Am Samstag, dem 12. April 1902, gegen sechs Uhr abends, betrat Max Klinger das Haus der Secession in Wien. Der Bildhauer aus Leipzig wollte sehen, wie man seinen „Beethoven“ aufgestellt hatte, einen thronenden Komponisten aus farbigem Marmor, an dem er fünfzehn Jahre gearbeitet hatte. Der Präsident der Secession, der Maler Alfred Roller, hielt eine Ansprache. Dann spielte ein Bläserchor, den niemand sah, die Melodie von „Freude, schöner Götterfunken“. Klinger sei sichtlich bewegt gewesen, berichtete die Wiener Allgemeine Zeitung. Am meisten lobte er die Wandbilder von Gustav Klimt. Er könne sich „keinen schöneren und besseren Rahmen zu seinem Beethoven“ denken.
Der Rahmen ist bis heute in Wien, die Figur nicht. Klingers Beethoven steht im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Der Beethovenfries von Klimt ist dagegen in der Secession geblieben, im Untergeschoss des Hauses an der Friedrichstraße, als Leihgabe des Belvedere. Dabei hätte er nach der Ausstellung verschwinden sollen.
Ein Kunstwerk für einen Frühling
Die 14. Ausstellung der Secession, vom 15. April bis 27. Juni 1902, war Ludwig van Beethoven gewidmet. Unter der Leitung von Josef Hoffmann arbeiteten 21 Künstler an einem Gesamtkunstwerk aus Architektur, Malerei und Skulptur, in dessen Mitte Klingers Figur saß. Zur Eröffnung am Abend des 14. April stand Gustav Mahler, der Direktor der Hofoper, auf der Treppe des Vestibüls und dirigierte den Schlusschor aus Beethovens Neunter in einer eigenen Bearbeitung für Bläser.
Klimt hatte den linken Seitensaal bekommen. Er malte direkt auf die Wände, über drei Wände hinweg, rund 34 Meter lang und 2,15 Meter hoch. Durch einen Durchbruch in der Wand sah man von dort auf Klingers Beethoven. Der Fries folgt Richard Wagners Deutung der Neunten Symphonie und erzählt von der Sehnsucht der Menschen nach Glück. Links schweben Genien, die leidende Menschheit fleht einen gerüsteten Ritter um Hilfe an. In der Mitte warten die feindlichen Gewalten: der Riese Typhoeus, die drei Gorgonen, Krankheit, Wahnsinn und Tod. Rechts findet die Sehnsucht ihre Stillung in der Poesie, bis zum Chor der Paradiesengel und einem Paar in enger Umarmung. Klimt arbeitete mit Kaseinfarben, Gold und vergoldetem Stuck und setzte Spiegelscherben, Perlmuttknöpfe, Vorhangringe und Halbedelsteine auf die Wand.
Nackte Gorgonen und fast 60.000 Besucher
Klinger war begeistert, viele Wiener nicht. Künstlerkollegen lobten den Fries, Presse und Publikum reagierten mit Empörung, vor allem auf die Mittelwand mit den feindlichen Gewalten. Der Kritiker Robert Hirschfeld nannte die Figur der Unkeuschheit eines der obszönsten Kunstwerke überhaupt. Die christlichsoziale „Reichspost“ klagte am 24. April über die ganze Ausstellung: Um Beethoven herum wimmle es „von splitternackten Männern und Weibern“. Gekommen sind trotzdem fast 60.000 Menschen.

Wie gründlich Klimt seine Figuren vorbereitete, zeigt eine Reihe von Studien in der Albertina, gezeichnet 1901 mit schwarzer Kreide und Bleistift: die Gorgonen, die Wollust, die Poesie, die Sehnsucht nach Glück.
Zersägt, enteignet, zurückgekauft
Nach der Ausstellung hätte der Fries zerstört werden sollen, wie die anderen Wandbilder der Schau. Er blieb nur hängen, weil die Secession für 1903 eine große Klimt-Ausstellung plante. Im selben Jahr kaufte ihn der Sammler Carl Reininghaus, ließ ihn in Teile zersägen und zwölf Jahre lang in einem Wiener Möbeldepot lagern. 1915 ging der Fries an den Industriellen August Lederer und seine Frau Serena, die zu Klimts wichtigsten Förderern gehörten.
1938 wurde die jüdische Familie Lederer von den Nationalsozialisten enteignet. Nach dem Krieg bekam der Sohn Erich Lederer, der in Genf lebte, den Fries zurück, ausführen durfte er ihn nicht. 1972 kaufte ihn die Republik Österreich, Bundeskanzler Bruno Kreisky hatte sich persönlich dafür eingesetzt. Der Fries war in schlechtem Zustand, Abnahme und Transporte waren nie vorgesehen gewesen. Zehn Jahre lang restaurierte ihn das Bundesdenkmalamt unter der Leitung von Manfred Koller. 2013 verlangten Erben der Familie die Rückgabe, 2015 empfahl der Kunstrückgabebeirat, das nicht zu tun.
Ein Rahmen ohne Bild
Bei der Generalsanierung der Secession 1985 entstand im Untergeschoss ein eigener, klimatisierter Raum für den Fries. Seit 1986 ist er dort wieder öffentlich zu sehen, im selben Haus, für das Klimt ihn gemalt hatte.

Am Ende des Frieses steht das umarmte Paar, „Diesen Kuss der ganzen Welt“, eine Zeile aus Schillers Ode an die Freude, die Beethoven in der Neunten vertonte. Mit dem Blattgold im Fries kündigt sich Klimts Goldene Periode an, sechs Jahre später malte er den Kuss im Belvedere. Wo Klimts Werke sonst in Wien hängen, erzählt der Überblick Gustav Klimt in Wien. Wie die Secession ihren Kampf um die moderne Kunst ins Bild setzte, zeigt Klimts Pallas Athene im Wien Museum. Beethoven selbst liegt auf dem Zentralfriedhof.
Klinger sah in Klimts Fries 1902 den schönsten Rahmen für seinen Beethoven. Die Figur ging nach Leipzig. Geblieben ist der Rahmen, und für ihn hat die Secession einen eigenen Raum gebaut.
Der Beethovenfries ist im Untergeschoss der Secession zu sehen, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Ein paar Schritte entfernt am Karlsplatz stehen die Otto-Wagner-Pavillons.
Secession · Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Shownotes
- Secession: Gustav Klimt, Beethovenfries
- Kulturpool: Beethovenfries, Die Sehnsucht nach Glück, Tafel 1 (Belvedere), mit Provenienz
- Wikipedia: Beethovenfries
- Wikipedia (englisch): Beethoven Frieze
- Google Arts & Culture: Der Beethovenfries
- Mahler Foundation: Chronologie 1902
- Wiener Allgemeine Zeitung, 15. April 1902: Ehrung für Max Klinger in der Secession (ANNO)
- Wiener Allgemeine Zeitung, 15. April 1902: Rundgang durch die Beethoven-Ausstellung (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 15. April 1902: Klingers Beethoven (ANNO)
- Reichspost, 24. April 1902: Kritik der Beethoven-Ausstellung (ANNO)
- Kulturpool: Klimt, Studie für die linke der Drei Gorgonen (Albertina)
- Kulturpool: Klimt, Studie für Diesen Kuss der ganzen Welt (Albertina)
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