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Flaktürme in Wien: Die Explosion im Augarten und sechs Türme, die keiner wegbekam

Am Abend des 21. November 1946 erschüttern Explosionen den Flakturm im Augarten, die Feuerwehr kommt nicht an den Brandherd. Die Geschichte der sechs Wiener Flaktürme, mit Zwangsarbeit gebaut und nach dem Krieg nicht zu sprengen.

Flaktürme in Wien: Die Explosion im Augarten und sechs Türme, die keiner wegbekam
Martin Gerlach jun., Augarten, Bau der Flaktürme (Gefechtsturm), Blick gegen Norden, 8. April 1944, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Donnerstag, dem 21. November 1946, gegen Viertel vor sechs am Abend, hörte man in der Inneren Stadt und in der Brigittenau mehrere schwere Detonationen. Sie kamen aus dem Flakturm im Augarten, aus dem Turm, der zum Gaußplatz hin steht. Im vierten Stock war etwas explodiert, Rauch und Qualm drangen in dichten Schwaden aus dem Beton. Die Feuerwehr rückte mit mehreren Löschzügen an, geführt von Branddirektor Holaubek. An den Brandherd kam sie nicht heran, denn in kurzen Abständen folgten weitere Explosionen. So berichteten es am nächsten Tag die „Arbeiter-Zeitung“, die „Österreichische Volksstimme“ und die „Österreichische Zeitung“.

Bis 21.20 Uhr hielt die Feuerwehr Wache, und noch am Freitag kam sie nicht höher als bis in den achten Stock. Erst 48 Stunden nach der Explosion stand fest, dass niemand ums Leben gekommen war. Die Polizei befragte drei Kinder, die kurz davor im Turm gewesen sein wollten. Der Verdacht, spielende Kinder hätten das Unglück ausgelöst, bestätigte sich nicht. Im Dezember wurde der Turm entmint. Der Turm war da noch keine zwei Jahre fertig. Er ist einer von sechs Flaktürmen in Wien, die bis heute stehen.

Drei Turmpaare um die Innere Stadt

Den Befehl für Wien gab Hitler am 9. September 1942. Vorbild waren die Türme in Berlin: Nach dem ersten britischen Luftangriff auf die Stadt im August 1940 hatte er Flaktürme bauen lassen, die schwere Flugabwehrgeschütze tragen konnten. Geplant hat sie Friedrich Tamms, ein Stadtplaner und Brückenbauer, der nach dem Krieg Stadtplaner in Düsseldorf wurde. Acht Turmpaare entstanden, drei in Berlin, zwei in Hamburg und drei in Wien.

Die Wiener stehen in einem Dreieck um den Stephansdom. Das erste Paar wurde im Arenbergpark auf der Landstraße gebaut, von Dezember 1942 bis Oktober 1943. Es folgten der Flakturm Stiftskaserne in Neubau und sein Partner im Esterházypark in Mariahilf, von Oktober 1943 bis Juli 1944. Zuletzt kam der Flakturm Augarten, offiziell von Juli 1944 bis Jänner 1945. Fotos von Martin Gerlach zeigen dort allerdings schon im Jänner 1944 eine Baustelle.

Fotografie vom 22. Jänner 1944: Baustelle des Gefechtsturms im Augarten in Wien
Martin Gerlach jun., Augarten, Bau der Flaktürme (Gefechtsturm), Blick gegen Norden, 22. Jänner 1944. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Jedes Paar besteht aus zwei Türmen. Im Leitturm saßen ein Funkmessgerät und optische Geräte, um anfliegende Flugzeuge früh zu erkennen. Der Gefechtsturm trug vier 12,8-Zentimeter-Zwillingsgeschütze. Getrennt baute man sie, weil Erschütterung und Rauch der Geschütze die Zielerfassung gestört hätten. Die Plattformen eines Paares liegen auf gleicher Höhe. Deshalb ist der Leitturm im Esterházypark mit 47 Metern höher als sein Gefechtsturm in der Stiftskaserne. Im Augarten misst der Gefechtsturm 55 Meter. Unten lagen Schutzräume für die Zivilbevölkerung, mit eigenen Eingängen, getrennt von denen der Soldaten.

