Orte
Wien
|
Leopoldstadt / Donaustadt

Reichsbrücke in Wien: Der Einsturz von 1976 und der Bus, der ihn überlebte

Am Sonntag, dem 1. August 1976, stürzte die Reichsbrücke frühmorgens in die Donau, mitten auf ihr ein leerer Gelenkbus. Ausgerechnet die Brücke, die 1945 als einzige Wiener Donaubrücke den Krieg überstanden hatte.

Reichsbrücke in Wien: Der Einsturz von 1976 und der Bus, der ihn überlebte
Paul Ledermann, Donaustrom – Reichsbrücke, Ansichtskarte, 1940, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Sonntag, dem 1. August 1976, noch vor fünf Uhr früh, war auf der Reichsbrücke kaum Verkehr. Ein städtischer Gelenkbus fuhr über die Donau, Wagen Nummer 8084, ohne Fahrgäste. Sein Fahrer war spät dran und hatte von der Garage aus die Abkürzung über die Brücke genommen. Auf der Brücke waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs, eines davon gelenkt von einem Fahrer des ORF. Dann gab ein Pfeiler nach, und die Strombrücke stürzte auf fast ganzer Länge in die Donau. Die Erdbebenstation auf der Hohen Warte zeichnete die Erschütterung auf.

Der Bus blieb auf den Trümmern stehen, sein Fahrer kam mit dem Leben davon. Der ORF-Fahrer wurde in seinem Wagen eingeklemmt und erst am nächsten Tag tot geborgen. Eingestürzt war ausgerechnet die Brücke, die 1945 als einzige Wiener Donaubrücke den Krieg überstanden hatte. Die Reichsbrücke verbindet die Leopoldstadt mit der Donaustadt, und sie ist schon die dritte an dieser Stelle.

Eine Brücke zum Geburtstag des Kronprinzen

Die erste Brücke gehörte zur großen Donauregulierung. Damals bekam der Strom bei Wien ein neues, gerades Bett, das am 14. April 1875 geflutet wurde. Gebaut wurde die Brücke ab August 1872. Eröffnet wurde sie am 21. August 1876, dem Geburtstag von Kronprinz Rudolf, und hieß deshalb Kronprinz-Rudolf-Brücke. Statthalter Sigmund Conrad von Eybesfeld eröffnete sie in Vertretung des Kaisers. Sie war gut einen Kilometer lang, über den Strom liefen eiserne Gitterträger auf fünf Pfeilern.

Die Kronprinz-Rudolf-Brücke, die erste Reichsbrücke, im Bau, Fotografie von Hermann Heid, 1873.
Hermann Heid, Kronprinz Rudolf (Reichs)Brücke in Bau, 1873. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Wer drüberfuhr, zahlte bis 1904 Maut. Ab 1898 fuhr die Straßenbahn über die Brücke. Nach dem Ende der Monarchie beschloss der Stadtrat am 6. November 1919 den neuen Namen: Reichsbrücke.

Die Kettenbrücke von 1937

Am 26. Februar 1934, zwei Wochen nach den Februarkämpfen, begann an derselben Stelle der Bau einer neuen Reichsbrücke. Die Pläne stammten von Siegfried Theiss und Hans Jaksch, Clemens Holzmeister war als künstlerischer Berater beteiligt. Damit der Verkehr weiterlief, schob man die alte Strombrücke im September 1934 um 26 Meter stromabwärts, in sechs Stunden.

Um den Bau wurde gestritten. Der Baugrund trug weniger als angenommen. Paul Fillunger kritisierte das Projekt öffentlich, der Bodenmechaniker Karl von Terzaghi hielt den Grund für geeignet. Am Ende wurden die Ketten nicht im Boden verankert, sondern an den Trägern der Brücke selbst. Die neue Reichsbrücke war 1.255 Meter lang, mit zwei 30 Meter hohen Stahlpylonen, damals die drittgrößte Kettenbrücke Europas.

