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October 30, 2026
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Beethoven Museum

Beethoven in Wien: 34 Jahre und eine Neunte, die er selbst nicht hörte

Am 7. Mai 1824 jubelte das Kärntnertortheater nach der Uraufführung der Neunten, und Beethoven hörte nichts davon. Seine Wiener Jahre von der Ankunft 1792 bis zum Tod im Schwarzspanierhaus.

Beethoven in Wien: 34 Jahre und eine Neunte, die er selbst nicht hörte
Jakob Alt, Das Kärntnertortheater (Originaltitel „I. Albertinaplatz“), um 1822, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Freitag, dem 7. Mai 1824, stand Ludwig van Beethoven im Kärntnertortheater neben dem Dirigenten Michael Umlauf am Pult. Auf dem Programm standen eine Ouvertüre, Teile seiner Missa solemnis und zum Schluss eine neue Symphonie, in deren Finale Solisten und Chor Schillers Lied „An die Freude“ sangen: die Neunte. Henriette Sontag sang den Sopran, Caroline Unger den Alt. Beethoven war 53 Jahre alt und fast völlig taub. Die Worte der Sänger soll er ihnen von den Lippen abgelesen haben.

Das Publikum brach nach jedem Teil des Konzerts in „jubelnden Beyfall“ aus, berichtete sechs Tage später die Wiener Theater-Zeitung. Beethoven hörte davon nichts. Überliefert ist, dass Caroline Unger ihn zum Saal umdrehte, damit er den Jubel wenigstens sah. Wann das war, erzählen die Zeugen verschieden: Der Pianist Sigismund Thalberg berichtete vom Moment nach dem Scherzo, Anton Schindler verlegte die Szene ans Ende, nach dem Chorfinale.

Der Plan, Schillers Gedicht zu vertonen, war so alt wie Beethovens Wiener Jahre. Im Jänner 1793, gut zwei Monate nachdem Beethoven nach Wien gezogen war, schrieb der Bonner Jurist Bartholomäus Fischenich an Charlotte von Schiller, Beethoven wolle Schillers „Freude“ vertonen. Mehr als 31 Jahre später erklang sie in Wien, vor einem Komponisten, der sie nicht mehr hören konnte.

Ein junger Musiker aus Bonn kommt zu Haydn

Anfang November 1792 brach der 21-jährige Beethoven von Bonn nach Wien auf, auf Anraten Joseph Haydns, um bei ihm zu lernen. Sein Gönner Graf Waldstein gab ihm einen Wunsch mit: Er solle in Wien „Mozart’s Geist aus Haydens Händen“ erhalten. Mozart war knapp ein Jahr zuvor gestorben. Mit Haydn als Lehrer wurde Beethoven nicht glücklich. Heimlich nahm er Stunden bei Johann Schenk, und nachdem Haydn am 19. Jänner 1794 nach England abgereist war, lernte er bei Johann Georg Albrechtsberger Kontrapunkt. Auch Antonio Salieri unterrichtete ihn.

Bald fand Beethoven Förderer im Wiener Adel. Fürst Karl Lichnowsky nahm ihn zeitweise in seinem Haus auf und zahlte ihm ab 1800 jährlich 600 Gulden. Am 29. März 1795 trat Beethoven im Burgtheater zum ersten Mal öffentlich in Wien auf, als Pianist mit einem eigenen Klavierkonzert.

Das Gehör und der Brief aus Heiligenstadt

Um 1798 bemerkte Beethoven die ersten Anzeichen seines Gehörleidens, so erzählte er es später selbst. 1801 schrieb er Freunden davon. 1802 ging er auf Rat seines Arztes zur Kur nach Heiligenstadt, damals ein Ort vor den Toren Wiens. In einem Bauernhaus in der heutigen Probusgasse 6 schrieb er am 6. Oktober 1802 einen Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Johann. Abgeschickt hat er ihn nie.

Dieses Heiligenstädter Testament ist ein Bekenntnis. Er habe sich von den Menschen zurückgezogen, weil er niemandem sagen konnte, dass er taub werde. Er sei der Verzweiflung nahe gewesen. Gehalten habe ihn nur die Kunst: „nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück“. Gefunden wurde der Brief erst nach Beethovens Tod in seinem Nachlass. Heute liegt er in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Das Haus in Heiligenstadt ist erhalten, das Wien Museum betreibt darin das Beethoven Museum.