Fotografie vom 1. April 1944: Blick über den Maria-Theresien-Platz gegen die Hofstallungen und den Flakturm in der Stiftskaserne, der noch im Bau ist
Martin Gerlach jun., Maria-Theresien-Platz, Blick gegen die Hofstallungen und den in Bau befindlichen Flakturm in der Stiftskaserne, 1. April 1944. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Die Männer aus dem Lager Schleuse

Gebaut wurden die Türme auch von Menschen, die nicht freiwillig hier waren. Hunderte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter arbeiteten auf den Baustellen, aus Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Serbien, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Die größte Gruppe waren italienische Militärinternierte: Soldaten, die nach Italiens Bruch mit Deutschland im September 1943 in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Ihr größtes Lager war vermutlich das Lager Schleuse an der Brigittenauer Lände. Zwischen Jänner und Mai 1944 lebten dort 718 bis 740 Männer, bewacht von einer Kompanie Landesschützen.

Einige von ihnen kennt man mit Namen. Der Zimmerer Giovanni Cazzulo starb am 8. Oktober 1944 bei einem Unfall, Nunzio Pensa am 29. Oktober 1944 bei einem Luftangriff. In beiden Türmen im Arenbergpark haben sich Graffiti italienischer und französischer oder belgischer Arbeiter erhalten, unter anderem von Sisto Merisi und Nunzio Burello.

Zu massiv zum Sprengen

Nach dem Krieg wollte man die Türme loswerden. In Berlin sprengten die Alliierten die Türme 1946 und 1947. In Wien ging das nicht, zu nah standen die Wohnhäuser. Ein Abriss wäre teuer geworden. Für die „Arbeiter-Zeitung“ waren sie im Jänner 1953 „die häßlichen Betonungeheuer“. Sie malte aus, wie aus einem von ihnen ein Wohnhochhaus werden könnte. Daraus wurde nichts. So fand jeder Turm seine eigene Verwendung.

Im Leitturm im Esterházypark richtete um 1950 die Volkshochschule eine Außenstelle ein, auf der Galerie in rund 50 Metern Höhe hatte der Astronomische Verein eine Beobachtungsstation. 1957 gründeten Wissenschaftler und Unternehmer eine Gesellschaft für Meeresbiologie, die hier das erste Seewasseraquarium Österreichs einrichten wollte: das Haus des Meeres. Für die ersten Becken nahm man auch Scheiben ausrangierter Straßenbahnwagen. Heute nutzt es alle neun Stockwerke. 2015 kaufte der Verein der Stadt Wien den Turm um einen symbolischen Euro ab, 2020 wurde ein Glaszubau fertig. Im ehemaligen Kommandoraum liegt die Ausstellung „Erinnern im Innern“.

Den Gefechtsturm in der Stiftskaserne nutzt das Bundesheer. Im Arenbergpark ist der Gefechtsturm ein Depot des MAK, im Leitturm lagern die Wiener Stadtgärten Geräte. Die beiden Türme im Augarten stehen leer. 2002 sollte dort ein Rechenzentrum entstehen, mit drei gläsernen Stockwerken obendrauf. Auch daraus wurde nichts. Alle sechs Türme stehen unter Denkmalschutz, die im Augarten seit dem 5. April 2000.

Stahlseile um den Beton

Ganz vorbei war die Explosion von 1946 nie. Sie hatte im Inneren des Gefechtsturms im Augarten Schutt verlagert, und im Frühjahr 2006 drückte dieser Schutt eine Außenwand nach außen. Monatelang war die Umgebung abgesperrt. Dann wurde der Turm mit 22 Stahlseilen umwickelt, damit sich nichts weiter verschiebt. Den Turm, der 1946 eine Explosion nach der anderen überstanden hatte, musste man sechzig Jahre später zusammenbinden.

Alle sechs Flaktürme sind von außen frei zu sehen. Im Augarten liegt auch die Porzellanmanufaktur Augarten. Von innen zugänglich ist der Leitturm im Esterházypark: Das Haus des Meeres ist täglich geöffnet.

Haus des Meeres · Fritz-Grünbaum-Platz 1, 1060 Wien