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Heldenplatz in Wien: Ein Pferd auf zwei Beinen und ein Kaiserforum, das nie fertig wurde

Am 22. Mai 1860 sinkt auf dem äußeren Burgplatz die Hülle vom Erzherzog-Karl-Denkmal, ein Pferd aus Bronze steht nur auf den Hinterbeinen. Die Geschichte des Heldenplatzes, vom unvollendeten Kaiserforum bis zum Haus der Geschichte.

Heldenplatz in Wien: Ein Pferd auf zwei Beinen und ein Kaiserforum, das nie fertig wurde
Anton Dominik Fernkorn, Reiterstandbild Erzherzog Karl, Heldenplatz Wien, 1860 · Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am Dienstag, dem 22. Mai 1860, waren die Tribünen auf dem äußeren Burgplatz schon gegen 10 Uhr überfüllt. Auf der ersten saßen die Invaliden von 1809 und rund 300 Zivilveteranen, eine eigene Tribüne war für die Militärveteranen aufgebaut. Um 11 Uhr kündigte die Volkshymne den Kaiser an, Franz Joseph kam mit den Erzherzögen und fremden Fürsten. Dann, so die „Wiener Zeitung“: „Kanonendonner, Gewehrsalven – und die Hülle sank.“ Darunter bäumte sich ein Pferd aus Bronze auf, im Sattel Erzherzog Karl mit der Fahne. Es war der Jahrestag der Schlacht bei Aspern, 51 Jahre zuvor hatte Karl dort Napoleon geschlagen. Er selbst war seit 1847 tot.

Wo ist der Heldenplatz? Mitten in der Inneren Stadt, zwischen dem Leopoldinischen Trakt der Hofburg, der Neuen Burg, dem Äußeren Burgtor zur Ringstraße und dem Volksgarten. Seinen Namen hat er von den beiden Reitern, Erzherzog Karl und Prinz Eugen. Amtlich so benannt wurde er nie, lange hieß er Äußerer Burgplatz, im 20. Jahrhundert setzte sich „Heldenplatz“ durch. Und eigentlich sollte er ganz anders aussehen.

Ein Pferd, das auf zwei Beinen steht

Den Auftrag hatte der Bildhauer Anton Dominik Fernkorn, geboren in Erfurt, 1853 vom Kaiser bekommen. Gegossen wurde das Denkmal in acht Teilen in der k. k. Kunsterzgießerei, über 500 Zentner schwer. Das Kunststück: Das Pferd berührt den Sockel nur mit den Hinterbeinen. Damit das hält, wurden die vorderen Teile dünner und die hinteren, vor allem der Schweif, schwerer gegossen, bis der Schwerpunkt zwischen den beiden Hinterhufen lag. So erklärte es die „Wiener Zeitung“ am Tag nach der Enthüllung. Zum Burgtor hin steht auf dem Sockel die Widmung „Dem beharrlichen Kämpfer für Deutschlands Ehre“. Fernkorn wurde für das Werk geadelt.

Für das Gegenstück, Prinz Eugen, bekam er den Auftrag im Herbst 1860. Diesmal musste der Schweif als Stütze mithelfen: Eugens Pferd ruht auf den Hinterbeinen und dem Schweif. Fertig wurde es nicht mehr durch Fernkorn. Ab 1865 verschlechterte sich sein Zustand, 1866 übergab er die Gießerei an Franz Pönninger, der auch das Eugen-Denkmal weitgehend vollendete. Enthüllt wurde es am 18. Oktober 1865. 1868 kam Fernkorn in eine Heilanstalt in Oberdöbling, 1878 starb er in einer niederösterreichischen Landesanstalt.

