Orte
Wien
|
Innere Stadt

Looshaus in Wien: Das Haus ohne Augenbrauen und der Abend, an dem Loos es verteidigte

Am 11. Dezember 1911 verteidigt Adolf Loos im vollen Sophiensaal sein Haus am Michaelerplatz, das Plakat nennt es selbst „ein Scheusal von einem Haus“. Die Geschichte des Looshauses, des Baustopps von 1910 und der Blumenkästen.

Looshaus in Wien: Das Haus ohne Augenbrauen und der Abend, an dem Loos es verteidigte
Brüder Rosenbaum, Urban Janke, Plakat für den Vortrag „Mein Haus am Michaelerplatz“ von Adolf Loos, 1911, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am 11. Dezember 1911, einen Tag nach seinem 41. Geburtstag, sprach Adolf Loos im großen Sophiensaal über ein einziges Haus. Plakate hatten den Vortrag „Mein Haus am Michaelerplatz“ angekündigt, als Motto stand darauf „Ein Scheusal von einem Haus“. Der Saal war dicht gefüllt. Über den Grundriss, erklärte Loos, hätten die Bauherren entscheiden dürfen, die Fassade aber habe er sich vorbehalten. „Aber die Fassade kann man niemand erklären“, sagte er laut Neuem Wiener Tagblatt. Dann verteidigte er sie in einem langen Vortrag. Sein Hauptargument, schrieb tags darauf die Zeitung „Die Zeit“, seien die Entwürfe der anderen gewesen.

Das Haus, um das es ging, ist das Looshaus in Wien, Michaelerplatz 3, gebaut 1909 bis 1911 für die Herrenschneiderei Goldman & Salatsch. Gegenüber steht das Michaelertor der Hofburg. Die Wiener nannten es das „Haus ohne Augenbrauen“, weil über seinen Fenstern die damals üblichen Verdachungen fehlten. Manche legen den Spruch dem Kaiser selbst in den Mund.

Ein Schneider, der keinen Entwurf fand

An der Stelle stand bis dahin das Dreilauferhaus, ein altes Geschäfts- und Wohnhaus. Für den Neubau gab es zuerst einen Wettbewerb unter eingeladenen Architekten, aber keiner der Entwürfe überzeugte. Loos hatte trotz Einladung gar nicht erst mitgemacht. Im Sophiensaal erzählte er, was die anderen vorgeschlagen hatten: Die einen wollten das Haus in Symmetrie mit der Michaelerkirche bringen, die anderen runde Erker an die stumpfen Ecken setzen. 1909 übertrug Leopold Goldmann den Auftrag Loos und ließ ihm bei der Gestaltung freie Hand. Die Bauleitung übernahm Ernst Epstein.

Unten bekam das Haus eine Verkleidung aus Cipollino-Marmor von der griechischen Insel Euböa und einen Säulengang aus toskanischen Säulen, der an das Portal der Michaelerkirche erinnert. Darüber, wo die Wohnungen liegen, ließ Loos die Mauern glatt verputzen. Dem Haus sollte man, so fasste „Die Zeit“ seinen Vortrag zusammen, nur ansehen, dass ein vornehmer Schneider darin sein Geschäft hat. Gegenüber war 1893 der Michaelertrakt der Hofburg fertig geworden, angelehnt an einen Entwurf, den Joseph Emanuel Fischer von Erlach ab 1726 gezeichnet hatte.

Ansichtskarte der Brüder Kohn: Michaelerplatz mit Herrengasse und dem Loos-Haus, um 1910/1911
Brüder Kohn KG, „Wien I. Michaelerplatz mit Herrengasse“, Ansichtskarte mit dem Loos-Haus, 1910/1911. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Das Gerüst fällt, der Bau steht

Ende September 1910 wurde die noch unfertige Fassade abgerüstet. „Ein merkwürdiger Anblick“, schrieb die Neue Freie Presse am 29. September. Das städtische Bauamt hatte die Fassade beanstandet: In den Plänen, die beim Magistrat lagen, war ein Quaderverputz eingezeichnet, ausgeführt waren vollkommen glatte Mauerflächen. Das Amt ließ die Arbeiten an der Fassade einstellen. Zeitweise ruhte der Bau, es gab sogar eine Ausschreibung für eine Fassadendekoration.

Der Streit ging durch die Zeitungen. Im Dezember 1910 schrieb ein Autor auf der Titelseite der Reichspost, ihm gefalle das Haus selbst nicht. Er nannte es ein „Justamenthaus“, ein Haus aus Trotz. Nach der Polizei zu rufen, sei trotzdem falsch.

Blumenkästen statt Augenbrauen

1912 erklärte sich Loos widerwillig bereit, vor die Fenster der oberen Geschoße kupferne Blumenkästen zu setzen. Einer Legende nach sollen sie an den Erzherzogshut erinnern, als Gruß an die Hofburg gegenüber. Eine andere Legende erzählt, Kaiser Franz Joseph habe das Haus so scheußlich gefunden, dass er die Ausfahrt der Hofburg zum Michaelerplatz für den Rest seines Lebens mied und die Fenster dorthin vernageln ließ. Beides sind Legenden.

Fotografie von Bruno Reiffenstein: das Looshaus am Michaelerplatz 3, 1927 bis 1929
Bruno Reiffenstein, Michaelerplatz 3 – Looshaus, 1927–1929. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Goldman & Salatsch nutzten das Haus bis zum Konkurs der Firma. Danach wechselten die Besitzer, 1938 wurde es für Opel & Beyschlag umgebaut, und Umbauten zerstörten die Räume in Erdgeschoß und Mezzanin. 1944 traf eine Bombe das benachbarte Hochhaus in der Herrengasse und beschädigte auch das Looshaus. 1987 kaufte die Raiffeisenbank Wien das Gebäude und ließ es unter der Leitung von Burkhardt Rukschcio sanieren, im Oktober 1990 war die Renovierung abgeschlossen.

Ein Scheusal unter Denkmalschutz

„Ein Scheusal von einem Haus“ stand 1911 auf dem Plakat zu Loos’ Vortrag. Seit 1947 steht das Scheusal unter Denkmalschutz. Die Fassade, die man laut Loos niemandem erklären kann, ist bis heute so glatt, wie das Bauamt sie 1910 nicht haben wollte. Die Blumenkästen, der Kompromiss von 1912, hängen auch noch davor.

Loos starb am 23. August 1933 in Kalksburg bei Wien. Auf dem Zentralfriedhof liegt er in einem Ehrengrab unter einem schlichten Granitkubus, den er um 1930 selbst entworfen hatte.

Das Looshaus ist von außen jederzeit zu sehen, am besten vom Michaelerplatz aus, mit dem Michaelertor im Rücken. Durch das Tor geht es in die Hofburg, zum Sisi Museum und zur Kaiserlichen Schatzkammer.

Looshaus · Michaelerplatz 3, 1010 Wien