Die Kabine schwebt über dem Prater. Harry Lime, gespielt von Orson Welles, zeigt hinunter auf die Menschen, die von oben aussehen wie Punkte. Später, wieder unten, sagt er den Satz, der bis heute zitiert wird: Unter den Borgia habe Italien dreißig Jahre Krieg, Terror und Mord erlebt und dabei Michelangelo, Leonardo und die Renaissance hervorgebracht. Die Schweiz habe Brüderlichkeit gehabt, fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden, und herausgekommen sei die Kuckucksuhr.
Die Rede steht nicht in Graham Greenes Drehbuch. Welles hat sie selbst eingefügt, das hat Greene später bestätigt, und die Idee dazu habe er aus einem alten ungarischen Stück, sagte Welles. Sie hat einen Schönheitsfehler, über den Welles später selbst erzählte: Die Schweizer wiesen ihn freundlich darauf hin, dass sie nie Kuckucksuhren gebaut hätten. Die Kuckucksuhr kommt aus dem Schwarzwald.
Auch die Kabine ist nicht ganz echt, das Innere wurde im Studio gedreht. Das Rad selbst aber stand im Prater, und es drehte sich erst seit Kurzem wieder. 1944 war es ausgebrannt, am 25. Mai 1947 lief es wieder an, mit nur 15 statt 30 Waggons. Der Prater lag damals im sowjetischen Sektor. Mehr über das Rad steht in unserem Text zur Geschichte des Wiener Riesenrads.
Eine Stadt in vier Sektoren
Im April 1945 nahm die Rote Armee Wien ein, ab September 1945 teilten sich vier Mächte die Stadt. Sowjets, Amerikaner, Briten und Franzosen hatten jeweils eigene Bezirke, die Innere Stadt verwalteten sie gemeinsam, die Verwaltung wechselte jeden Monat. Durch die Innenstadt fuhren die „Vier im Jeep“, eine Militärpatrouille mit je einem Soldaten aller vier Mächte. Es fehlte an Essen, an Kohle und an Medikamenten, und vieles gab es nur am Schwarzmarkt.

In diese Stadt schickte der britische Produzent Alexander Korda im Februar 1948 den Schriftsteller Graham Greene. Er sollte für den Regisseur Carol Reed ein Drehbuch schreiben und dafür vor Ort recherchieren. Der Journalist Peter Smollett erzählte ihm von der Wiener Kanalisation und von gestrecktem Penicillin. Dass Smollett für den sowjetischen Geheimdienst arbeitete, kam erst viel später heraus.
Das Penicillin war keine Erfindung. Das neue Medikament war im Nachkriegsösterreich knapp, die Zeitungen berichteten über Diebstähle aus amerikanischen Spitälern, über Fälschungen und gestreckte Ware. Bei Greene wird daraus Harry Lime, der verdünntes Penicillin verkauft, an dem Kinder sterben.
Drei Teams, rund um die Uhr
Gedreht wurde in Wien von Ende Oktober bis zum 11. Dezember 1948. Drei Teams arbeiteten fast rund um die Uhr, eines bei Tag, eines bei Nacht und eines im Kanal, um vor dem Schnee fertig zu werden. Joseph Cotten spielte Holly Martins, Alida Valli Anna Schmidt. Orson Welles war nur rund zwei Wochen dabei. Die Kamera führte Robert Krasker, er bekam dafür den Oscar.
Die Stadt spielte sich selbst. Harry Lime wohnt im Palais Pallavicini am Josefsplatz. Zum ersten Mal sieht man ihn in einem Hauseingang in der Schreyvogelgasse 8 unter der Mölker Bastei, als ein Lichtstrahl aus einem Fenster auf sein Gesicht fällt. Durch den Schulhof flieht er, am Platz Am Hof verliert Holly ihn. Die Litfaßsäule, in der er dort verschwindet, war eine Attrappe. Auch Maria am Gestade und die Ruprechtskirche sind im Film zu sehen. Anfang und Ende spielen auf dem Zentralfriedhof.


Unter der Stadt
Die berühmteste Verfolgungsjagd führt in den Kanal. Gedreht wurde in den Kanälen am Wienfluss unter dem Karlsplatz, darunter im alten Cholerakanal, über dessen Treppe heute auch die Führungen hinabsteigen. Männer der Wiener Kanalbrigade halfen beim Dreh und spielten in ihrer Freizeit die Kanalpolizei. Welles weigerte sich, in den echten Kanal zu steigen. Für ihn wurde in den Shepperton-Studios bei London ein Stück Kanal nachgebaut, im Wiener Kanal sind meist Doubles zu sehen.

Dass der Wienfluss am Karlsplatz unter der Erde verschwindet, war beim Dreh erst gut fünfzig Jahre so: 1897 fotografierte Moriz Nähr die Bauarbeiten bei der Elisabethbrücke, als der Fluss eingewölbt wurde.
Der Zitherspieler aus Sievering
Bleibt die Musik. Anton Karas, 1906 in der Brigittenau geboren, gelernter Werkzeugschlosser, spielte Zither beim Heurigen in Sievering. Wie Carol Reed ihn fand, erzählen die Quellen verschieden: bei einem Empfang der Sascha-Film, bei einem Heurigenabend, zufällig auf einer Party. Sicher ist, dass Reed ihn nach London holte und beim Schnitt beschloss, den ganzen Film nur mit Zither zu vertonen. Karas blieb wochenlang in London.
Das Harry-Lime-Thema wurde ein Welterfolg. In den USA stand es 1950 elf Wochen auf Platz 1 der Billboard-Verkaufscharts, allein in Großbritannien waren bis November 1949 rund 300.000 Platten verkauft. Karas eröffnete in Sievering ein eigenes Lokal, „Zum Dritten Mann“. Die Zither, auf der er die Musik in London einspielte, gehört heute dem Dritte Mann Museum.
Wien war wenig begeistert
Der Film kam Anfang September 1949 in Großbritannien heraus und gewann in Cannes den Grand Prix des Festivals. In Wien lief er erst am 10. März 1950 an, im Apollo-Kino. Die Wiener Kritik blieb kühl, anders als die meisten Zeitungen lobte die Arbeiter-Zeitung den Film, und nach wenigen Wochen war er wieder aus den Kinos.
Heute ist es umgekehrt. Das Burg Kino am Opernring zeigt ihn seit der Wiederaufführung 1980 jede Woche, unter anderem sonntags im englischen Original. Wien Kanal bietet von Mai bis Oktober die „Dritte Mann Tour“ an, Treffpunkt ist im Girardipark am Karlsplatz. Und in der Pressgasse im 4. Bezirk sammelt das Dritte Mann Museum rund 3.000 Originalobjekte zum Film und zum Wien der Besatzungszeit.
Das Museum ist samstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Zum Jahreswechsel ist es am 26. und 30. Dezember 2026 sowie am 2. Jänner 2027 offen, danach ist Winterpause, ab 27. März 2027 wieder geöffnet. Führungen gibt es auf Anfrage an jedem Tag. Die Kanaltour läuft von Mai bis Oktober, donnerstags bis sonntags, mitgehen darf man ab 12 Jahren, Helm und Stirnlampe gibt es dazu. Die Spieltermine des Burg Kinos stehen im aktuellen Programm.
Dritte Mann Museum · Pressgasse 25, 1040 Wien
IM MUSEUM

