Im November 1937 stieg ein Reporter des „Kleinen Volksblatts“ unter die Michaelerkirche hinab. Anmelden musste man sich beim Pförtner im Haus Habsburgergasse 12. Eine steile, ausgetretene Steintreppe führte von einem lichtarmen Hof in die Tiefe, unten öffnete sich eine Totenhalle mit meterdicken Mauern. Nach wenigen Schritten stellte der Führer seine Vergaserlampe ab und öffnete einen Sarg. Darin lag eine Hofdame, vollständig mumifiziert und sehr gut erhalten.
Die Michaelergruft ist die Gruft unter der Michaelerkirche am Michaelerplatz, gegenüber der Hofburg. Rund 4.000 Menschen wurden in ihren Gewölben bestattet, bis Kaiser Joseph II. die Gruftbestattungen verbot. Erhalten sind mehr als 200 barocke Särge, viele davon bemalt, in manchen liegen Mumien in historischer Kleidung. Dass hier viele Tote austrockneten statt zu verwesen, hat wohl mit dem Klima zu tun: Die Temperatur war niedrig und gleichmäßig, die Luft trocken, und durch die Gewölbe zog ein spürbarer Luftzug. Die Pfarre zählt ihre Gruft zu acht bekannten Grüften in Europa mit solchen natürlichen Mumien.
Ein Friedhof, der dem Kaiser zu nah war
Die Michaelerkirche entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, und rund um sie lag zunächst ein Friedhof. 1508 ließ Kaiser Maximilian I. ihn auflassen, weil er zu nah an der Hofburg lag. In der Kirche selbst wurde schon lange begraben, der älteste Grabstein stammt von 1341. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts legten Adelsfamilien darunter eigene Grüfte an. Den Anfang machten die Herberstein: Am 24. Juni 1560 wurde Wilhelm Freiherr zu Herberstein beigesetzt. Es folgten die Mollard, Trautson, Cavriani, Kaiserstein und andere. Ihre Familiengrüfte brachten der Pfarre Geld, und damit wurde die Pfarrgruft finanziert, in der Menschen aller Schichten lagen.
1626 kam die Kirche an die Barnabiten. Sie bauten im 17. Jahrhundert eine eigene Gruft unter dem Hochaltar und mehrere Pfarrgrüfte, darunter eine große Gruft unter dem Langhaus, eine Herrengruft und eine Engel- oder Kindergruft. So bekam die Anlage im Wesentlichen ihre heutige Größe: 19 Teilgrüfte auf rund 800 Quadratmetern.

Ein Hofdichter im Kupfersarg
Der bekannteste Tote der Gruft kam aus Rom. Pietro Metastasio, geboren 1698, wurde 1729 als Hofdichter an den Hof Kaiser Karls VI. berufen und traf im Frühsommer 1730 in Wien ein. Er schrieb Operntexte für das Hoftheater und bezog zuerst eine große Wohnung im Großen Michaelerhaus, in dem von 1750 bis 1755 auch der junge Joseph Haydn eine Dachkammer bewohnte. Metastasio blieb mehr als fünfzig Jahre in Wien. Er starb am 12. April 1782 und wurde in der Michaelerkirche beigesetzt, sein Leichnam war einbalsamiert. Der Reporter von 1937 fand ihn im prächtigsten der Kupfersärge.

Joseph II. schließt die Gruft
Zwei Jahre nach Metastasios Tod war Schluss. Mit Hofdekreten von 1783 und 1784 verbot Joseph II. alle Gruftbestattungen und ließ die Friedhöfe innerhalb des Linienwalls, der damaligen äußeren Stadtgrenze, auflassen. Neue Friedhöfe sollten draußen vor der Stadt entstehen. In dieselbe Zeit fällt der Klappsarg, mit dem der Kaiser 1784 auch das Begräbnis selbst neu regeln wollte. In der Michaelergruft fanden 1784 die letzten Bestattungen statt. Danach wurden die Stiegen aus dem Kirchenraum entfernt und die Öffnungen im Boden verschlossen. Die einzelnen Grüfte wurden zu einer Anlage verbunden, erreichbar nur noch über eine Treppe vom Kloster aus. Auch die Rolle als Hofpfarrkirche, die St. Michael neben der Augustinerkirche gehabt hatte, endete 1784.
