Deep Dive
October 30, 2026
|
Mozarthaus

Mozart in Wien: Zehn Jahre vom Rauswurf bis zum Requiem

Im Juni 1781 warf der Kammerherr des Salzburger Erzbischofs Mozart mit einem Fußtritt hinaus. So begannen Mozarts zehn Wiener Jahre: Constanze, Figaro, Zauberflöte, Requiem und ein Tod in der Rauhensteingasse.

Mozart in Wien: Zehn Jahre vom Rauswurf bis zum Requiem
Johann Hieronymus Löschenkohl, „Wolfg. Amade Mozart“, um 1786, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Im Juni 1781 schrieb Wolfgang Amadé Mozart einen empörten Brief nach Salzburg. Graf Arco, der Kammerherr des Erzbischofs, habe ihn zur Tür hinausgeworfen und ihm dazu „einen Tritt im Hintern“ gegeben. Mozart war 25 Jahre alt und wollte seit Wochen kündigen. Arco hatte sein Entlassungsgesuch einfach nicht angenommen. Mit dem Tritt war der Streit entschieden: Mozart war seine Stelle in Salzburg los und blieb in Wien.

Nach Wien gekommen war er nur, weil sein Dienstherr es so wollte. Erzbischof Colloredo besuchte im Frühjahr 1781 seinen kranken Vater in Wien und hatte Musiker seines Salzburger Hofes mitgenommen. Mozart traf am 16. März 1781 ein und wohnte mit dem Erzbischof im Deutschen Haus, dem Haus des Deutschen Ordens in der Singerstraße, gleich beim Stephansdom. Der Erzbischof verbot ihm zunächst, in Wiener Wohltätigkeitskonzerten aufzutreten, und erlaubte es erst später. Bald sollte Mozart mit nach Salzburg zurück. Er schob die Abreise hinaus, und im Mai kündigte er nach einem Streit mit Colloredo. Was danach kam, waren zehn Jahre in Wien, in denen Figaro, Don Giovanni und die Zauberflöte entstanden.

Ansichtskarte des Stephansturms mit dem Deutschen Haus in der Singerstraße, um 1910.
Carl Müller, Stephansturm mit dem Deutschen Haus in der Singerstraße, Ansichtskarte um 1910. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein freier Musiker in der Stadt

Anfang Mai 1781 zog Mozart aus dem Deutschen Haus aus. Er kam bei Cäcilia Weber unter, im Haus „Zum Auge Gottes“ am Petersplatz. In Wien lebte er nun von Klavierstunden für adelige Schülerinnen und von eigenen Konzerten. Am 24. Dezember 1781 spielte er vor Kaiser Joseph II., im Wettstreit mit dem Pianisten Muzio Clementi.

Joseph II. wollte ein deutsches Singspiel fördern, und Mozart lieferte ihm eines: „Die Entführung aus dem Serail“, uraufgeführt am 16. Juli 1782. Zu Mozarts Lebzeiten blieb es sein erfolgreichstes Bühnenwerk. Knapp drei Wochen später, am 4. August 1782, heiratete er im Stephansdom Constanze Weber, die Tochter seiner früheren Vermieterin. Sein Vater Leopold war gegen die Ehe. Seine Einwilligung kam erst nach der Hochzeit in Wien an. Constanze und Wolfgang bekamen sechs Kinder, nur zwei wurden erwachsen: Carl Thomas und Franz Xaver Wolfgang.

Ein Dutzend Wohnungen und ein Figaro

In Wien zog Mozart oft um. Rund ein Dutzend Adressen sind bekannt, fast alle in der Innenstadt: Graben, Wipplingerstraße, Kohlmarkt, Judenplatz, Tuchlauben. Nur zweimal wohnte er draußen in den Vorstädten, auf der Landstraße und in der Währinger Straße. Erhalten ist von all diesen Wohnungen nur eine, in der Domgasse hinter dem Stephansdom. Dort lebte er von 1784 bis 1787, und dort sagte Joseph Haydn zu Mozarts Vater Leopold, sein Sohn sei der größte Komponist, den er kenne. Die Geschichte dieser Wohnung erzählt unser Text über das Figarohaus in der Domgasse.

In diesen Jahren entstand „Le nozze di Figaro“. Die Oper wurde am 1. Mai 1786 im Burgtheater uraufgeführt und nach neun Vorstellungen abgesetzt. Erst eine Neueinstudierung 1789 brachte es in Wien auf 28 Aufführungen. In Prag dagegen war der Figaro ein großer Erfolg, und für Prag schrieb Mozart die nächste Oper: „Don Giovanni“, uraufgeführt am 29. Oktober 1787.