Hofansicht des Hauses Probusgasse 6 in Heiligenstadt, Radierung um 1900.
Marie Adler, Probusgasse 6, Beethovens Wohnung in Heiligenstadt, Hofansicht, um 1900. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Über 30 Wohnungen und ein Vertrag, der ihn in Wien hielt

In Wien zog Beethoven oft um. Mehr als 30 Wohnadressen sind bekannt, von der Innenstadt bis nach Heiligenstadt. Am längsten blieb er im Pasqualatihaus auf der Mölker Bastei, mit Unterbrechungen rund acht Jahre. Wie er dort wohnte und wie ihm sein Vermieter die Wohnung freigehalten haben soll, erzählt unser Text über die Wohnung auf der Mölker Bastei. Heute ist dort das Beethoven Pasqualatihaus zu besuchen.

Viele Uraufführungen fielen in diese Jahre. Die Dritte Symphonie, die Eroica, spielte man zuerst privat im Palais des Fürsten Lobkowitz, ab 9. Juni 1804. Öffentlich erklang sie am 7. April 1805 im Theater an der Wien. Auf einer Abschrift hatte sie „intitolata Bonaparte“ geheißen, Beethoven radierte die beiden Wörter aus. Die bekannte Geschichte vom zerrissenen Titelblatt nach Napoleons Kaiserkrönung ist dagegen zweifelhaft. Im November 1805 folgte die Oper „Leonore“, später „Fidelio“ genannt, und im Dezember 1808 ein großes Konzert, in dem unter anderem die Fünfte und die Sechste Symphonie zum ersten Mal erklangen.

Fast hätte Wien ihn trotzdem verloren. Im Herbst 1808 bot ihm der Hof von Jérôme Bonaparte, Napoleons Bruder, in Kassel eine Stelle als Kapellmeister an. Drei Wiener Gönner hielten dagegen: Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky versprachen ihm 4.000 Gulden im Jahr. Die einzige Bedingung des Vertrags vom 1. März 1809 war, dass Beethoven in Wien wohnen blieb. Nach dem Staatsbankrott 1811 stockten die Zahlungen allerdings.

Ludwig van Beethoven beim Spaziergang, Seitenansicht, um 1820.
Joseph Daniel Böhm, Ludwig van Beethoven beim Spaziergang, um 1820. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Gespräche auf Papier

Sein Gehör wurde immer schlechter, bis er fast nichts mehr hörte. Ab 1818 sind Konversationshefte erhalten: Wer mit Beethoven sprechen wollte, schrieb hinein, was er sagen wollte. In diesen Jahren beschäftigte ihn auch ein Familienstreit. Sein Bruder Kaspar Karl war am 15. November 1815 gestorben und hatte einen neunjährigen Sohn hinterlassen, Karl. Beethoven stritt um die Vormundschaft und wurde 1820 Karls Vormund. Beethovens strenge Erziehungspläne setzten dem Neffen so zu, dass der inzwischen 19-jährige Karl am 6. August 1826 einen Suizidversuch unternahm. Danach legte Beethoven die Vormundschaft zurück.

Bildnis Ludwig van Beethovens, Lithografie von Johann Stephan Decker, 1824.
Johann Stephan Decker, Ludwig van Beethoven, 1824. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Johann Stephan Deckers Bildnis stammt aus dem Jahr der Neunten. Nach der Uraufführung am 7. Mai 1824 wurde das Konzert am 23. Mai wiederholt, diesmal im Großen Redoutensaal der Hofburg.

Der Tod im Schwarzspanierhaus

Seit 1825 wohnte Beethoven im Schwarzspanierhaus in der heutigen Schwarzspanierstraße 15, im zweiten Stock mit Blick auf das Glacis. Am 23. März 1827 setzte er in einem Testament seinen Neffen Karl als Alleinerben ein. Drei Tage später, am Montag, dem 26. März 1827, starb er dort am späten Nachmittag, während eines Gewitters. Er war 56 Jahre alt, die Todesursache war vermutlich eine Leberzirrhose.

Zum Begräbnis am 29. März sollen über 20.000 Menschen gekommen sein. Nach der Einsegnung in der Dreifaltigkeitskirche in der Alser Straße wurde er auf dem Währinger Ortsfriedhof begraben, 1888 kam er auf den Zentralfriedhof. Von diesem Begräbnis, der Umbettung und einem Streit am offenen Sarg erzählt unser Text über Beethovens Grab. Das Schwarzspanierhaus wurde 1903 abgerissen. Am Neubau von 1904 erinnert eine Gedenktafel an Beethoven.

Das Gedicht, das Beethoven schon 1793 vertonen wollte und 1824 im Kärntnertortheater nicht hören konnte, hat seither ein eigenes Leben bekommen. 1902 malte Gustav Klimt für die Secession den Beethovenfries, der mit einem Chor der Paradiesengel und einem küssenden Paar endet, einem Bild für den Schlusschor der Neunten. 1972 machte der Europarat die Melodie zu seiner Hymne, 1985 übernahm sie die Europäische Gemeinschaft als Europahymne.

Beethoven Museum · Probusgasse 6, 1190 Wien. Dienstag bis Sonntag 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr.