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October 30, 2026
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Bestattungsmuseum Wien

Scheintod in Wien: Herzstich, Rettungswecker und die Angst, lebendig begraben zu werden

„Herzstich“ stand ganz oben in den Bestimmungen, die Arthur Schnitzler für sein Begräbnis hinterließ, und das, obwohl er selbst Arzt war. Wie die Angst vor dem Scheintod Wien zwei Jahrhunderte lang begleitete, von der Totenbeschau bis zu Nestroys Testament.

Scheintod in Wien: Herzstich, Rettungswecker und die Angst, lebendig begraben zu werden
Josef Löwy, Arthur Schnitzler, Schriftsteller, um 1900, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Freitag, dem 23. Oktober 1931, zwei Tage nach seinem Tod, stand in der Arbeiter-Zeitung, was Arthur Schnitzler für sein Begräbnis bestimmt hatte. Ganz oben stand ein Wort: „Herzstich.“ Dann folgten keine Kränze, keine Trauerkleidung, ein Begräbnis letzter Klasse, und das gesparte Geld sollte an Spitäler gehen. Das Neue Wiener Journal meldete am selben Tag, dass an der Leiche der Herzstich vorgenommen werden solle. Am selben Tag wurde Schnitzler auf dem Zentralfriedhof begraben, in der alten israelitischen Abteilung beim Tor 1.

Der Herzstich war die letzte Versicherung gegen eine alte Angst: den Scheintod, also lebendig begraben zu werden. Nachdem Ärzte den Tod festgestellt hatten, stach einer mit einem schmalen Stilett ins Herz. Wer das wollte, verfügte es vorher und bezahlte dafür. Ein solches Herzstichmesser liegt heute im Bestattungsmuseum am Zentralfriedhof. Das Merkwürdige an Schnitzlers Wunsch: Er war selbst Arzt. 1885 hatte er in Wien in Medizin promoviert, danach arbeitete er im Allgemeinen Krankenhaus und als Assistent seines Vaters, eines Professors für Kehlkopfheilkunde. Und trotzdem wollte er diese letzte Sicherheit.

Eine Angst aus dem Zeitalter der Aufklärung

Die Furcht vor dem Scheintod ging in Europa vom 17. bis ins 19. Jahrhundert um. Lange galt ein Mensch als tot, wenn Herzschlag und Atem fehlten. Geprüft wurde mit einer Feder vor dem Mund oder einem Glas Wasser auf der Brust. 1742 übersetzte der französische Arzt Jean-Jacques Bruhier eine lateinische Schrift über die Unsicherheit der Todeszeichen ins Französische und machte das Thema damit einem breiten Publikum bekannt. Es kursierten Berichte über ausgegrabene Leichen mit weit offenen Augen und angeblichen Kratzspuren im Sargholz. Das Wort „Scheintoter“ ist im Deutschen erstmals 1788 belegt.

Ärzte versuchten, vermeintlich Tote mit Reizen zurückzuholen: mit Pflastern aus Spanischer Fliege, mit Elektrizität, mit Tabak-Klistieren. Und mancher bestimmte im Testament, dass ihm vor dem Begräbnis die Pulsader durchgeschnitten werde.

Wien hat dazu eine eigene Geschichte, und sie ist eine Legende. Der Dudelsackspieler Augustin soll 1679, im Pestjahr, betrunken auf der Gasse gelegen sein. Die Knechte, die die Pesttoten einsammelten, hielten ihn für tot und warfen ihn in eine Pestgrube. Dort wachte er unter den Toten wieder auf und wurde herausgeholt. Die früheste Fassung aus demselben Jahr nennt weder einen Namen noch einen Ort. Ähnliche Geschichten erzählte man sich in Pilsen, im Elsass und in Danzig. Den lieben Augustin hat es vielleicht nie gegeben.

Totenbeschau und 48 Stunden Wartezeit

In Wien sah schon lange vor dieser Debatte ein Amt nach den Toten. Seit dem 16. Jahrhundert gab es ein städtisches Totenbeschreibamt. Beschauer sahen sich die Toten an, der Totenbeschreiber hielt Name, Alter und Krankheit fest, und seit dem 18. Jahrhundert durfte niemand ohne diesen Totenzettel begraben werden. Um 1800 waren vier Beschauer im Dienst, geprüfte Wundärzte. Bezahlt wurden sie an Ort und Stelle, mit 15 Kreuzern.