Das Kaiserforum, das ein Torso blieb

Rund um die beiden Reiter plante Gottfried Semper zwischen 1869 und 1871 mit Carl von Hasenauer ein Kaiserforum. Monumentale Flügel sollten den Platz an drei Seiten einfassen, zwei Triumphbögen über die Ringstraße zu den neuen Hofmuseen führen, in der Mitte war ein Thronsaal mit Kuppel vorgesehen. Gebaut wurden die beiden Museen am Maria-Theresien-Platz und ab 1881 die Neue Burg. Semper verließ Wien 1876 und starb 1879, Hasenauer 1894, danach wechselten die Bauleiter. Als 1918 die Republik ausgerufen wurde, war von der Neuen Burg nur der Hauptbau fertig. Der Flügel gegen den Volksgarten, das Spiegelbild der Neuen Burg, wurde nie gebaut, die Triumphbögen und der Thronsaal auch nicht.

Fotografie von 1895: das Prinz-Eugen-Denkmal auf dem Heldenplatz vor der Neuen Burg mit Baugerüst
Friedrich Strauß, Heldenplatz, Prinz-Eugen-Denkmal und Neue Burg mit Baugerüst, 1895. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Statt eines Hofstaats zogen Sammlungen ein. 1928 öffnete hier das Museum für Völkerkunde, das heutige Weltmuseum Wien, nach 1945 folgten Schausäle des Kunsthistorischen Museums, 1966 die großen Lesesäle der Nationalbibliothek und 1978 das Ephesos-Museum.

Der Altan, der Jubel und ein Theaterstück

Am 15. März 1938 sprach Adolf Hitler von der Terrasse über dem Mittelteil der Neuen Burg, dem Altan, und verkündete den „Eintritt“ Österreichs in das Deutsche Reich. Die NS-Propaganda meldete etwa 200.000 Menschen. Zwei Tage vorher hatte Baldur von Schirach auf dem Platz vor 40.000 Kindern und Jugendlichen gesprochen, am Tag danach vereidigten Heinrich Himmler und Josef Bürckel hier 7.500 österreichische Polizisten.

Fünfzig Jahre später, am 4. November 1988, brachte Claus Peymann am Burgtheater Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ heraus, ein Auftrag zum 100-Jahr-Jubiläum des Hauses. Darin hat sich ein Professor, der nahe dem Heldenplatz wohnte, das Leben genommen, seine Witwe hört seit Jahren die jubelnden Massen von 1938. Schon vor der Premiere tobte ein Skandal um vorab gedruckte Sätze, Bundespräsident Kurt Waldheim nannte das Stück „eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes“. Bei der Premiere übertönte der Applaus die Pfiffe. Bernhard trat am Ende mit den Schauspielern auf die Bühne, es war sein letzter öffentlicher Auftritt, drei Monate vor seinem Tod. Seine zerfetzte Arbeitshose liegt heute im Literaturmuseum.

Am 23. Jänner 1993 füllte sich der Platz mit Kerzen. Zum Lichtermeer gegen das Volksbegehren „Österreich zuerst“ kamen 250.000 bis 300.000 Menschen, mehr, als die Propaganda 1938 gezählt hatte. Was heute auf den Platz getragen wird, sammelt das Museum in der Neuen Burg manchmal gleich ein, etwa Protestschilder vom Heldenplatz.

Ein Platz auf einem Bein

Seit dem 10. November 2018 ist das Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Burg. Für immer bleibt es nicht: Im Jänner 2026 bestätigte die Regierung den Umzug ins Museumsquartier, die Eröffnung dort ist für Herbst 2028 geplant, der Baubeginn steht aber noch unter Budgetvorbehalt. Der Altan soll ein Ort der demokratiepolitischen Bildung werden. Was sich nicht ändert: Fernkorn brachte ein Pferd dazu, auf zwei Beinen zu stehen. Dem Kaiserforum gelang das nicht. Von den zwei Flügeln, die den Heldenplatz fassen sollten, steht bis heute nur einer.

Der Heldenplatz ist frei zugänglich. Das Haus der Geschichte Österreich hat seinen Eingang in der Neuen Burg, die aktuellen Öffnungszeiten stehen auf hdgoe.at.

Heldenplatz · 1010 Wien

Haus der Geschichte Österreich · Neue Burg, Heldenplatz, 1010 Wien