Eröffnet wurde sie am Sonntag, dem 10. Oktober 1937. Kardinal Theodor Innitzer sprengte an der Sperrkette Weihwasser auf die noch geschlossene Brücke und schloss seine Ansprache mit den Worten „Gott segne diese Brücke und alle, die darüberziehen!“ Dann durchschnitt Bundespräsident Wilhelm Miklas die Kette, die Glocken läuteten, Kanonen schossen Salut. So berichtete es das Neue Wiener Tagblatt.

Panorama von der Reichsbrücke Richtung Nordwesten, Fotografie von Martin Gerlach jun., um 1938 bis 1940.
Martin Gerlach jun., Panorama von der Reichsbrücke Richtung NW, um 1938–1940. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

1945: Die Brücke, die stehen blieb

Im April 1945 sprengte die SS beim Rückzug fast alle anderen Wiener Donaubrücken. Die Reichsbrücke war vermint, doch Hitler verbot die Sprengung zunächst. Erlaubt hat er sie erst am Nachmittag des 13. April, als die Rote Armee den südlichen Brückenkopf schon besetzt hatte. Da war es zu spät. Um 13.50 Uhr explodierte zwar Sprengmaterial, das an der Auffahrt gelagert war, vermutlich nach einem Artillerietreffer, die Brücke aber blieb stehen. Die Firma Waagner-Biró fand danach noch 49 Sprengladungen und entfernte sie. Von 1946 bis 1956 hieß die Reichsbrücke „Brücke der Roten Armee“.

Was am 1. August 1976 nachgab

Schon am 9. August 1976 lag ein Zwischenbericht vor: Zuerst war der Pfeiler unter dem nordöstlichen Pylon knapp unter dem Auflager abgeschert, der zweite Pylon wurde mitgerissen. Sprengung, Erdbeben und Rost schieden als Ursache aus. Der Endbericht nannte den Einsturz nicht vorhersehbar. Das Auflager saß auf einem Sockel aus unbewehrtem, minderwertigem Füllbeton, in den Wasser und Frost eindrangen. Die Pfeiler waren ungewöhnlich schlank. Und dass man die Ketten 1937 an der Brücke statt im Boden verankert hatte, hatte die Statik ungünstig verändert.

Planungsstadtrat Fritz Hofmann trat am 6. August zurück, Bürgermeister Leopold Gratz bot ebenfalls seinen Rücktritt an, blieb aber im Amt. Am selben 9. August hob ein Schwimmkran den Bus aus dem Fluss. Das Bundesheer baute Notbrücken: Ab 16. Oktober 1976 fuhr die Straßenbahn wieder über die Donau, ab 21. Dezember auch die Autos.

Die dritte Reichsbrücke und die U1

Für den Neubau gab es einen Wettbewerb, am 17. Juni 1977 gewann das Projekt „Johann Nestroy“. Gebaut wurde ab Jänner 1978, zwei Arbeiter kamen dabei ums Leben. Am Samstag, dem 8. November 1980, wurde die neue Brücke eröffnet, rund 10.000 Menschen sahen zu. Sie hat zwei Geschoße: Oben fahren Autos auf sechs Spuren, unten die U-Bahn, dazu kommen überdachte Wege für Fußgänger und Radfahrer. Am 3. September 1982 fuhr der erste U1-Zug mit Fahrgästen über die Donau, mit Halt in der Station Donauinsel. Am selben Tag fuhr die letzte Straßenbahn hinüber.

Der Bus 8084 wurde repariert und war bis 1989 im Linienbetrieb. Heute steht er in der Remise, dem Verkehrsmuseum der Wiener Linien, und fährt bei besonderen Anlässen noch aus. Die Kettenbrücke, mit der er 1976 in die Donau stürzte, hat er um Jahrzehnte überlebt. Wie die Gegend am Strom früher aussah, zeigt unser Dossier Der Prater früher. Mehr zur Geschichte der beiden Bezirke erzählen das Bezirksmuseum Leopoldstadt und das Bezirksmuseum Donaustadt.

Reichsbrücke · zwischen Leopoldstadt (1020 Wien) und Donaustadt (1220 Wien), U1-Station Donauinsel. Den Bus 8084 zeigt die Remise, Fruethstraße 2, 1030 Wien.