Halb geschlossene Augen, ein leicht geöffneter Mund, Gold am Hals und im Hintergrund. Gustav Klimts „Judith“ von 1901 blickt ihrem Publikum lasziv entgegen. Erst auf den zweiten Blick sieht man, was sie hält: den abgeschlagenen Kopf des Feldherrn Holofernes, am Bildrand, fast zärtlich, als wollte sie ihn aus dem Bild schieben. Das Gemälde, Öl und Blattgold auf Leinwand, gehört dem Belvedere.
Wer war Judith?
Die Geschichte stammt aus dem biblischen Buch Judit. Die fromme Witwe Judith macht den feindlichen Feldherrn Holofernes betrunken und enthauptet ihn, um ihr Volk zu befreien. Jahrhundertelang zeigten Künstler sie als Vorbild an Mut und Tugend. Klimt macht etwas anderes daraus: eine verführerische, gefährliche Frau. Schwert und Tat lässt er weg, Holofernes bleibt fast unsichtbar. Aus einem politischen Konflikt wird bei ihm, so beschreibt es das Belvedere, ein Kampf der Geschlechter.
Ein Rahmen gegen ein Missverständnis
Das Publikum verstand das Bild zunächst falsch. Kritiker hielten die Frau für Salome, die Titelfigur von Oscar Wildes Drama. Darauf ließ Klimts Bruder Georg, der als Metallbildhauer arbeitete, eine Inschrift auf den Metallrahmen setzen: „Judith und Holofernes“.
Wer Modell saß, ist nicht gesichert. Manche erkennen in ihr Adele Bloch-Bauer, die Klimt 1907 in Gold porträtierte. Der Schriftsteller Felix Salten beschrieb 1903 ein sinnliches Feuer in ihrem dunklen Blick und Grausamkeit um Mund und Nase. Das Bild gilt als Vorbild für Klimts spätere Femmes fatales.
Über Genf ins Belvedere
Die „Judith“ ging 1901 an den Wiener Anton Loew, 1907 an Sophie Loew-Unger. 1920 kam sie über die Galerie Moos nach Genf zu Berthe Hodler, der Witwe des Schweizer Malers Ferdinand Hodler. 1954 kaufte das Belvedere das Bild von ihr.
Acht Jahre nach der ersten Judith malte Klimt 1909 eine zweite, mit schärferen Zügen und wildem Ausdruck. Diese „Judith II“ hängt heute in Venedig. Wo in Wien sonst überall Klimt zu sehen ist, steht in Gustav Klimt in Wien.
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