Am Samstag, dem 21. April 1770, um halb zehn Uhr vormittags, verließ eine Vierzehnjährige Wien. Zwei Tage zuvor war sie in der Augustinerkirche getraut worden, mit einem Bräutigam, der gar nicht dabei gewesen war. Nun nahm sie Abschied von ihrer Mutter, Kaiserin Maria Theresia, und von ihren Geschwistern. Die Abreise sei „nach vorheriger zärtlichster Beurlaubung“ erfolgt, meldete das Wienerische Diarium. Erstes Nachtquartier war das Stift Melk. Ihr ältester Bruder, Kaiser Joseph II., war schon vorausgefahren, nur mit seinem Kammerherrn.
In Wien hieß die Braut Maria Antonia. In Frankreich nannte man sie Marie Antoinette, und unter diesem Namen wurde sie Königin und starb 23 Jahre später unter der Guillotine. Ihre ersten vierzehn Jahre hatte sie hier verbracht, zwischen Hofburg und Schönbrunn.
Geboren am Tag nach dem Erdbeben
Maria Antonia kam am 2. November 1755 in der Wiener Hofburg zur Welt, an Allerseelen. Sie war das fünfzehnte von 16 Kindern Maria Theresias und Franz Stephans von Lothringen und die jüngste Tochter. Am Tag davor, zu Allerheiligen, hatte ein Erdbeben Lissabon zerstört, gefolgt von einem Großbrand und einer Flutwelle. Die Schätzungen reichen von 30.000 bis 100.000 Toten. Später deutete man die beiden Daten als schlechte Vorzeichen für das Leben der Erzherzogin.
Ihre Kindheit verbrachte sie in der Hofburg und im Sommerschloss Schönbrunn. Gleich nach der Geburt kam sie in die Obhut der Gräfin Brandeis, der Erzieherin der kaiserlichen Kinder. Später übernahm die strengere Gräfin Lerchenfeld. Mit zehn Jahren konnte Maria Antonia weder Deutsch noch eine andere Sprache des Hofes fehlerfrei schreiben. Besser lief es mit der Musik: Sie lernte Cembalo und Harfe, Gesang unterrichtete Christoph Willibald Gluck. Und sie tanzte gut.

Um 1850 zeichnete Edouard Hamman, wie Gluck seiner früheren Schülerin im Trianon in Versailles eine Partitur überreicht. Es ist eine Szene, wie sie sich das 19. Jahrhundert vorstellte, Jahrzehnte nach dem Unterricht in Wien.
Ein Sechsjähriger in Schönbrunn
Am 13. Oktober 1762 spielten zwei Kinder aus Salzburg in Schönbrunn vor der kaiserlichen Familie: die elfjährige Maria Anna Mozart, genannt Nannerl, und ihr sechsjähriger Bruder Wolfgang. Der Vater Leopold schrieb danach nach Hause, Wolferl sei der Kaiserin auf den Schoß gesprungen und habe sie herzhaft abgeküsst. Maria Antonia und Wolfgang waren fast gleich alt.
Was dann kam, ist eine Anekdote. Nach dem Konzert sollen die Mozart-Kinder mit den kaiserlichen Kindern herumgetobt haben. Wolfgang rutschte aus, Maria Antonia half ihm auf, und er soll verkündet haben, er werde sie heiraten, wenn er groß sei. Belegt ist das nicht. Verheiratet wurde sie acht Jahre später, aus politischen Gründen und mit einem anderen.
Eine Ehe für ein Bündnis
Dass gerade Maria Antonia nach Frankreich gehen sollte, war Politik. Habsburg und Frankreich waren lange Feinde gewesen. Maria Theresia hatte diese Feindschaft beendet, und eine Hochzeit sollte das neue Bündnis besiegeln. Der Bräutigam war der Dauphin Louis Auguste, ein Enkel König Ludwigs XV. Schon mit elf Jahren stand Maria Antonia im Mittelpunkt dieser Pläne. 1768 schickte Ludwig XV. den Abbé Mathieu-Jacques de Vermond nach Wien, der sie auf ihre Rolle in Frankreich vorbereiten sollte. 1769 kam der Maler Joseph Ducreux, um das offizielle Bildnis der Braut zu malen; ein Stich nach seinem Porträt der Mutter gehört zum Maria-Theresia-Dossier. Bis zur Abreise bestand die Kaiserin darauf, dass die Tochter das Schlafgemach mit ihr teilte.

Am Donnerstag, dem 19. April 1770, wurde Maria Antonia in der Augustinerkirche, der Kirche des Hofes, per procurationem getraut, also mit einem Stellvertreter. Für den Dauphin stand ihr Bruder Erzherzog Ferdinand am Altar. Den Kupferstich der Kirche hatte Salomon Kleiner fast fünfzig Jahre vorher gezeichnet.
Von Melk bis zur Guillotine
Die Reise führte von Melk weiter nach Westen. Am 7. Mai 1770 wurde die Braut auf einer Rheininsel vor Straßburg, auf neutralem Boden, an Frankreich übergeben. Dort trennte man sie von ihrer Begleitung aus Wien und kleidete sie neu ein. Am 16. Mai heiratete sie in Versailles den Dauphin, diesmal persönlich. Am 10. Mai 1774 wurde er als Ludwig XVI. König, sie Königin von Frankreich.

