Anfang Juli 1954 meldeten die Wiener Zeitungen, dass die weltliche Schatzkammer in der Hofburg wieder offen ist, zum ersten Mal seit 16 Jahren. Im Sommer 1938 war sie geschlossen worden, und die Reporter gingen hinein, um die Schätze wiederzusehen. Zwischen Kronen und Reichsinsignien fiel ihnen ein Stück auf, das in keine dieser Gruppen passt: ein gedrehter Zahn, fast zweieinhalb Meter lang, das „Ainkhürn“. Manche Stücke, schrieb das Neue Österreich, hätten ein wenig von ihrem Wert eingebüßt. So das Ainkhürn, das der Sage nach der Stoßzahn eines Einhorns sein sollte. Die Zoologen wüssten dafür eine einfachere Erklärung: Es sei der Zahn eines arktischen Narwals.
Gibt es also Einhörner? Nein. Was in den Schatzkammern Europas als Horn des Einhorns lag, sind Zähne von Narwalen. Bei dieser Walart wächst den Männchen meist der linke Eckzahn des Oberkiefers durch die Oberlippe nach vorn, spiralförmig gedreht und bis zu drei Meter lang. Narwale leben im Nordpolarmeer, vor allem rund um Grönland. Ab etwa 1100 ist der Handel mit ihren Zähnen belegt, und wer sie in Europa kaufte, glaubte an ein Einhorn. Das Wiener Exemplar misst 243 Zentimeter.
Ein Geschenk aus Polen, das vor Gift schützen sollte
Nach Wien kam das Ainkhürn 1540 als Geschenk des polnischen Königs Sigismund II. August an Ferdinand I., den Bruder Kaiser Karls V. und späteren Kaiser. Kaum etwas galt in den Kunst- und Wunderkammern der frühen Neuzeit, den Sammlungen, in denen Fürsten Seltenes aus Natur und Kunst zusammentrugen, als kostbarer. Zeitweise soll ein Einhornhorn zehnmal so viel gekostet haben wie Gold.
Der Grund für diesen Preis war ein Glaube: Das Horn des Einhorns sollte Gift erkennen und unschädlich machen. Man stellte sich vor, dass es in der Nähe von Gift zu schwitzen beginne. An Fürstenhöfen berührten Diener deshalb Speisen mit dem Horn, bevor sie aufgetragen wurden, und Trinkgefäße aus Narwalzahn sollten das Getränk schützen.

Zwei Dinge, die nie geteilt werden durften
Wie viel das Ainkhürn den Habsburgern bedeutete, zeigte sich nach dem Tod Ferdinands I. im Juli 1564. Seine drei Söhne Maximilian II., Ferdinand und Karl teilten die Länder und den Schatz des Vaters unter sich auf. Zwei Stücke nahmen sie davon aus: das Ainkhürn und eine große Achatschale aus dem 4. Jahrhundert, die man für den Heiligen Gral hielt, also für das Gefäß, in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Beide sollten nie verkauft, verschenkt oder verpfändet werden und immer beim ältesten Fürsten des Hauses Österreich bleiben. Sie wurden damit zu „unveräußerlichen Erbstücken“: Sie gehörten nicht einem einzelnen Habsburger, sondern der ganzen Familie über alle Generationen.
Wie hoch man Narwalzahn auch Jahrzehnte später noch schätzte, zeigt ein anderes Stück der Schatzkammer. 1615 vollendete der Goldschmied Andreas Osenbruck in Prag für Kaiser Matthias ein neues Zepter. Sein schlanker Schaft ist aus Narwalzahn, innen durch eine Eisenstange verstärkt, damit er den schweren Knauf aus Gold, Diamanten und Rubinen tragen kann. Das Zepter gehört zu den Insignien der österreichischen Kaiserkrone und liegt bis heute mit ihr in der Schatzkammer.

Ein Arzt in Kopenhagen findet den Wal
Dass hinter dem Einhorn ein Wal steckt, wurde erst fast hundert Jahre nach dem Wiener Geschenk bewiesen. 1638 wies der dänische Arzt und Sammler Ole Worm nach, dass die angeblichen Einhornhörner Zähne des Narwals sind. An ihre Heilkraft glaubte er trotzdem weiter: Er vergiftete Tiere und gab ihnen danach gemahlenen Narwalzahn, und weil sie sich erholten, sah er die Wirkung bestätigt. Den Preis rettete das nicht: Als um die Mitte des 17. Jahrhunderts mehr Narwalzähne nach Europa kamen, fiel er.

Das Horn, das geblieben ist
Der Reporter des Neuen Österreich fand 1954 noch einen Trost für das entzauberte Stück: Bis heute habe kein Fischer einen Wal erlegt, dessen Zahn das Ainkhürn an Länge übertroffen hätte. Ganz stimmte das nicht. Als längster bekannter Narwalzahn gilt ein Exemplar von rund 2,74 Metern im Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main.
Gehalten hat dagegen, was die drei Brüder 1564 vereinbart hatten: Das Ainkhürn und die Achatschale liegen bis heute zusammen in der Schatzkammer. Im Katalog des Kunsthistorischen Museums, zu dem die Schatzkammer gehört, steht bei der Objektbezeichnung „Einhorn“. Eine Zeile darunter, beim Material, steht die Antwort, die schon 1954 in der Zeitung stand: Narwalzahn.
Das Ainkhürn liegt in der weltlichen Schatzkammer, in der auch die Reichskrone und die Kaiserkrone zu sehen sind. Wie die Familie durch Hochzeiten zu ihrem Reich kam, erzählt der Habsburger Stammbaum. Besuchsinfos stehen auf unserer Seite zur Kaiserlichen Schatzkammer.
Kaiserliche Schatzkammer Wien · Hofburg, Schweizerhof, 1010 Wien
Shownotes
Quellen
- Kunsthistorisches Museum: Das „Ainkhürn“ (Einhorn), Narwalzahn, L. 243 cm, Schatzkammer WS XIV 2
- Kunsthistorisches Museum: Das Zepter, Andreas Osenbruck, 1615
- habsburger.net: The horn of a unicorn and the Holy Grail – the Habsburg treasure
- Wikipedia: Ainkhürn · Narwal · Ole Worm
- Neues Österreich, 4. Juli 1954: In der Hofburg wieder eröffnet – Des Heiligen Römischen Reiches Schatzkammer (ANNO)
- Österreichische Zeitung, 2. Juli 1954: Weltliche Schatzkammer eröffnet (ANNO)
- Arbeiter-Zeitung, 1. Juli 1954: Wiedereröffnung der Wiener Schatzkammer (ANNO)
- The Met: The Unicorn Purifies Water (Unicorn Tapestries)
- Wellcome Collection: Tusk of the narwhal, or horn of the unicorn
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