Für die Totenmessen blieb die Kirche da. Am 10. Dezember 1791 feierte man hier die Exequien für Mozart, gestiftet von Emanuel Schikaneder, und dabei erklangen wohl zum ersten Mal Teile seines Requiems. Begraben wurde Mozart nach den neuen Regeln draußen auf dem St. Marxer Friedhof.
Gerettet mit frischer Luft
Als die Salvatorianer die Kirche 1923 übernahmen, fanden sie in der Gruft Särge, die in vier oder fünf Lagen übereinanderstanden. Zwei Ordensbrüder brachten über Jahre Ordnung in die Gewölbe. Bald kamen Besucher: Im Oktober 1933 kündigte das Neue Wiener Tagblatt einen geführten Spaziergang zum Dachstuhl des Stephansdoms und in die Michaelergruft an, um 1,80 Schilling. Der Reporter von 1937 schrieb, die Gewölbe seien erst seit etwa fünf Jahren einem breiteren Publikum bekannt.
Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben die Wasserleitungen am Michaelerplatz, und Wasser lief in einen Teil der Gruft. 1977 wurde Pater Wolfgang Worsch Pfarrer von St. Michael und ließ in der Gruft elektrisches Licht legen. Doch das Klima, das die Toten bewahrt hatte, war gekippt. Nach dem Krieg hatte man alte Lüftungsschächte zugemauert, die Luftfeuchtigkeit stieg auf bis zu 95 Prozent. Ein in Europa bis dahin unbekannter Rüsselkäfer fraß sich durch die Holzsärge, und der Verfall beschleunigte sich.
Ab 2004 ließ das Bundesdenkmalamt das Klima messen. Die alten Schächte wurden gesucht und wieder geöffnet, dazu kamen Entfeuchter und Kühlgeräte. Bei 12 Grad und unter 70 Prozent Luftfeuchtigkeit überlebt der Käfer nicht. Alle Särge wurden erfasst, 50 davon restauriert, und alle stehen heute auf Sockeln über dem feuchten Boden, in der großen Halle unter dem Querschiff wieder in ihrer historischen Anordnung. Wo der Führer 1937 mit der Vergaserlampe vorausging, führt heute ein ebener Weg mit neuem Licht. Und durch die alten Schächte zieht wieder die Luft, die die Toten einst bewahrt hat.
Die Habsburger selbst liegen nur ein paar Gassen weiter in der Kapuzinergruft am Neuen Markt. Wie es auf dem Platz über der Gruft aussah, erzählt die Geschichte des Michaelerplatzes. Und ganz am anderen Ende der Stadt, am Friedhof der Namenlosen in Albern, liegen Tote, deren Namen niemand kennt.
Michaelergruft · Michaelerkirche, Michaelerplatz 5, 1010 Wien. Nur mit Führung zugänglich, auf Deutsch freitags und samstags, auf Englisch samstags; Treffpunkt vor dem Haupteingang der Kirche. Fotografieren und Filmen sind nicht erlaubt.
Quellen und Links
- Pfarre St. Michael: Die Gruft
- Pfarre St. Michael: Waldemar Posch, Geschichte der Gruft
- Pfarre St. Michael: Die „neuerstandene“ Gruft von St. Michael
- Friedrich Dahm, Manuela Legen-Preissl (Bundesdenkmalamt): Die Revitalisierung der Gruft von St. Michael
- Pfarre St. Michael: Gruftführungen
- Wien Geschichte Wiki: Michaelergruft
- Wien Geschichte Wiki: Friedhöfe
- Wikipedia: Michaelerkirche (Wien)
- Wikipedia: Pietro Metastasio
- Das kleine Volksblatt, 21. November 1937: Besuch in der Gruft unter der Michaelerkirche (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 19. Oktober 1933: Spaziergang zum Dachstuhl der Stephanskirche und in die Michaelergruft (ANNO)
- Kulturpool: Salomon Kleiner, Die Pfarr Kirche zu St. Michael, 1724
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