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November 2, 2026
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Morbides Wien: Wo die Stadt ihren Toten begegnet, vom Zentralfriedhof bis zum Narrenturm

Auf dem Zentralfriedhof liegen mehr Menschen, als Wien Einwohner hat. Wie die Stadt zu ihrem morbiden Ruf kam: Klappsarg und Herzstich, Kaisergruft und Narrenturm, Leichenstraßenbahn und Friedhof der Namenlosen.

Morbides Wien: Wo die Stadt ihren Toten begegnet, vom Zentralfriedhof bis zum Narrenturm
Leichentransportwagen der Wiener Straßenbahn, um 1918. Urheber:in unbekannt

Zu Allerheiligen fährt die Straßenbahnlinie 71 deutlich öfter als sonst, und mit dem Auto darf niemand auf das Gelände des Zentralfriedhofs. Mehr als 300.000 Menschen gehen an diesem Tag zu den Gräbern ihrer Angehörigen, zwischen Grablichtern und Kränzen, durch eine Stadt, die größer ist als die der Lebenden. Rund drei Millionen Menschen liegen auf dem Zentralfriedhof, Wien selbst hat etwa zwei Millionen Einwohner.

Morbides Wien, so heißt der Ruf, den die Stadt bei Besuchern hat: eine Stadt, die dem Tod näher steht als andere. In Wien sagt man bis heute, jemand habe „eine schöne Leich“ gehabt, wenn sein Begräbnis prächtig war. Es gibt Grüfte mit Kaisern und Mumien, ein eigenes Museum für Bestattung, einen runden Turm voller Präparate und einen Friedhof für Tote ohne Namen. Wer den Geschichten dahinter nachgeht, findet allerdings weniger Liebe zum Tod als Angst, Sparsamkeit und Sorge um die Hygiene. Und manches, was heute als typisch wienerisch gilt, war zuerst äußerst unbeliebt, allen voran der Zentralfriedhof selbst.

Ein Kaiser schickt die Toten vor die Stadt

Viele der Wiener Todesorte gehen auf Joseph II. zurück. 1784 schloss er die Friedhöfe in der Stadt und den Vorstädten und verbot Begräbnisse in den Kirchengrüften, aus Angst vor Seuchen. Außerhalb des Linienwalls, der damaligen Stadtgrenze, entstanden fünf neue Friedhöfe. Auf einem davon, in St. Marx, wurde im Dezember 1791 Mozart begraben, in einem Schachtgrab, einem Gemeinschaftsgrab ohne Kennzeichnung. Wo genau er liegt, konnte schon seine Witwe nicht mehr herausfinden, wie unsere Geschichte über Mozarts Grab erzählt.

Joseph ging noch weiter. Die Toten sollten in Leinensäcke eingenäht und in einem Klappsarg zum Grab gebracht werden, einem Sarg mit Falltür, der über dem Grab geöffnet wurde und danach für das nächste Begräbnis bei der Pfarre blieb. Die Wiener wehrten sich so heftig, dass der Kaiser nach wenigen Monaten nachgab: Im Februar 1785 druckte die Wiener Zeitung seinen Rückzieher. Ein solcher Sarg steht heute im Bestattungsmuseum Wien, mehr dazu in Klappsarg: Wie Joseph II. den Sarg zum Mehrwegartikel machte.

Ein Friedhof, den zuerst niemand wollte

Knapp hundert Jahre später reichten auch diese Friedhöfe nicht mehr. Zu Allerheiligen 1874 eröffnete die Stadt den Zentralfriedhof, weit draußen in Simmering, doch so weit hinaus wollte zuerst kaum jemand. Um ihn anziehender zu machen, holte die Stadt ab 1888 Berühmte wie Beethoven und Schubert in neue Ehrengräber. Wie aus dem ungeliebten Gräberfeld ein Ort wurde, an dem Wien seine Toten ehrt, und wer heute dort liegt, erzählt unsere Geschichte des Wiener Zentralfriedhofs.

Hinaus kamen die Toten lange mit Pferdekutschen. Als im Ersten Weltkrieg Pferde und Bestatter an der Front fehlten, fuhren sie ab März 1918 mit der Straßenbahn: Ein roter Triebwagen zog zwei schwarze Beiwagen mit je zwölf Türen, eine für jeden Sarg. Bis 1928 sollen auf diese Weise mehr als 33.000 Verstorbene zum Zentralfriedhof gekommen sein. Davon erzählt Die Leichenstraßenbahn.

