Am Freitag, dem 12. Oktober 1888, senkte sich im alten Burgtheater am Michaelerplatz zum letzten Mal der Vorhang. Gespielt wurde Goethes „Iphigenie auf Tauris“. Die Titelrolle spielte Charlotte Wolter, mit genau dieser Rolle hatte sie einst an diesem Haus begonnen. In den Hoflogen saßen Kaiser Franz Joseph, Erzherzogin Valerie und König Albert von Sachsen. Nach dem letzten Akt stand Wolter, noch im griechischen Kostüm, als Muse des Hauses auf der Bühne, und Adolf von Sonnenthal trug einen Abschiedsepilog vor. So schilderte es die Neue Freie Presse am nächsten Morgen.
Zwei Tage später eröffnete das neue Burgtheater an der Ringstraße. Das alte Haus wurde abgerissen. Es stand einer Fassade im Weg, auf die Wien damals schon seit über 160 Jahren wartete. Im selben Jahr hielt Gustav Klimt im Auftrag der Stadt den Zuschauerraum noch in einem Bild fest.
Eine Kreuzung vor dem Römerlager
Lange war der Michaelerplatz gar kein Platz, sondern eine Straßenkreuzung, schon bei den Römern: Der heutige Kohlmarkt war eine Zubringerstraße, Herrengasse und Reitschulgasse gehörten zur Limesstraße. Das Legionslager Vindobona lag gleich nebenan, etwa zwischen dem heutigen Graben und dem Donaukanal. Vor seinen Mauern wuchs eine Lagervorstadt, und ein Teil davon lag hier.
Im 13. Jahrhundert entstand an der Kreuzung die Michaelerkirche, nach St. Stephan die zweite Pfarrkirche der Stadt. Ihre klassizistische Fassade kam erst 1792 dazu. Unter der Kirche liegt die Michaelergruft. Rund 4.000 Menschen wurden dort bis 1784 bestattet. Manche Tote sind mumifiziert, wohl wegen des Klimas in den Gewölben. In der Kirche wurde am 10. Dezember 1791 eine Totenmesse für Mozart gefeiert, und hier liegt der Dichter Pietro Metastasio begraben.
Ein Entwurf, den zuerst Berlin baute
Den Platz, wie er heute aussieht, erfand Joseph Emanuel Fischer von Erlach. 1726 entwarf er für Kaiser Karl VI. eine neue Fassade der Hofburg: Sie sollte halbkreisförmig zurückschwingen und so überhaupt erst einen runden Platz schaffen. 1729 begann der Bau. Fertig wurden nur der linke Teil mit der Winterreitschule und eine halbe Rotunde für die Tordurchfahrt.

Nach dem Tod Karls VI. 1740 blieb die Baustelle liegen. Seine Tochter Maria Theresia hatte andere Pläne für den Ort. Gleich daneben stand das Ballhaus, das Ferdinand I. 1540 bis 1542 für Ballspiele hatte bauen lassen. Ab 1741 wurde es zum Theater umgebaut. Aus ihm wurde das Burgtheater, und es stand genau dort, wo Fischers Fassade weitergehen sollte. Spätere Pläne für die Vollendung, etwa von Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg um 1790, blieben auf dem Papier.
Gebaut wurde die Fassade stattdessen in Berlin. Friedrich der Große ließ von 1775 bis 1780 die Königliche Bibliothek errichten, und sein Baumeister Georg Christian Unger sollte dafür Fischers Entwurf verwenden, der als Kupferstich verbreitet war. Die Berliner nannten den geschwungenen Bau bald „Kommode“. Wien bekam sein Original erst mehr als hundert Jahre später.

