Objekte
January 21, 2022
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NHM Wien

Ein Bein mit Krampfadern: Warum das Präparat im Narrenturm wie ein Modell wirkt

Ein ganzes Bein auf einem Holzbrett, die Venen blau und frei präpariert: Eduard Winter zeigt in der Pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm ein echtes Humanpräparat, das fast alle für eine Nachbildung halten.

Ein Bein mit Krampfadern: Warum das Präparat im Narrenturm wie ein Modell wirkt
Foto: Herbert Ortner, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Auf einem Holzbrett steht ein Bein. Es reicht von knapp unter der Hüfte bis zu den Zehenspitzen, ist durch die Fußsohle auf einem Metallständer montiert und durchgestreckt, als wollte es gleich einen Schritt machen. Über Wade und Oberschenkel winden sich dicke, blau eingefärbte Stränge nach oben. Wer daran vorbeigeht, hält das Ganze für ein Modell.

Eduard Winter, Kustos der Pathologisch-anatomischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien, kennt diese Reaktion. Genau darin liegt für ihn der Reiz des Stücks, das in der Studiensammlung im Narrenturm steht. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man, dass hier nichts nachgebildet ist: Es ist ein Humanpräparat, ein Trockenpräparat, ein echtes Bein, kurz unter der Hüfte abgetrennt.

Hergestellt wurde es mit einem Verfahren, das die Gefäße aus dem Körper herausschneidet, ohne sie zu zerstören. Die Venen wurden mit einer säurebeständigen Flüssigkeit ausgespritzt, die aushärtete. Danach trug man das umliegende Gewebe ab, so weit es mit dem Skalpell möglich war, den Rest ätzte man weg. Übrig blieb, was zu sehen sein sollte: die Krampfadern, blau eingefärbt, damit sie hervorstechen. An den Zehen hat man darauf verzichtet, dort ist das Bein natur belassen. Von oben, an der Schnittfläche, sieht man den Röhrenknochen, das getrocknete Muskelgewebe, sogar Reste der Bänder.

Das Krankheitsbild selbst ist alles andere als selten. Krampfadern sind beinahe eine Volkskrankheit, viele kennen sie von sich oder aus der eigenen Familie. Hier sind sie allerdings besonders stark ausgeprägt – und vor allem sind alle Schichten weg, die sonst davorliegen. Winter beschreibt das Bein deshalb als Lehrstück in doppelter Hinsicht: Es zeigt eine Krankheit, und es zeigt, wie Präsentation Aufmerksamkeit erzeugt. Besucher:innen bleiben stehen und fragen nach, was das denn sei.

„Das ist ein ganz gutes Beispiel, wie man nur über die Aufmachung eines Präparats Neugier wecken kann.“

Angefertigt wurde das Bein ursprünglich für Medizinstudenten. Bevor es Fotografien gab, waren solche Präparate die einzige Möglichkeit, ein Krankheitsbild aufzuheben und weiterzugeben, gerade in einer so ausgeprägten Form. Heute arbeitet man mit Fotos und 3D-Modellen. Ab etwa 15 Studierenden, sagt Winter, lässt sich ein Human- oder Feuchtpräparat ohnehin nicht mehr sinnvoll herumreichen.

Auch die Aufbewahrung hat eine Geschichte. Eine Zeit lang stand das Bein unter einem Glassturz, darunter bildete sich Schimmel, der aufwendig entfernt und restauriert werden musste. Seither steht es frei an der Luft – so, wie es ursprünglich gedacht war. Konservatorisch ist das die bessere Lösung, und es riecht auch nicht mehr.

Angreifen kann das Präparat trotzdem niemand: Die Studiensammlung ist nur im Rahmen einer Führung zugänglich, man geht daran vorbei, nicht heran. Bleibt der Effekt, den Winter beschreibt – dass ausgerechnet ein vertrautes Leiden zum Objekt wird, an dem man stehen bleibt. Nicht weil es fremd wäre, sondern weil man es zum ersten Mal von innen sieht.