Am Dienstag, dem 15. Oktober 1844, war in Dommayers Casino in Hietzing kaum ein Platz zu bekommen. Wer um sieben Uhr abends noch einen Sitz wollte, musste ihn sich erkämpfen, schrieb der Reporter der Zeitung „Der Wanderer“. Am Pult stand ein 18-Jähriger mit 24 Musikern und vier eigenen Stücken: Johann Strauss, der Sohn. Fast jedes Stück musste er wiederholen, den Walzer „Sinngedichte“ unter dem Jubel des Publikums sechsmal hintereinander. Als der Reporter um Mitternacht ging, waren die Säle immer noch voll.
Den Abend fasste er in drei Grüße: „Gute Nacht, Lanner! Guten Abend, Strauß Vater! Guten Morgen, Strauß Sohn!“ Joseph Lanner, mit dem der Vater einst gemeinsam aufgetreten war, war im Jahr davor gestorben. Johann Strauss Vater aber war 40 Jahre alt, leitete ein eigenes Orchester und hatte bei Dommayer selbst Werke uraufgeführt. Und er hatte versucht, diesen Abend zu verhindern.
Ein Sohn, der Beamter werden sollte
Johann Strauss kam am 25. Oktober 1825 in St. Ulrich zur Welt, einer Vorstadt, die heute zum Bezirk Neubau gehört. Der Vater, Kapellmeister und Komponist, plante für seinen ältesten Sohn eine Laufbahn als Beamter. Der Sohn besuchte das Schottengymnasium und danach die kommerzielle Abteilung des Polytechnischen Instituts. Geige lernte er heimlich. Seine Mutter Anna stand hinter ihm und unterstützte den Unterricht, unter anderem in Musiktheorie bei Joseph Drechsler.
Die Ehe der Eltern war da längst zerrüttet. Der Vater lebte mit der Modistin Emilie Trampusch zusammen, mit der er insgesamt acht Kinder hatte. Am 31. Juli 1844 reichte Anna Strauss die Scheidung ein, und der älteste Sohn verdiente bald mit Konzerten für die Familie. Der Vater versuchte beim Wiener Magistrat, die öffentlichen Auftritte des Sohnes verbieten zu lassen. Er scheiterte. So debütierte der Sohn ausgerechnet in einem Lokal, in dem der Vater selbst Premieren gefeiert hatte.

1848: Vater und Sohn auf verschiedenen Seiten
Nach dem Debüt hatte Wien zwei Strauss-Kapellen. Der Vater spielte für das bürgerliche und höfische Publikum, der Sohn für Studenten und für Leute am Rand der Gesellschaft. 1845 wurde er Kapellmeister des Zweiten Wiener Bürgerregiments.
Im Revolutionsjahr 1848 standen die beiden auf verschiedenen Seiten. Als im März in Wien die Revolution ausbrach, war der Sohn auf Reisen in Bukarest und blieb bis Ende Mai verschollen. Zurück in Wien schrieb er „Freiheitslieder“ und einen „Revolutions-Marsch“. Einmal spielte er sogar die Marseillaise und verteidigte sich danach: Er habe nur dem Wunsch des Publikums nachgegeben, um Ausschreitungen zu vermeiden. Der Vater dagegen galt als kaisertreu. Sein Radetzky-Marsch erklang am 31. August 1848 zum ersten Mal, bei einem Siegesfest auf dem Wasserglacis für die Armee in Italien. Dem Sohn brachten seine Revolutionsstücke Ärger mit der Zensur und kosteten ihn die Gunst des Hofes.
Am 25. September 1849 starb der Vater mit 45 Jahren an Scharlach. Der Sohn übernahm sein Orchester und legte es mit dem eigenen zusammen. Später kamen die Brüder dazu, Josef 1853 und Eduard 1861 als Dirigent. Den Titel eines k. k. Hofballmusikdirektors hatte der Hof Johann Strauss 1856 und 1859 noch verweigert. 1863 bekam er ihn doch. Der Musiker, der 1848 die Marseillaise gespielt hatte, leitete nun die Musik auf den Bällen des Kaisers.

Der Donauwalzer aus der Praterstraße
1862 heiratete Strauss Henriette „Jetty“ Treffz. Mitte der 1860er-Jahre zog das Paar in die Praterstraße 54 in der Leopoldstadt, in den ersten Stock. Dort schrieb Strauss im Winter 1866/67, kurz nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen, einen Walzer für den Wiener Männergesang-Verein: „An der schönen blauen Donau“. Den Text verfasste der Polizeikommissär Josef Weyl. Uraufgeführt wurde die Chorfassung am Freitag, dem 15. Februar 1867, im Saal des Dianabads. Strauss selbst war nicht dabei. Der Verein schenkte ihm einen goldenen Dukaten.
Dass der Walzer bei der Premiere durchfiel, ist eine Legende. Das „Neue Fremdenblatt“ nannte ihn einen „Schlager“. Schwerer tat sich die Orchesterfassung, die am 10. März 1867 im Volksgarten zum ersten Mal erklang: In diesem Fasching brachten die Strauss-Brüder 25 neue Werke heraus, der Donauwalzer war einer von vielen. Den Durchbruch brachte die Weltausstellung in Paris im selben Jahr. Strauss verdiente daran wenig. Nach seinem Jahresvertrag mit dem Verleger wurden ihm für den Walzer nur rund 25 Gulden angerechnet.
