Wien um 1900 in Fotos: 16 Bilder einer Stadt im Umbau

Moriz Nähr, Gustav Klimt mit Katze im Garten seines Ateliers in der Josefstädter Straße 21, Mai 1911, Akademie der bildenden Künste Wien · CC0, via Kulturpool
Mai 1911, ein Garten in der Josefstädter Straße. Gustav Klimt steht im langen Malerkittel vor seinem Atelier und hält eine Katze im Arm. Moriz Nähr drückt ab.
Die Stadt rund um diesen Garten hatte sich in den Jahren davor stark verändert. Die Stadtbahn wurde gebaut und 1898 eröffnet, im Prater drehte sich seit 1897 das Riesenrad, in der Innenstadt verschwanden alte Gebäude. Fotografen hielten fest, was neu war und was bald fehlen würde: August Stauda die alten Gassen, Moriz Nähr die Künstler, Emil Mayer die Menschen auf der Straße.
Die folgenden 16 Fotos aus dem Wien Museum, der Albertina, der Akademie der bildenden Künste Wien und dem Museum der Moderne Salzburg zeigen Wien um 1900.
Mehr über Wien um 1900
Wie die Figuren vom Fiaker bis zum Wäschermädel entstanden, erzählt unser Deep Dive Wiener Typen. Den Fotografen, den auf der Straße niemand bemerkte, stellt der Deep Dive Emil Mayer vor. Mehr aus dieser Zeit zeigen die Dossiers Wiener Kaffeehauskultur und Heiße Maroni.
Die Bilder
Das Atelier von August Stauda

August Stauda, um 1895. Wien Museum, CC0
Ein niedriges altes Haus mit Läden im Erdgeschoß und Fensterläden im Stock: das Haus „Zum blauen Fuchsen“ in der Schleifmühlgasse 5. Darin lag das Fotoatelier Stauda.
Stauda kam 1882 aus Böhmen nach Wien und lernte das Fotografieren bei seinem Onkel Johann Stauda. 1886 machte er sich selbständig. Er fotografierte vor allem Häuser, für Baumeister, Architekten und Sammler, und wurde so zum Chronisten des alten Wien.
Die Kurrentgasse um 1898

August Stauda, um 1898. Wien Museum, CC0
Die Kurrentgasse in der Innenstadt, Blick Richtung Judenplatz. Rechts eine Barockfassade mit reich verzierten Fensterumrahmungen, weiter hinten ein paar Menschen.
Stauda zogen besonders die Viertel an, die sich um 1900 stark veränderten. Er hielt fest, wie sie aussahen, bevor Neues kam. Tausende seiner Aufnahmen liegen heute im Wien Museum und in der Österreichischen Nationalbibliothek.
Die Annagasse um 1898

August Stauda, um 1898. Wien Museum, CC0
Die Annagasse, Blick Richtung Seilerstätte: hohe Fassaden mit verzierten Fenstern, unten Geschäfte, auf dem Pflaster eine einzelne Gestalt.
Staudas Bilder sind ruhig. Im Mittelpunkt stehen die Häuser selbst, Stockwerk für Stockwerk, Menschen sind oft nur am Rand zu sehen. Gerade deshalb sind sie heute eine Fundgrube für alle, die wissen wollen, wie eine Gasse vor gut 125 Jahren ausgesehen hat.
Ein Eckhaus am Graben

August Stauda, um 1898. Wien Museum, CC0
Das Haus Graben 16, um 1898: Geschäfte mit Markisen im Erdgeschoß, Schriftzüge über den Läden, rechts im Bild ein Brunnen mit Figur.
Auch mitten im Zentrum fotografierte Stauda Haus für Haus. Wer heute am Graben steht, kann seine Aufnahmen mit dem vergleichen, was geblieben ist.
Der letzte Rest des Kaiserspitals

August Stauda, um 1900. Albertina, Public Domain
Schlichte alte Trakte um einen Hof, dahinter ein Turm: der Kaiserspitalstrakt am Ballhausplatz, gleich neben der Hofburg, um 1900.
Lange stand er nicht mehr. Das alte Hofspital wurde in Etappen abgerissen, die letzten Teile bis 1903. Heute steht an der Stelle ein Amtsgebäude aus den 1980er-Jahren, das Bundeskanzleramt und Ministerien nutzen.
Die Fahnengasse

Moriz Nähr, um 1900. Wien Museum, CC0
Ein schmaler Durchgang unter einem Bogen, Kopfsteinpflaster, kein Mensch: die Fahnengasse in der Innenstadt, Blick Richtung Herrengasse.
Fotografiert hat sie Moriz Nähr, 1859 in Wien geboren. Er wurde mit künstlerischen Fotografien bekannt, 1908 machte ihn Erzherzog Franz Ferdinand zu seinem Kammerfotografen. Bekannt ist er heute vor allem für seine Fotos von Künstlern seiner Zeit, mehr dazu weiter unten.
Die Stadtbahn im Bau

