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Eislaufen in Wien: Wie der Eislaufverein am Heumarkt 1912 das Tauwetter besiegte

Am 18. Dezember 1912 liefen die Mitglieder des Wiener Eislaufvereins am Heumarkt zum ersten Mal auf Kunsteis, bei Plusgraden. Die Geschichte des Eislaufens in Wien, vom alten Kanalhafen beim Hauptzollamt bis zur Saison 2026/27.

Eislaufen in Wien: Wie der Eislaufverein am Heumarkt 1912 das Tauwetter besiegte
Charles Scolik, Der neue Eislaufvereinsplatz am Heumarkt, 1901, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Mittwoch, dem 18. Dezember 1912, am frühen Abend, liefen die Mitglieder des Wiener Eislaufvereins am Heumarkt zum ersten Mal auf Eis, das eine Maschine gemacht hatte. Mit einem Musikkorso übergab der Verein seine neue Kunsteisbahn den Läuferinnen und Läufern. Die feierliche Eröffnung sollte erst in der Woche darauf folgen. Kalt war es in diesen Tagen nicht, der Wetterbericht meldete Plusgrade.

Die Neue Freie Presse erinnerte an diesem Tag an einen Satz, der in Wien schon sprichwörtlich geworden sei: Wenn der Eislaufverein ein Wettlaufen oder ein Fest ansetze, falle es durch Tauwetter ins Wasser. Mit dem Kunsteis sei damit Schluss. 45 Jahre lang hatte der Verein für jedes Eis auf Frost hoffen müssen. Am nächsten Tag schrieb das Neue Wiener Tagblatt von einem „denkwürdigen Tag“.

Ein Eislaufplatz im alten Kanalhafen

Gegründet wurde der Wiener Eislaufverein im Februar 1867. Unter den Gründern waren Artur Freiherr von Löwenthal, Erwin Franz Freiherr von Sommaruga, Heinrich von Bach und Demeter Diamantidi. Ihr erster Platz lag im ehemaligen Hafenbecken des Wiener Neustädter Kanals beim Hauptzollamt, im Bereich des heutigen Bahnhofs Wien Mitte. Am 26. Dezember 1867, dem Stefanitag, ging er als Natureisbahn in Betrieb. Fotos des alten Platzes bewahrt das Wien Museum.

Der alte Eislaufvereinsplatz beim Hauptzollamt in der Zollamtsstraße, Fotografie von 1885.
„Der alte Eislaufvereinsplatz beim Hauptzollamt“, Zollamtsstraße, 1885. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Aus dem Vergnügen wurde bald Sport. 1869 veranstaltete der Verein das erste Eisschnelllaufen, 1882 den ersten internationalen Wettbewerb, im Winter 1892/93 die Europameisterschaften im Eiskunst- und im Eisschnelllauf. Auch die Witzblätter entdeckten das Eislaufen. 1871 zeigte der „Kikeriki“ die Schauspielerin Josefine Gallmeyer „Auf dem Eislaufplatze“. Sie war damals die populärste Darstellerin der Wiener Volksbühne, man nannte sie den „weiblichen Nestroy“.

Der Umzug an den Heumarkt

Gesellschaft am Eislaufplatz des Wiener Eislaufvereins beim Hauptzollamt, Fotografie des Ateliers Wittmann um 1890.
Atelier Wittmann, Gesellschaft am Eislaufplatz des Wiener Eislaufvereines beim Hauptzollamt, um 1890. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Um 1899 übersiedelte der Verein an den Heumarkt, auf den ehemaligen Reservegarten der Stadt. Vor der Eröffnung kam Statthalter Graf Kielmansegg, um sich das neue Heim des Vereins anzusehen. Das Neue Wiener Tagblatt nannte den Bau monumental. Am Sonntag, dem 6. Jänner 1901, wurde der neue Eislaufplatz eröffnet.

Elf Jahre später kam das Kunsteis. Ganz neu war die Technik in Wien nicht: Beim Eislaufplatz Engelmann in Hernals lief man schon seit 10. November 1909 auf Kunsteis unter freiem Himmel, die Bahn gilt als erste Freiluft-Kunsteisbahn der Welt. Der Eislaufverein begann 1912 mit 4.000 Quadratmetern Kunsteis. 1924 waren es 6.000, 1927 schon 10.000 Quadratmeter, und die Bahn am Heumarkt galt als die größte Kunsteisbahn der Welt. In der Saison 1929/30 zählte der Verein 9.521 Mitglieder.

Der Anwalt Emil Mayer, der ab 1905 heimlich das Wiener Straßenleben fotografierte, hielt die feinere Gesellschaft auch auf dem Eis des Eislaufvereins fest.

Emil Mayer, Im Wiener Eislaufverein, Fotografie.
Emil Mayer, Im Wiener Eislaufverein. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Weltmeister, Kriege und ein Hotel auf dem Eis

Vom Wetter war der Verein nun unabhängig, von der Kohle nicht. Im Ersten Weltkrieg fehlten Kohle und Strom, die Kunsteisbahn konnte nicht betrieben werden. In den 1930er Jahren gewannen Fritzi Burger und Felix Kaspar Welt- und Europameistertitel und olympische Medaillen. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde der Verein in die nationalsozialistischen Sportverbände eingegliedert, jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen. 1944 stellte er zum ersten Mal in seiner Geschichte den Betrieb ein. Bomben und Schützengräben beschädigten den Platz, doch nach kurzer Zeit lief man wieder, und im Winter 1945 wurde die Wiener Eisrevue gegründet.

Die Titel kamen weiter vom Heumarkt. Eva Pawlik holte 1948 olympisches Silber, Trixi Schuba 1972 in Sapporo olympisches Gold. Claudia Kristofics-Binder wurde 1982 Europameisterin, das war der bisher letzte große internationale Erfolg des Vereins. Der Platz selbst wurde kleiner: 1960 entstand am Heumarkt das Hotel Intercontinental, auf etwa einem Drittel der früheren Eisfläche. Seit das Areal 2012 an einen Investor verkauft wurde, wird über einen Neubau gestritten, ein 73 Meter hoher Turm wurde 2021 abgesagt, weil er das UNESCO-Welterbe der Wiener Innenstadt gefährdet hätte.

Eislaufen in Wien ohne Tauwetter

Das Sprichwort von 1912 hat sich erledigt. Am Heumarkt liegt heute über 6.000 Quadratmeter Kunsteis unter freiem Himmel, und die Saison 2026/27 beginnt am Donnerstag, dem 5. November 2026. Ab 2007 verpachtete der Verein den Platz im Sommer sogar an einen Beachclub namens „Sand in the City“. Wie Eislaufen ganz ohne Maschinen aussah, zeigt ein Bild im Kunsthistorischen Museum: In Bruegels „Jägern im Schnee“ von 1565 laufen Menschen auf zugefrorenem Wasser Schlittschuh.

Wiener Eislaufverein · Lothringerstraße 22, 1030 Wien