Kaiser Joseph II. legte fest, dass frühestens 48 Stunden nach dem Tod begraben werden durfte. Derselbe Kaiser machte sich 1784 mit dem Klappsarg unbeliebt, einem wiederverwendbaren Sarg, aus dem der Tote ins Grab fiel. Anderswo ging man weiter. In Weimar drängte der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland auf ein Leichenhaus, das 1792 entstand. Dort sollten Tote so lange beobachtet werden, bis die Verwesung einsetzte, denn nur sie hielt er für einen sicheren Beweis.

Eine Schnur zur Wohnung des Totengräbers

Auch auf Wiener Friedhöfen wartete man auf ein Lebenszeichen. Im Bestattungsmuseum steht ein Rettungswecker aus dem Jahr 1828. Er war in der Wohnung eines Totengräbers in Währing in Gebrauch. Eine Schnur verband ihn mit dem Handgelenk frisch Verstorbener. Wer erwachte und sich bewegte, sollte damit Alarm schlagen.

Entwurf einer Friedhofskapelle mit Querschnitt durch die Leichenkammer, Alexander Wielemans von Monteforte, 1868.
Alexander Wielemans von Monteforte, Entwurf einer Friedhof-Kapelle, Querschnitt durch die Leichenkammer, 1868. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Erfinder entwarfen Rettungssärge mit Glocke, Fahne, Luftzufuhr, Leiter und Vorratskiste. Viele ließen sich die Särge patentieren, verkauft wurden kaum welche. Und geläutet hat offenbar niemand: Bekannte Fälle von Toten, die in einem Leichenhaus wieder erwacht wären, sind nach dem Berliner Medizinhistoriker Thomas Schnalke nicht überliefert. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ebbte die Angst langsam ab, weil man den naturwissenschaftlichen Todeszeichen mehr vertraute. Ganz verschwand sie nicht.

Nestroys Testament: seziert und zweimal 24 Stunden aufgebahrt

Johann Nestroy starb am 25. Mai 1862 in Graz. Am 5. Juni druckte die Wiener Theater-Chronik sein Testament, und darin ging es auch um seinen Körper. Vielleicht seien die Menschen in 2000 Jahren wieder so gescheit, ihre Leichen zu verbrennen, schrieb er. „Das kann ich leider nicht abwarten.“ Deshalb verfügte er, seine Leiche solle seziert, zweimal 24 Stunden zur Schau gestellt und dann möglichst in eine gemauerte Gruft gelegt werden. Zweimal 24 Stunden, das war genau die Frist Josephs II. Das Fremden-Blatt berichtete, die Leiche sei am Abend des Todestags ins Grazer Spital gebracht und am nächsten Tag seziert worden.

Johann Nestroy als Sansquartier, Bildnis von Johann Matthias Ranftl, um 1840.
Johann Matthias Ranftl, Johann Nestroy als „Sansquartier“, um 1840. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Später las man, auch Nestroy habe auf dem Herzstich bestanden. In seinem abgedruckten Testament ist von einer Sektion die Rede, und nach einer Sektion wacht niemand mehr auf. Begraben wurde Nestroy auf dem Währinger Ortsfriedhof, seit 1890 liegt er in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof.

Keine 2000 Jahre, sondern 60

Nestroy hätte nicht so lange warten müssen. Am 17. Dezember 1922 eröffnete Bürgermeister Reumann die Feuerhalle Simmering, obwohl der zuständige Bundesminister ihm am Tag davor mitgeteilt hatte, er verbiete die Feuerbestattung. Erst der Verfassungsgerichtshof ließ sie schließlich zu. Gut 60 Jahre nach Nestroys Tod war die Feuerbestattung in Wien möglich.

Schnitzler kam am 15. Mai 1862 zur Welt, zehn Tage bevor Nestroy starb. Seine Bestimmungen hatte er schon 1912 aufgeschrieben, zehn Jahre bevor die Feuerhalle eröffnete. Begraben wurde er 1931 trotzdem in der Erde, und vorher sollte der Herzstich jeden Zweifel ausräumen. Heute liegen Nestroy und Schnitzler beide auf dem Zentralfriedhof. Und auf demselben Friedhof, im Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2, liegen der Rettungswecker aus Währing und ein Herzstichmesser, das Werkzeug für Schnitzlers ersten Wunsch. Mehr über das Haus erzählt unsere Reportage aus dem Bestattungsmuseum, mehr über den Friedhof das Dossier zum Wiener Zentralfriedhof.

Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof · Simmeringer Hauptstraße 234, 1110 Wien, Tor 2, im Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2. Geöffnet Mittwoch bis Freitag, 10 bis 16 Uhr.

Quellen und Links

Mehr auf immuseum.at