Kurz danach, am 7. Dezember 1787, ernannte ihn Joseph II. zum k. k. Kammermusicus, mit 800 Gulden im Jahr. Sechs Jahre nach dem Rauswurf hatte Mozart wieder einen Dienstherrn, diesmal den Kaiser. Sorgenfrei war er damit nicht. Ab Juni 1788 schrieb er Bettelbriefe an Johann Michael Puchberg. Wie viel Mozart wirklich verdiente, ist umstritten: Die Schätzungen reichen von 1.000 bis über 10.000 Gulden im Jahr.

1791: Zauberflöte und Requiem

1791 arbeitete Mozart an mehreren großen Aufträgen zugleich. Am 9. Mai 1791 wurde Mozart Adjunkt des Domkapellmeisters Leopold Hofmann am Stephansdom, also sein Gehilfe, ohne Bezahlung. Im selben Jahr kam sein jüngster Sohn Franz Xaver Wolfgang zur Welt. Für Prag schrieb Mozart die Oper „La clemenza di Tito“, für Wien „Die Zauberflöte“. Das Libretto stammte von Emanuel Schikaneder, der auch das Freihaustheater auf der Wieden leitete. Dort war am Freitag, dem 30. September 1791, die Uraufführung.

Szenenbild aus der Zauberflöte: Papageno übergibt seine Vögel, Kupferstich um 1793/94.
Peter und Joseph Schaffer, „Papageno. Hier meine Schönen, übergeb ich meine Vögel“, Szenenbild aus der Zauberflöte, um 1793/94. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Liegen blieb dafür ein anderer Auftrag. Graf Franz von Walsegg hatte nach dem Tod seiner Frau eine Totenmesse bestellt, das Requiem. Mozart konnte es nicht mehr vollenden. Wer es fertig schrieb, wie die Handschrift in die Nationalbibliothek kam und warum ihr eine Ecke fehlt, erzählt unser Text über die Handschrift des Requiems.

Der Tod in der Rauhensteingasse

Um den 20. November 1791 wurde Mozart krank. Er starb am Montag, dem 5. Dezember 1791, fünf Minuten vor ein Uhr früh, in seiner Wohnung im Kleinen Kaiserhaus in der Rauhensteingasse. Er war knapp 36 Jahre alt. Der Totenbeschauer schrieb „hitziges Frieselfieber“ ins Protokoll. Woran er genau starb, ist nicht sicher geklärt, viele halten eine bakterielle Infektion für wahrscheinlich. Die alten Gerüchte vom Giftmord gelten als abwegig.

Zwei Tage später meldete die Wiener Zeitung, in der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember sei der k. k. Hofkammerkompositor Wolfgang Mozart gestorben. Schon als Kind sei er für sein Talent in ganz Europa bekannt gewesen. Ein paar Seiten weiter bot in derselben Ausgabe ein Händler am Kohlmarkt Arien aus der „neuen Opera“ an, der Zauberflöte von Mozart, für Klavier eingerichtet.

Gottfried van Swieten kümmerte sich um die Formalitäten. Mozart wurde bei der Kruzifixkapelle am Stephansdom eingesegnet und auf dem St. Marxer Friedhof in einem allgemeinen Grab beigesetzt. Wo genau, weiß niemand mehr, davon erzählt unser Text über Mozarts Grab in St. Marx. Am 10. Dezember folgte eine Totenfeier in der Michaelerkirche. Das Kleine Kaiserhaus steht nicht mehr, an seiner Stelle steht heute die Rückseite des Kaufhauses Steffl. Eine Gedenktafel in der Rauhensteingasse erinnert an Mozarts Tod.

Von der Kruzifixkapelle am Dom zum Deutschen Haus, in dem Mozart im März 1781 angekommen war, sind es nur ein paar Schritte. Dazwischen lagen zehn Jahre. Gekommen war er als Musiker eines Erzbischofs, der ihn nicht gehen lassen wollte. Die Wiener Zeitung verabschiedete ihn als Komponisten des Kaisers.

Seine einzige erhaltene Wiener Wohnung zeigt heute das Mozarthaus Vienna in der Domgasse. Die Handschrift des Requiems besitzt die Österreichische Nationalbibliothek, ihr Prunksaal ist zu besichtigen. Und auf dem Zentralfriedhof steht ein Mozart-Denkmal neben den Gräbern von Beethoven und Schubert, obwohl Mozart dort nie begraben war.

Mozarthaus Vienna · Domgasse 5, 1010 Wien. Täglich 10 bis 19 Uhr.