1893: Ein Tor ohne Feier
Erst Kaiser Franz Joseph nahm das Projekt wieder auf. Ab 1869 wurde wieder geplant, bis 1877 waren die Privathäuser aufgekauft, die im Weg standen. Das Burgtheater bekam einen Neubau an der Ringstraße, und nach dessen Eröffnung 1888 konnte das alte Haus fallen. Architekt Ferdinand Kirschner baute den Michaelertrakt von 1889 bis 1893, nach Fischers Plan, nur leicht verändert. Bezahlt wurde aus dem Stadterweiterungsfonds.
Am 8. September 1893 ging das neue Burgtor auf, „ohne jede Förmlichkeit“, wie die Neue Freie Presse schrieb. Trotzdem strömten die Leute herbei und schauten staunend hinauf zur Kuppel. Bald darauf kamen zwei Brunnen an die Fassade: „Macht zu Lande“ von Edmund Hellmer und „Macht zur See“ von Rudolf Weyr. Von Fischers Entwurf 1726 bis zur Eröffnung waren 167 Jahre vergangen.

Kaum war der Platz fertig, kam der nächste Streit. Gegenüber der neubarocken Fassade baute Adolf Loos 1910/11 ein Geschäftshaus für die Herrenschneider Goldman & Salatsch, mit Marmor unten und glatt verputzten Stockwerken darüber. Weil über den Fenstern jeder Schmuck fehlte, hieß es bald „Haus ohne Augenbrauen“, und das Bauamt ließ die Arbeiten 1910 stoppen. Die ganze Geschichte erzählt unser Text über das Looshaus am Michaelerplatz.
Was unter dem Pflaster lag
1990 und 1991 grub Stadtarchäologe Ortolf Harl den Platz auf. Er fand römische Häuser aus dem 2. bis 5. Jahrhundert, mit Fußbodenheizung, Wandheizungen und Wandmalereien, manche bis zu siebenmal umgebaut. Dazu kamen die Fundamente eines großen, turmartigen Grabmals. Harl deutete das Viertel als Vergnügungsviertel der Soldaten aus dem Lager. Außerdem stieß er auf Reste aus dem Mittelalter, auf Mauern alter Privathäuser und auf die Fundamente des Ballhauses und des alten Burgtheaters.
Einen Teil der Grabung ließ die Stadt offen. Der Architekt Hans Hollein fasste ihn ein, 1992 war die Anlage fertig. Seither liegt in der Mitte des Platzes eine Grube, in die man von oben hineinschaut, eine Außenstelle des Wien Museums. Seither steht dort allerdings auch eine bauliche Barriere auf dem Weg vom Kohlmarkt zum Heldenplatz. Mehr über Vindobona zeigt das Römermuseum am Hohen Markt.
So tauchte das alte Burgtheater hundert Jahre nach seiner letzten Vorstellung noch einmal auf, als Fundament im Boden vor der Fassade, für die es weichen musste. Unter der Michaelerkuppel geht es heute in die Kaiserappartements und ins Sisi Museum, das am 19. November 2026 neu gestaltet wieder öffnet. Und der Mann, der den Zuschauerraum 1888 gemalt hatte, ist im neuen Haus an der Decke zu finden: Klimts Selbstporträt im Burgtheater.
Michaelerplatz · 1010 Wien, vor dem Michaelertrakt der Hofburg. Die Ausgrabungen in der Platzmitte sind jederzeit frei einsehbar.
Quellen und Links
- Wien Geschichte Wiki: Michaelerplatz
- Wikipedia: Michaelerplatz
- Wien Geschichte Wiki: Michaelertrakt
- Wikipedia: Michaelertrakt
- Wien Geschichte Wiki: Altes Burgtheater
- Wikipedia: Burgtheater
- Wien Geschichte Wiki: Michaelerkirche
- Wikipedia: Michaelergruft
- Wikipedia: Vindobona
- Wikipedia: Alte Bibliothek (Berlin)
- Neue Freie Presse, 13. Oktober 1888: Die letzte Vorstellung im alten Burgtheater (ANNO)
- Neue Freie Presse, 9. September 1893: Die Eröffnung des neuen Burgthors (ANNO)
- Sisi Museum, Kaiserappartements, Silberkammer
- Kulturpool: Gustav Klimt, Zuschauerraum im Alten Burgtheater
- Kulturpool: Joseph Emanuel Fischer von Erlach, Michaelertrakt, Projekt, Aufriss
- Kulturpool: Oscar Kramer, Michaelerplatz mit altem Burgtheater
- Kulturpool: Michaelerplatz, Blick gegen Michaelertrakt der Hofburg
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