielten alles für Privatschmuck.

Der Koffer war da längst außer Landes. Wenige Tage nach der Nacht in der Schatzkammer hatte der Oberstkämmerer, der oberste Hofbeamte, dem die Schatzkammer unterstand, den Schmuck in die Schweiz gebracht. Karl folgte im Frühjahr 1919 mit seiner Familie ins Exil und starb am 1. April 1922 auf Madeira. Was danach mit den Juwelen geschah, erzählte man jahrzehntelang so: Ein Vermögensberater der Familie, Bruno Steiner, habe Stücke an Händler verkauft und sei schließlich mit dem Rest verschwunden. Manche vermuteten, der Florentiner sei zerteilt und neu geschliffen worden.

Postkarte mit einem Doppelporträt von Kaiser Karl I. und Kaiserin Zita
„Kaiser Karl und Kaiserin Zita“, Postkarte, Brüder Kohn, 1916. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Koffer in Québec

Die Familie erzählt heute eine andere Geschichte. Karls Witwe Zita floh im Zweiten Weltkrieg mit ihren Kindern vor den Nationalsozialisten nach Nordamerika und fand im Oktober 1940 in Québec eine Bleibe, in der Villa Saint-Joseph in Sillery. In einem kleinen braunen Pappkoffer hatte sie den Schmuck bei sich. Sie ließ ihn in einem Bankschließfach verwahren und sorgte dafür, dass nur zwei Menschen davon wussten, ihre Söhne Robert und Rudolf. Das Versteck sollte mindestens hundert Jahre nach Karls Tod geheim bleiben. Die Söhne gaben es kurz vor ihrem Tod an ihre eigenen Söhne weiter. Karl Habsburg, ein Sohn von Zitas ältestem Sohn Otto und heute das Oberhaupt der Familie, hat nach eigenen Worten erst 2024 davon erfahren.

Am 6. November 2025 machte die Familie den Fund öffentlich. Der Wiener Juwelier Christoph Köchert hatte die Stücke im Auftrag der Familie geprüft: Der Florentiner war echt, unversehrt und in einem Stück. Offen blieb, wie der Stein aus der Schweiz in Zitas Koffer gekommen war. Kulturminister Andreas Babler setzte im Dezember 2025 eine Kommission unter Wolfgang Peschorn ein, dem Präsidenten der Finanzprokuratur, der Anwaltskanzlei der Republik. Sie soll klären, ob Österreich Anspruch auf die Juwelen hat und ob er sich durchsetzen ließe. Die Familie hält den Schmuck für Privatbesitz und verweist darauf, dass Schweizer Behörden das schon 1921 bestätigt hätten. Der Historiker Oliver Rathkolb sieht dagegen Ansprüche der Republik, unter anderem aus dem Habsburgergesetz. Im Oktober 2026 hieß es, der Bericht komme erst 2027: Die Lücken in der Geschichte der Stücke seit 1918 müsse die Kommission selbst rekonstruieren, weil Karl Habsburg dazu keine nachvollziehbaren Angaben mache.

Gebäude des Musée national des beaux-arts du Québec in Québec-Stadt
Das Musée national des beaux-arts du Québec in Québec-Stadt, in dem der Florentiner seit September 2026 ausgestellt ist. – Foto: Wilfredor, CC0, via Wikimedia Commons

Wieder hinter Glas

Im September 2026 kam der Florentiner zum ersten Mal seit 1918 wieder in eine Vitrine. Mit ihm zeigt das Museum in Québec auch den Koffer, in dem er die Jahrzehnte im Schließfach verbracht hat. Aus dem großen Lederkoffer, den das Neue Wiener Journal 1920 beschrieb, war ein Pappkoffer geworden, aus der Vitrine XIII in der Hofburg eine Vitrine in Québec. Nur die Frage, die damals in der Zeitung stand, ist dieselbe geblieben: Privatschmuck oder Staatsbesitz? Die Antwort der Kommission soll 2027 kommen.

Warum die österreichische Kaiserkrone 1918 in der Schatzkammer blieb, erzählt unser Text zur Krone; wer Karl war, der Deep Dive zu Kaiser Karl, und wie Zita 1989 nach Wien zurückkehrte, der Text über ihr Begräbnis. Die Familie im Überblick zeigt der Habsburger Stammbaum, Besuchsinfos zur Krone stehen bei der Kaiserlichen Schatzkammer.

Musée national des beaux-arts du Québec · Québec-Stadt, Kanada