Heute gehört der Donauwalzer beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zu den fixen Zugaben, und der ORF spielt ihn zum Jahreswechsel gleich nach dem Läuten der Pummerin. Am 27. April 1945 erklang er vor dem Parlament, weil es noch keine Hymne gab. Die Wohnung in der Praterstraße ist seit 1976 ein Standort des Wien Museums. Zu sehen sind dort unter anderem ein Bösendorfer-Flügel und eine Amati-Geige aus Strauss’ Besitz.
Die Fledermaus und ein Bürger von Coburg
Im Sommer 1873 schrieb Strauss in seiner Wohnung in der Maxingstraße 18, wieder in Hietzing, den Großteil einer Operette. In 42 Tagen soll die Musik zur „Fledermaus“ entstanden sein. Das Libretto von Carl Haffner und Richard Genée ging auf eine Pariser Komödie von Henri Meilhac und Ludovic Halévy zurück. Wegen der Wirtschaftskrise nach dem Börsenkrach von 1873 wurde die Premiere mehrmals verschoben. Am Ostersonntag, dem 5. April 1874, dirigierte Strauss die Uraufführung im Theater an der Wien selbst. Bis 1888 folgten dort 199 weitere Vorstellungen.
Ab 1876 ließ er sich in der Igelgasse auf der Wieden ein Palais bauen. Jetty starb 1878, wenige Wochen später heiratete er die Schauspielerin Angelika Dittrich, die ihn 1882 verließ. 1884 verlieh ihm die Stadt Wien das Bürgerrecht. Doch um ein drittes Mal heiraten zu können, gab Strauss im Jahr darauf die österreichische Staatsbürgerschaft auf, trat aus der katholischen Kirche aus und wurde 1886 Staatsbürger von Sachsen-Coburg und Gotha. Am 15. August 1887 heiratete er in Coburg Adele Strauss, die Witwe eines Namensvetters. Wiens Walzerkönig war von da an Bürger eines deutschen Herzogtums.
Gute Nacht, Strauss Sohn: das Grab neben Vater und Lanner
Am 22. Mai 1899 stand Strauss in der Hofoper zum letzten Mal am Pult. Danach erkrankte er an einer Lungenentzündung. Er starb am Samstag, dem 3. Juni 1899, in seinem Palais in der Igelgasse, 73 Jahre alt. Noch im selben Jahr wurde die Gasse in Johann-Strauß-Gasse umbenannt, das Palais zerstörten 1944 Bomben. Die Trauerfeier fand am 6. Juni in der evangelischen Stadtkirche in der Dorotheergasse statt, danach zog der Trauerzug zum Zentralfriedhof. Bürgermeister Karl Lueger sprach am Grab. Am 8. Oktober 1899 wurde Strauss im kleinen Kreis in sein Ehrengrab in der Gruppe 32A gelegt, das Grabdenkmal schuf Johannes Benk.
Gefeiert hat Wien den Sohn seither mit dem goldenen Johann-Strauss-Denkmal im Stadtpark, enthüllt 1921, und 2025 zum 200. Geburtstag mit einem Festjahr, für das die Wien Holding eine eigene Gesellschaft gründete.
Auf dem Zentralfriedhof liegt er nicht allein. Am 13. Juni 1904 wurden Johann Strauss Vater und Joseph Lanner vom alten Döblinger Friedhof dorthin überführt, in dieselbe Gruppe 32A, Grab an Grab. Seither liegen alle drei aus dem Satz von 1844 beisammen: Lanner, der Vater und der Sohn, dem der Reporter in Hietzing einst „Guten Morgen“ gewünscht hatte.
Johann Strauss Wohnung (Wien Museum) · Praterstraße 54, 1020 Wien, seit 2. März 2026 vorübergehend geschlossen
Quellen und Links
- Wien Geschichte Wiki: Johann Strauß (Sohn)
- Wikipedia: Johann Strauss (Sohn)
- Wikipedia: Johann Strauss (Vater)
- Wikipedia: Casino Dommayer
- Wikipedia: Radetzky-Marsch
- Wikipedia: An der schönen blauen Donau
- Wikipedia: Die Fledermaus
- Wien Geschichte Wiki: Johann-Strauß-Wohnung
- Wien Museum: Johann Strauss Wohnung
- vienna.at: Wien feiert 2025 Strauß-Jahr
- Der Wanderer, 19. Oktober 1844: „Strauß Sohn“, Bericht vom Debüt bei Dommayer (ANNO)
- Der Wanderer, 19. Oktober 1844: „Gute Nacht Lanner! Guten Abend Strauß Vater! Guten Morgen Strauß Sohn!“ (ANNO)
- Neue Freie Presse, 5. April 1874: Theaterzettel „Zum ersten Male: Die Fledermaus“ (ANNO)
- Kulturpool: August Stauda, Dommayers Casino, Konzertsaal, 1906
- Kulturpool: Josef Kriehuber, Johann Strauss (Sohn), 1853
- Kulturpool: Scizze aus dem k.k. Volksgarten Wien, 1853
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