Unbekannt, um 1896. Wien Museum, CC0
Gerüste, Mauern, aufgegrabene Erde, darüber eine eiserne Brücke: Am Gaudenzdorfer Gürtel wird um 1896 an der Stadtbahn gebaut.
Gebaut wurde die Stadtbahn von 1892 bis 1901. Die Architektur entwarf Otto Wagner, vor allem die Stationsgebäude. Am 9. Mai 1898 wurde sie feierlich eröffnet, Kaiser Franz Joseph war dabei. Zwei seiner Bauten zeigen unsere Texte über die Stadtbahn-Pavillons am Karlsplatz und das Majolikahaus.
Die Stadtbahnbrücke über die Wienzeile

Josef Löwy, 1893–1898. Wien Museum, CC0
Die fertige Brücke über die Wienzeile am Sechshauser Gürtel: Eisenträger auf steinernen Pfeilern, darunter Gleise in einem Einschnitt.
Fotografiert hat sie Josef Löwy (1834–1902). Am 1. Juni 1898 gingen die Gürtellinie und die Obere Wientallinie der Stadtbahn in Betrieb.
Der Praterstern im Jahr 1897

Friedrich Strauß, 1897. Wien Museum, CC0
Der Praterstern im Jahr 1897: ein weiter, gepflasterter Platz, Pferdewagen und Omnibusse, eine Laterne. Über den Bäumen dahinter ragt etwas Neues auf, das Riesenrad.
Nach rund acht Monaten Bauzeit war es im Juni 1897 fertig. Wien hatte damit eine Attraktion, die man schon von weitem sah.
Das neue Riesenrad

Friedrich Strauß, 1897. Wien Museum, CC0
Das Riesenrad hinter Bäumen und Büschen im Volksprater, ebenfalls 1897. Am 25. Juni drehte es sich zum ersten Mal, am 3. Juli 1897 wurde es feierlich eröffnet.
In Auftrag gegeben hatte es der englische Ingenieur Walter Basset. Das Rad war 64,75 Meter hoch. Seine Geschichte erzählt unser Text Das Wiener Riesenrad.
Die Hagengesellschaft vor dem Café Sperl

Moriz Nähr, um 1895. Akademie der bildenden Künste Wien, CC0
Gut ein Dutzend Männer vor den Fenstern des Café Sperl in der Gumpendorfer Straße, einige sitzen auf dem Gehsteig, andere stehen dahinter: Mitglieder der Hagengesellschaft, um 1895.
Die Künstlerrunde traf sich seit den 1880er-Jahren im Café Sperl. Aus ihr ging 1899 der Hagenbund hervor, eine neue Künstlervereinigung. Mehr über die Wiener Cafés zeigt unser Dossier Wiener Kaffeehauskultur.
Die Künstler der Secession 1902

Moriz Nähr, 1902. Akademie der bildenden Künste Wien, CC0
Die Künstler der 14. Ausstellung der Wiener Secession posieren für Moriz Nähr, einige stehen, einige liegen vorne ausgestreckt. Unter dem Foto stehen handschriftlich ihre Namen.
Bei dieser Ausstellung 1902 war Gustav Klimts Beethovenfries zum ersten Mal zu sehen. Wie die Secession mit Klimts Pallas Athene ihren Kampf begann, erzählt unser Text über die Göttin, die Wien erschütterte.
Gustav Klimt mit Katze

Moriz Nähr, Mai 1911. Akademie der bildenden Künste Wien, CC0
Gustav Klimt im langen Malerkittel, eine Katze im Arm, im Garten seines Ateliers in der Josefstädter Straße 21. Moriz Nähr machte das Foto im Mai 1911.
Nähr fotografierte Klimt immer wieder, von 1902 bis 1917, ein Jahr vor Klimts Tod. Wo Klimts Bilder heute hängen, zeigt unser Deep Dive Gustav Klimt in Wien.
Bei der Blumenfrau

Emil Mayer, um 1910. Museum der Moderne Salzburg, Public Domain
Zwei Damen in hellen Kleidern und großen Hüten, eine mit Federn, eine mit Blumen, kaufen bei einer Blumenfrau. Die steht vorne, mit Kopftuch, von hinten gesehen.
Fotografiert hat die Szene Emil Mayer, im Hauptberuf Rechtsanwalt. Ab 1905 arbeitete er mit einem Sucher, der ihn unbemerkt fotografieren ließ. Seine Geschichte erzählt unser Deep Dive Emil Mayer.
Spaziergang in der Hauptallee

Emil Mayer, 1905–1911. Wien Museum, CC0
Zwei junge Frauen mit großen Hüten, ein Hund, dahinter Herren mit Hut: ein Spaziergang in der Hauptallee im Prater, aufgenommen zwischen 1905 und 1911.
Auch dieses Bild stammt von Emil Mayer. Seine Glasdias aus dem Prater liegen heute im Wien Museum. Wie sie dort wieder auftauchten, erzählt unser Text über Felix Saltens „Wurstelprater“.
Die Damenkapelle im Prater

Emil Mayer, 1905–1911. Wien Museum, CC0
Musikerinnen in weißen Kleidern spielen Geige auf einem Podium hinter einer Balustrade. Damenkapellen gehörten zu den Attraktionen des Praters und zu Emil Mayers Motiven.
Den Prater dieser Jahre erkundet man heute im Pratermuseum, gleich beim Riesenrad.
IM MUSEUM