Mit der Mutter blieb sie über Briefe verbunden. Maria Theresia schickte Ratschläge und sorgte sich um die Ausgaben der Tochter. Der Bruder Joseph besuchte das Königspaar im April 1777. Am 29. November 1780 starb Maria Theresia in Wien.
Dann kam die Revolution. Im Juni 1791 wurde die königliche Familie auf der Flucht in Varennes erkannt und festgenommen. Am 10. August 1792 stürmte das Volk die Tuilerien, die Familie kam in den Temple. Nach einem kurzen Prozess wurde Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 mittags auf dem Revolutionsplatz in Paris enthauptet. Sie war 37 Jahre alt. Seit 1815 liegt sie in Saint-Denis. Der Satz, den man ihr bis heute in den Mund legt, ist eine Legende: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.“ Eine ähnliche Geschichte erzählte schon Rousseau um 1766, lange bevor sie Königin wurde.
Zurück kam sie als Bild
Nach Wien kam Marie Antoinette später als Bild zurück. Im Februar 1779 wurde ein Porträt nach Wien geschickt, das Élisabeth Vigée-Lebrun 1778 gemalt hatte. Es ist 2,73 Meter hoch, oben rechts steht eine Büste Ludwigs XVI. Das Bild war für die Mutter bestimmt. Maria Theresia schrieb der Tochter, sie sei entzückt, und ließ es in der Hofburg aufhängen. Heute hängt es im Kunsthistorischen Museum, in Saal VI der Gemäldegalerie.
In Schloss Schönbrunn begegnet man ihr eher auf Umwegen. Im Salon mit den Porträts der Erzherzoginnen fehlt sie: Als die Bilder ihrer älteren Schwestern um 1767 entstanden, war sie noch zu jung. Und das Marie-Antoinette-Zimmer hat seinen Namen von einem Gobelin, den Napoleon III. Kaiser Franz Joseph geschenkt hatte. Gewebt war er nach einem Gemälde Vigée-Lebruns von 1787, das Marie Antoinette mit ihren Kindern zeigt. Er hing dort bis zum Ende der Monarchie. Heute hängt an seiner Stelle ein Porträt des jungen Franz Joseph.
Das Kunsthistorische Museum steht am Maria-Theresien-Platz. Zwischen ihm und dem Naturhistorischen Museum steht seit 1888 das Maria-Theresien-Denkmal. Das Bild, das die Königin ihrer Mutter schickte, hängt also nur ein paar Schritte von deren Denkmal entfernt. Die Vierzehnjährige, die am 21. April 1770 Abschied nahm, ist so doch wieder bei Maria Theresia angekommen.
Kunsthistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien. Täglich 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.
Quellen und Links
- Wienerisches Diarium, 25. April 1770: Abreise der Dauphine Maria Antonia am 21. April (ANNO)
- Wikipedia: Marie Antoinette
- Wikipedia (en): Marie Antoinette
- Wien Geschichte Wiki: Marie Antoinette
- Deutsche Biographie: Marie Antoinette
- History Today: The Birth of Marie Antoinette
- Wikipedia: Maria Anna Mozart
- Die Welt der Habsburger: Marie Antoinette, Kindheit im Schatten der Politik
- Die Welt der Habsburger: Wolferl and Nannerl at court
- Wikipedia: Erdbeben von Lissabon 1755
- Wikipedia: Joseph Ducreux
- History of Royal Women: Marie Antoinette and her mother Maria Theresa
- Kunsthistorisches Museum: Élisabeth Vigée-Lebrun, Marie-Antoinette, 1778
- Schloss Schönbrunn: Marie-Antoinette-Zimmer
- Schloss Schönbrunn: Salon der Erzherzoginnen-Porträts
- Wien Geschichte Wiki: Maria-Theresien-Denkmal
- Kunsthistorisches Museum: Besuch
- Kulturpool: Balthasar Ferdinand Moll, Franz I. und Maria Theresia mit ihren 16 Kindern (Mariazeller Antependium)
- Kulturpool: Salomon Kleiner, Hoff-Kirche derer P. P. Augustiner
- Kulturpool: Cathelin nach Frédou, Porträt Marie Antoinette
- Kulturpool: Edouard Hamman, Willibald Gluck und Marie Antoinette
Mehr auf immuseum.at
- Maria Theresia: Ihr Leben in 12 Bildern
- Augustinerkirche: Kaiserhochzeiten und die Herzgruft
- Das Maria-Theresien-Denkmal in Wien: wer draufsteht und wer fehlt
- Kunsthistorisches Museum Wien
- Schloss Schönbrunn
- Habsburger Stammbaum bis heute: Eine Familie, die durch Hochzeiten wuchs
- Mozart in Wien: Zehn Jahre vom Rauswurf bis zum Requiem
- Augarten in Wien: Der Park, den Joseph II. allen Menschen widmete
IM MUSEUM



