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Wo wohnte Beethoven in Wien? Das Pasqualatihaus und die Wohnung, die auf ihn wartete

Am 12. Dezember 1920 enthüllt Wien eine Marmortafel auf der Mölker Bastei. Die Geschichte des Pasqualatihauses, Beethovens längster Adresse in einer Stadt, in der er rund 70 Mal umzog.

Wo wohnte Beethoven in Wien? Das Pasqualatihaus und die Wohnung, die auf ihn wartete
Postkarten-Industrie AG (POSTIAG), Beethovenhaus, Wien I. Mölkerbastei 8 Pasqualatihaus (1804 – 1815), Ansichtskarte, um 1925, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Sonntag, dem 12. Dezember 1920, um 11 Uhr vormittags, standen auf der Mölker Bastei Vertreter von Stadt, Staat und Land, dazu Künstler und Kunstfreunde. Die Gesellschaft der Musikfreunde enthüllte am Pasqualatihaus eine Marmortafel, wenige Tage vor Beethovens 150. Geburtstag. Ihr Präsident Ernst Kraus erinnerte an den Hausherrn Johann Pasqualati, der Beethoven zwischen 1804 und 1815 „wiederholt ein Asyl bot“. Auf der Tafel steht, was hier entstanden sein soll: die Vierte, Fünfte und Siebente Symphonie, „Fidelio“, die dritte Leonoren-Ouvertüre, das vierte Klavierkonzert, das Violinkonzert und Streichquartette. So berichtete es tags darauf die Zeitung „Der Morgen“.

Wo wohnte Beethoven in Wien? Fast überall. Rund 70 Mal ist er umgezogen, rechnet das Beethoven-Haus in Bonn, oft auch deshalb, weil die Wiener den Sommer auf dem Land verbrachten. Das Wien Geschichte Wiki führt mehr als 30 Wohnadressen in acht heutigen Bezirken, von der Inneren Stadt bis Heiligenstadt. Am längsten aber blieb er im Pasqualatihaus, Mölker Bastei 8, im 1. Bezirk: mit Unterbrechungen insgesamt acht Jahre, so das Wien Museum, das im vierten Stock eine Gedenkstätte betreibt.

Eine Wohnung oben auf der Stadtmauer

Im Herbst 1804 fand Beethovens Schüler Ferdinand Ries die Wohnung für ihn, ganz oben im Haus. Die Familie Pasqualati hatte bis 1798 zwei ältere Häuser zu einem Zinshaus vereint. Der Vater war Arzt der Kaiserin Maria Theresia gewesen, Beethovens Vermieter wurde sein Sohn Johann Baptist Pasqualati, Jahrgang 1777 und damit sieben Jahre jünger als sein berühmter Mieter. Das Haus stand auf der Bastei, einem Stück der Stadtbefestigung aus dem 16. Jahrhundert. Die Befestigung fiel später fast vollständig dem Bau der Ringstraße zum Opfer, das Haus blieb.

Johann Sterber, Ansicht der Mölkerbastei mit Pasqualati-Haus und einem Teil des Palais Lubomirski, 1819
Johann Sterber, Ansicht der Mölkerbastei mit Pasqualati-Haus, 1819. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein bequemer Mieter war Beethoven nicht. Gerhard von Breuning überlieferte, er habe ohne Erlaubnis ein Fenster nach Osten durch die Mauer brechen lassen wollen, mit Blick zum Prater. Daraus wurde nichts. Trotzdem soll Pasqualati ihm stets eine Wohnung freigehalten haben, damit er jederzeit zurückkommen konnte. Und Beethoven kam zurück: 1808 zog er aus, um 1810 wieder ein, und erst 1815 war endgültig Schluss.

Eine Oper in drei Anläufen

In diesen Jahren schrieb Beethoven seine einzige Oper. Die ersten beiden Fassungen des „Fidelio“ entstanden auf der Mölker Bastei. Die Uraufführung am 20. November 1805 im Theater an der Wien blieb ohne großen Erfolg, die zweite Fassung kam 1806 auf ganze zwei Abende. Die dritte, die am 23. Mai 1814 im Kärntnertortheater herauskam, ist die endgültige. Das Wien Museum nennt außerdem die Fünfte und die Sechste Symphonie, die in dieser Zeit ausgearbeitet wurden.

Josef Willibrord Mähler, Ludwig van Beethoven, Ölgemälde, um 1804–1805
Josef Willibrord Mähler, Ludwig van Beethoven, um 1804–1805. – Bild: Wien Museum, gemeinfrei, via Kulturpool

Der Maler Josef Willibrord Mähler porträtierte Beethoven um 1804/05, also ungefähr, als er auf der Bastei einzog. Mit seinem Hausherrn verband ihn bald mehr als der Mietvertrag. 1814 schrieb Beethoven den „Elegischen Gesang“, der mit „Sanft wie du lebtest“ beginnt, zum dritten Todestag von Pasqualatis Frau Eleonore. Sie war mit 24 Jahren gestorben. Und als Beethoven 1827 im Schwarzspanierhaus im Sterben lag, schickte ihm Pasqualati Speisen und Champagner.

Was nicht auf der Tafel steht

Ein Stück fehlt auf der Marmortafel von 1920: „Für Elise“. Das Wien Museum zählt es heute zu den Werken aus dem Pasqualatihaus. Gesichert ist bei diesem Klavierstück wenig. Das Original ist verschollen, die Widmung trägt nur „am 27 April“, das Jahr 1810 ist aus einem Skizzenblatt erschlossen. Und wer Elise war, ist bis heute ungeklärt.

Eine Gedenkstätte bekam Beethoven im Haus erst 21 Jahre nach der Tafel, und gewissermaßen nebenbei. Am 29. November 1941 eröffnete Reichsleiter Baldur von Schirach zur Mozart-Festwoche die Mozart-Gedenkstätte im Figarohaus, dem heutigen Mozarthaus. „Anläßlich der Mozart-Festwoche“, meldete das „Neuigkeits-Welt-Blatt“, sei auch eine Beethoven-Gedenkstätte im Pasqualatihaus eröffnet worden. Nach dem Krieg öffneten die Räume im September 1951 wieder, 1962 kam ein weiterer dazu.

Heute betreut das Wien Museum die Gedenkstätte, eine kompakte Ausstellung in drei Zimmern und einem Gang im vierten Stock. Sie liegt gegenüber der ehemaligen Wohnung, die Pasqualati so lange für seinen unruhigen Mieter freigehalten haben soll.

Das Beethoven Pasqualatihaus ist außer montags geöffnet. Unter 19 Jahren und an jedem ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt frei. Die Ausstellung im vierten Stock ist nur über Stufen erreichbar.

Beethoven Pasqualatihaus · Mölker Bastei 8, 1010 Wien