Am Sonntag, dem 30. April 1775, stand der Augarten zum ersten Mal allen offen. Über dem neuen Tor, entworfen von Isidore Canevale, stand eine Widmung: „Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von Ihrem Schätzer“. Der Schätzer war Kaiser Joseph II. Am Mittwoch darauf meldete das Wienerische Diarium, die „sogenannte alte Favorite oder Augarten“ sei für das ganze Publikum zum ersten Mal geöffnet worden. Das Volk sei zahlreich gekommen und habe „alle reineren Freuden“ genossen. In derselben Ausgabe bot ein Händler in der Bognergasse schon ein Heft mit dem Titel „Einladung im Augarten“ an, um 10 Kreuzer.
Heute ist der Augarten in der Leopoldstadt ein Park von gut 52 Hektar und die älteste erhaltene barocke Gartenanlage Wiens. In ihm stehen die Porzellanmanufaktur Augarten, das Palais der Wiener Sängerknaben und zwei Flaktürme aus dem Zweiten Weltkrieg. Angefangen hat alles mit einem kleinen Jagdschloss in der Donau-Au.
Vom Jagdschloss zur kaiserlichen Favorita
1614 ließ Kaiser Matthias in einem Augebiet der Donau ein Jagdschlösschen bauen. Ferdinand III. legte daneben einen kleinen Garten an. Leopold I. kaufte in den 1660er-Jahren angrenzende Gärten der Familie Trautson dazu und ließ um 1677 ein Lustgebäude umbauen. Die Anlage hieß nun kaiserliche Favorita. Lange hielt das nicht: 1683, bei der Zweiten Türkenbelagerung, wurde sie verwüstet, die Gebäude gingen in Flammen auf.
Joseph I. ließ um 1705 auf den Resten eines Seitenflügels einen einstöckigen Saalbau errichten. Ab 1708 gestaltete der Gärtner Jean Trehet den Park neu, 1712 beauftragte ihn Karl VI. mit einer Anlage im französischen Stil. Diese Form hat der Augarten bis heute weitgehend behalten. Den alten Namen behielt der Garten: Noch 1775 schrieb die Zeitung von der „alten Favorite“.
Ein Kaiser unter Spaziergängern
Joseph II. machte aus dem Hofgarten einen Park für alle. Er vergrößerte ihn bis zur heutigen Castellezgasse und erwarb das Palais Leeb, das heutige Augartenpalais. Errichtet worden war es vor 1692 für den Ratsherrn Zacharias Leeb, der Entwurf wird Johann Bernhard Fischer von Erlach zugeschrieben. Für sich selbst ließ der Kaiser mitten im Park ein kleines Sommerhaus errichten, das Josephsstöckl.

Der Adel war wenig begeistert, seinen Garten nun mit allen teilen zu müssen. Joseph II. soll spöttisch geantwortet haben: Wenn er nur unter seinesgleichen sein wolle, bleibe ihm nur die Kaisergruft bei den Kapuzinern. In der Kapuzinergruft liegt er seit 1790 tatsächlich. Um 1785, zehn Jahre nach der Öffnung, entstand Joseph Daniel von Hubers „Ansicht des berühmten, neu vergresserten Augarten“.
Konzerte am Morgen
Im Saalbau betrieb Ignaz Jahn ein Lokal. Um mehr Gäste anzulocken, veranstaltete er ab 1782 Konzerte am Morgen. Das erste fand am Sonntag, dem 26. Mai 1782, im Gartensaal statt, geleitet von Wolfgang Amadeus Mozart. Die frühe Stunde soll Absicht gewesen sein: Am Morgen arbeitete das einfache Volk, und die feinere Gesellschaft blieb ungestört. Der Garten war allen Menschen gewidmet, die Musik am Morgen wohl nicht ganz.

Am Dienstag, dem 24. Mai 1803, um 8 Uhr früh, spielte Ludwig van Beethoven im Augarten mit dem Geiger George Bridgetower zum ersten Mal eine neue Violinsonate. Bridgetower spielte vom Blatt, er hatte die Noten nie zuvor gesehen. Bald darauf zerstritten sich die beiden, und Beethoven widmete das Stück stattdessen Rodolphe Kreutzer, der damals als bester Geiger seiner Zeit galt. Kreutzer hat die Kreutzersonate nie gespielt. Er fand sie unverständlich. Von 1833 bis 1837 gab dann Johann Strauss Vater im Augarten Konzerte.
Porzellan, Sängerknaben und zwei Türme
Der Saalbau, in dem Mozart dirigierte, ist heute Sitz der Porzellanmanufaktur Augarten. Ihre Geschichte beginnt 1718: Damals erwarb Claudius Innozenz Du Paquier ein Privileg und richtete in der Roßau eine kleine Manufaktur ein. 1744 übernahm Maria Theresia sie in staatliche Verwaltung. 1864 ließ Franz Joseph I. sie schließen, gegen die Konkurrenz aus Böhmen kam sie nicht mehr an. Am 2. Mai 1923 wurde sie im Schloss Augarten neu eröffnet, im Beisein von Bundespräsident Michael Hainisch. Seit 2011 gibt es dort auch ein Porzellanmuseum.
Ins Augartenpalais zogen 1948 die Wiener Sängerknaben, deren Geschichte bis 1498 zurückreicht. Am 9. Dezember 2012 eröffneten sie im Augarten ihren eigenen Konzertsaal, das MuTh.

Und dann sind da die beiden Betonriesen. Im Zweiten Weltkrieg entstanden im Park ein Gefechtsturm von 55 Metern und ein Leitturm von 51 Metern Höhe. Wie es im November 1946 in einem der Türme zu Explosionen kam und warum beide bis heute stehen, erzählt unsere Geschichte der Flaktürme in Wien.
Ein Tor, das früh aufgeht
Die Widmung Josephs II. steht noch immer über dem Hauptportal. Und der Augarten öffnet früh: von April bis Oktober um 6.30 Uhr, von November bis März um 7 Uhr. Die Morgenstunden, in denen 1782 die feinere Gesellschaft unter sich bleiben sollte, gehören damit heute allen, die durch das Tor kommen.
Augarten · Obere Augartenstraße 1, 1020 Wien. Frei zugänglich, täglich ab 6.30 Uhr (November bis März ab 7 Uhr), Schließzeit je nach Monat zwischen 17.30 und 21 Uhr.
Quellen und Links
- Wienerisches Diarium, 3. Mai 1775: Der Augarten zum ersten Mal für das Publikum geöffnet (ANNO)
- Wienerisches Diarium, 3. Mai 1775: Anzeige „Einladung im Augarten“ (ANNO)
- Wien Geschichte Wiki: Augarten
- Wien Geschichte Wiki: Augartenpalais
- Wien Geschichte Wiki: Porzellanmanufaktur
- Wikipedia: Augarten
- Wien Geschichte Wiki: Joseph II.
- Wikipedia: Porzellanmanufaktur Augarten
- Wikipedia: Wiener Sängerknaben
- Wikipedia (en): Violin Sonata No. 9 (Kreutzer)
- Die Welt der Habsburger: Joseph II, the Augarten and how the Viennese spent their leisure time
- Österreichische Bundesgärten: Augarten
- Österreichische Bundesgärten: Öffnungszeiten Augarten
- Kulturpool: Johann Andreas Ziegler, Zu- und Eingang in Augarten
- Kulturpool: Joseph Daniel von Huber, Ansicht des neu vergrösserten Augarten
- Kulturpool: L. Poratzky, K.K. Gebäude im Augarten
- Kulturpool: Martin Gerlach jun., Bau der Flaktürme im Augarten
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