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October 31, 2026
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Josephinum

Wachsmodelle im Josephinum: Wie 1.192 Körper aus Wachs mit Maultieren über die Alpen kamen

Im September 1786 meldete die Wiener Zeitung einen neuen Transport aus Florenz: anatomische Präparate aus Wachs für die Akademie Josephs II. Sie stehen bis heute im Josephinum.

Wachsmodelle im Josephinum: Wie 1.192 Körper aus Wachs mit Maultieren über die Alpen kamen
Ausstellungsansicht Wachsmodelle, Josephinum · Foto: © Josephinum / Bene Croy (Pressebild)

Am Samstag, dem 9. September 1786, stand in der Wiener Zeitung eine kurze Meldung. In diesen Tagen sei aus Florenz wieder ein Transport anatomischer Präparate in Wien angekommen, „aus Wachs vortrefflich verfertiget“, und in der Josephinischen Akademie der Chirurgie aufgestellt worden. Das Wort „wieder“ verrät, dass es nicht die erste Lieferung war. Seit zwei Jahren kamen aus der Toskana Körper aus Wachs nach Wien, Stück für Stück zerlegt und verpackt.

Die anatomischen Wachsmodelle des Josephinums sind eine Sammlung von Lehrmodellen des menschlichen Körpers, die Kaiser Joseph II. in Florenz anfertigen ließ: 1.192 anatomische und geburtshilfliche Modelle für zusammen 30.000 Gulden. Gemacht wurden sie unter der Leitung der Anatomen Felice Fontana und Paolo Mascagni. Sie sollten Militärärzte und Chirurgen ausbilden, an der Akademie, die Joseph dafür an der Währinger Straße im 9. Bezirk bauen ließ. Der Großteil ist erhalten und steht bis heute im Josephinum. Warum ließ ein Kaiser über tausend Körper aus Wachs über die Alpen bringen?

Ein Bruder in Florenz

Die Idee holte sich Joseph bei seinem Bruder. Leopold, der später als Leopold II. sein Nachfolger wurde, regierte damals als Großherzog die Toskana und hatte das Florentiner Naturkundemuseum La Specola mit Präparaten aus Wachs ausstatten lassen. Joseph sah die Sammlung auf einer Italienreise. In Wien sollten solche Modelle nicht nur bestaunt werden, sondern Ärzte ausbilden. Florenz war damals das Zentrum der Wachsmodellierkunst. Wachs ließ sich leichter formen und war billiger als Terrakotta oder Ton, aus denen solche Lehrpräparate bis dahin gemacht wurden. Die Initiative für eine eigene Akademie der Militärärzte kam von Josephs Leibchirurgen Giovanni Alessandro Brambilla, der sie bis 1795 leitete. Er sollte seit 1779 das gesamte Sanitätswesen der Armee führen, und dort war viel zu reformieren.

Gebaut wurde die Akademie von 1783 bis 1785 nach Plänen von Isidore Canevale, der auch den Narrenturm entwarf. Am 7. November 1785 wurde sie eingeweiht. In Florenz arbeiteten die Anatomen und ihre Wachsbildner da schon seit Jahren an der Bestellung, insgesamt sechs Jahre lang.

Johann Hieronymus Löschenkohl, Die Einweihung der josephinischen Militärakademie für Chirurgen in Wien am 7. November 1785, Kupferstich von 1786.
Johann Hieronymus Löschenkohl, Die Einweihung der josephinischen Militärakademie für Chirurgen in Wien am 7. November 1785, 1786. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Mit Maultieren über den Brenner

1784 wurden die ersten fertigen Modelle zerlegt und verpackt. Ein Zug aus Menschen und Maultieren brachte sie von Florenz über Bologna und Verona und dann über den Brenner bis an die Donau. Ab Linz ging es mit dem Schiff weiter nach Wien. Ab 1786 wurde mit ihnen unterrichtet, also ungefähr ab der Zeit, als die Wiener Zeitung den neuen Transport meldete.

Carl Schütz, Ansicht der Josephinischen Medizinisch-Chirurgischen Militärakademie in der Währinger Gasse, Kupferstich um 1787.
Carl Schütz, Josephinische Medico Chirurgische Militair Academie und Gewehr Fabrik in der Waringer Gasse, um 1787. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Lehrbuch zum Aufklappen

Ausgestellt wurden die Modelle in Vitrinen aus Rosenholz mit venezianischem Glas, und die ließen sich öffnen. Über jeder Vitrine hing eine kolorierte Zeichnung mit Nummern und Raster, in den Schubladen lagen Erklärungen auf Italienisch und Latein, teils mit deutscher Übersetzung. So ließen sich Modell, Bild und Text miteinander vergleichen. Schön sollten die Körper trotzdem sein: Die Figuren folgen Skizzen Michelangelos, die Frauenkörper haben barocke Züge. Und gedacht waren sie nicht nur für angehende Ärzte. Die Sammlung war auch für die Öffentlichkeit zugänglich, damit Laien sehen konnten, wie der menschliche Körper aufgebaut ist. Das war ganz im Sinn der Aufklärung, an die Joseph mit seinen Reformen glaubte.

Ausstellungsansicht im Josephinum mit anatomischen Wachsmodellen.
Ausstellungsansicht mit Wachsmodellen im Josephinum. – Foto: © Josephinum / Reiner Riedler

Wieder in denselben Räumen

Heute gehört das Josephinum zur Medizinischen Universität Wien. Ab Februar 2019 wurde das Haus um rund elf Millionen Euro saniert, seit dem 29. September 2022 ist es wieder ein öffentliches Museum für Medizingeschichte. Die Wachsmodelle stehen im ersten Stock, verteilt auf sieben Räume und so aufgestellt wie zur Zeit des Kaisers. Wieder zu sehen ist auch der historische Hörsaal, der von 1947 bis zur Sanierung hinter einer eingezogenen Decke verborgen war. Im Erdgeschoß erzählt das Museum die Medizin ab dem 19. Jahrhundert weiter, bis in die NS-Zeit und zur Hightech-Medizin von heute. Wie echte Präparate aussehen, zeigt nicht weit entfernt die Sammlung im Narrenturm, etwa ein Bein mit Krampfadern, das selbst wie ein Modell wirkt.

So endet die Reise, die 1784 in Florenz begonnen hat, bis heute dort, wo die Wiener Zeitung sie 1786 enden ließ: in der Akademie an der Währinger Straße, in den Vitrinen, für die die Körper gemacht wurden. Wer sie heute ansieht, kann der Zeitung recht geben. Vortrefflich verfertigt sind sie immer noch.

Das Josephinum hat Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr, an Feiertagen, die auf diese Tage fallen, ebenso.

Josephinum – Sammlungen der Medizinischen Universität Wien · Währinger Straße 25, 1090 Wien