Die Angst, lebendig begraben zu werden

Eine andere Wiener Todesgeschichte handelt von Angst. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert fürchteten sich viele Menschen in Europa davor, scheintot zu sein und lebendig begraben zu werden. Wer ganz sicher gehen wollte, verfügte einen Herzstich: Nachdem Ärzte den Tod festgestellt hatten, stach einer mit einem schmalen Stilett ins Herz. Noch 1931 stand das Wort „Herzstich“ ganz oben in den Wünschen, die Arthur Schnitzler für sein Begräbnis hinterlassen hatte, obwohl er selbst Arzt gewesen war. Seine Geschichte erzählt Scheintod in Wien, das Messer dazu liegt im Bestattungsmuseum: Herzstichmesser.

Herzen, Eingeweide und Mumien

Für die Kaiserfamilie galten eigene Regeln. Bei vielen Habsburgern kamen Körper, Herz und Eingeweide an drei verschiedene Orte: der Körper in die Kapuzinergruft, das Herz in die Herzgruft der Augustinerkirche, wo heute 54 Herzen stehen, die Eingeweide in die Katakomben des Stephansdoms. Die letzte Urne kam 1878 dorthin, mit den Eingeweiden von Erzherzog Franz Karl. Unter der Michaelerkirche wiederum liegen Tote, die nicht verwest, sondern zu Mumien geworden sind. Warum, erzählt Michaelergruft in Wien. Wo man der Kaiserfamilie sonst noch begegnet, steht in unserem Überblick Die Habsburger in Wien.

Präparate, Schädel und eine Totenmaske

Auch die Wiener Medizin hat ihre Toten aufbewahrt. Joseph II. ließ 1784 den Narrenturm bauen, einen runden Turm mit fünf Stockwerken für psychisch Kranke. Heute liegen darin rund 50.000 Präparate der Pathologisch-anatomischen Sammlung, die zum Naturhistorischen Museum gehört, darunter ein Oberkörper, in dem alle Organe spiegelverkehrt liegen (Situs inversus), und ein Bein, das fast alle für ein Modell halten (Ein Bein mit Krampfadern). Durch das Haus führt unsere Reportage aus dem Narrenturm. Ein paar Gehminuten entfernt stehen im Josephinum die anatomischen Wachsmodelle, die in den 1780er-Jahren aus Florenz über die Alpen kamen.

Kolorierte Radierung von Josef Schaffer, 1787: der runde Narrenturm zwischen den langen Trakten des Krankenhauses, davor Spaziergänger
Josef Schaffer, Der Narrenturm, kolorierte Radierung, 1787. – Bild: Albertina, Wien

Manche Köpfe haben in Wien eine eigene Reise hinter sich. Joseph Haydns Schädel kam erst 1954, nach 145 Jahren, zu seinem Körper nach Eisenstadt (Wo ist Haydns Schädel?). Der angebliche Schädel des Großwesirs Kara Mustafa, der 1683 Wien belagert hatte, liegt heute in einem Grab ohne Namen (Wo ist der Kopf von Kara Mustafa?). Und das Bezirksmuseum Wieden zeigt die Totenmaske der Schauspielerin Dorothea Neff, die im Müll einer Wohnungsräumung auftauchte (Die Totenmaske der Dorothea Neff).

Tote ohne Namen

Ganz am Rand der Stadt, bei Albern an der Donau, liegt der stillste dieser Orte. Auf dem Friedhof der Namenlosen wurden Tote begraben, die die Donau angeschwemmt hatte und die niemand erkannte. 1935 weihte Kardinal Innitzer dort eine Kapelle. Wie der Friedhof entstand, warum die Donau heute keine Toten mehr bringt und wer die Gräber bis heute pflegt, erzählt Friedhof der Namenlosen in Wien.

Alle morbiden Geschichten auf immuseum.at

Der Zentralfriedhof, auf den 1874 kaum jemand hinauswollte, ist heute der Ort, an dem Wien seine Toten am meisten ehrt. Zu Allerheiligen fahren die Straßenbahnen voll hinaus, nicht mehr mit Särgen wie 1918, sondern mit Menschen, die Grablichter tragen.