Orte
Wien
|
Mariahilf / Wieden

Naschmarkt in Wien: Wie der Markt auf den Wienfluss zog und dort blieb

Im November 1916 übersiedeln zehntausende Krauthäupteln auf den neuen Naschmarkt über dem Wienfluss. Die Geschichte des Markts, der einmal Aschenmarkt hieß und nur provisorisch verlegt werden sollte.

Naschmarkt in Wien: Wie der Markt auf den Wienfluss zog und dort blieb
Gerlach & Wiedling, 4., Alter Naschmarkt – Blick Richtung Wiedner Hauptstraße, um 1900, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Im November 1916 zog der alte Naschmarkt aus. „In diesen Tagen übersiedeln einige zehntausend Krauthäupteln und Kohlköpfe“, meldete das Deutsche Volksblatt am Sonntag, dem 19. November. Auch die Zwiebelhändler und die Blumenbinderinnen sahen sich nach einem neuen Standplatz um. Die älteren Wiener, schrieb der Reporter, hätten den Markt immer „Aschenmarkt“ genannt.

Weit war der Weg nicht. Der alte Markt lag vor dem Freihaus auf der Wieden, zwischen Wiedner Hauptstraße und Operngasse am Rand des heutigen Karlsplatzes. Der neue lag nur einige hundert Schritte weiter, auf der Überwölbung des Wienflusses zwischen Linker und Rechter Wienzeile. Dort steht der Naschmarkt bis heute. Mit 2,315 Hektar ist er der größte innerstädtische Markt Wiens, und unter seinen Ständen fließt ein Fluss.

Ein Milchmarkt vor der Stadt

1774 wird an dieser Stelle ein kleiner Markt erwähnt, auf dem vor allem Milch gehandelt wurde. 1780 kam ein Obst- und Gemüsemarkt dazu, der bis dahin auf der Freyung in der Stadt gestanden war. Dort hatte es Streit zwischen dem Magistrat und dem Schottenkloster gegeben. Offiziell hieß der Markt nun Kärntnertormarkt. Ab 1793 musste alles Obst und Gemüse, das auf Wagen nach Wien kam, hier verkauft werden. Zwischen den Ständen boten auch Bratelbrater und Knödelköchinnen ihre Speisen an.

Woher der alte Name Aschenmarkt kommt, weiß man nicht genau. Vielleicht lag vor dem Freihaus ein Platz für Asche und Müll. Vielleicht kommt er von „Asch“, dem alten Wort für hölzerne Milcheimer aus Eschenholz. Ab etwa 1820 ist die Form Naschmarkt belegt, wohl wegen der Süßigkeiten und exotischen Waren, die es hier zu kaufen gab. Offiziell heißt der Markt erst seit 1905 so.

Ein Fluss verschwindet unter dem Markt

Neben dem Markt floss der Wienfluss, damals noch unreguliert. Nach dem großen Hochwasser von 1851 wurde jahrzehntelang über eine Regulierung gestritten. Ab 1894 wurde gebaut, und im neuen, hochwassersicheren Flussbett fand auch die Stadtbahn Platz. Überdeckt werden sollten zunächst nur etwa 550 Meter zwischen Elisabethbrücke und Schwarzenbergbrücke. Am Ende waren es rund 2,1 Kilometer.

Auf der gewonnenen Fläche entstand der neue Markt, Stück für Stück. Eine erste Etappe wurde zwischen 1895 und 1901 verlegt. Ab 1902 entstanden nach einem Konzept von Friedrich Jäckel drei parallele Reihen von Marktpavillons, ab 1910 dann mehr als 120 gemauerte Stände in einheitlichem Stil. Den westlichen Teil konnte man erst bauen, als der Fluss auch dort überwölbt war, 1915/16. An der Kettenbrückengasse entstand damals das Marktamtsgebäude, ebenfalls nach Jäckels Plänen. 1916 kam dort eine Marienstatue aus dem späten 17. Jahrhundert unter, die einst die Bäckersäule auf der steinernen Brücke über den Wienfluss geschmückt hatte.

Der Naschmarkt um 1910, erhöhter Blick von der Rechten Wienzeile, Aufnahme aus dem Verlag Gerlach & Wiedling.
Gerlach & Wiedling, Naschmarkt – Erhöhter Blick von der Rechten Wienzeile, um 1910. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Umzug vom November 1916 fiel mitten in den Ersten Weltkrieg. Auf einem Foto aus den Jahren danach sieht man am neuen Markt ein Gasthaus mit dem Namen „Zur eisernen Zeit“. Ganz aufgelöst wurde der alte Teil am Karlsplatz erst 1919.

Otto Wagners Boulevard, der nie kam

Am Wienfluss arbeitete in diesen Jahren auch Otto Wagner. Er gestaltete die Stadtbahn mit Stationen wie den Pavillons am Karlsplatz, die 1899 eröffnet wurden. Und er hatte einen größeren Plan: Er wollte den Wienfluss bis Schönbrunn überwölben und darauf einen repräsentativen Boulevard anlegen. Der Plan scheiterte an den Kosten.

An der Linken Wienzeile baute Wagner 1898 und 1899 als sein eigener Bauherr Wohnhäuser. Eines davon, die Nummer 40, bekam eine Fassade aus bunten Fliesen. Es blieb die einzige seiner farbigen Fassaden, die er verwirklichen konnte. Statt auf einen Prachtboulevard schaut das Majolikahaus heute auf die Dächer der Marktstände.

Bruno Reiffenstein, Marktamtsgebäude am neuen Naschmarkt, Fotografie um 1917.
Bruno Reiffenstein, Neuer Naschmarkt – Marktamtsgebäude, um 1917. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Provisorium unter Denkmalschutz

Die Verlegung um 1900 galt als „provisorisch“. Nach 1945 stand der Markt mehrmals zur Disposition. Im November 1945 schrieb die Stadt einen Ideenwettbewerb für den Karlsplatz aus, und laut Ausschreibung durfte der Naschmarkt dabei „wegfallen“. Kritiker sprachen von einem „Schandfleck“ und von Rattenplagen. In den 1970er Jahren sollte er für eine Verlängerung der Westautobahn abgesiedelt werden. Nach Protesten blieb er.

Er wuchs sogar. Seit 1977 findet jeden Samstag auf dem Areal hinter der Kettenbrückengasse, direkt über dem Wienfluss, der Flohmarkt statt, der davor auf dem Platz Am Hof zu Hause war. In den 1980er Jahren wurde der Markt modernisiert, von 2010 bis 2015 grundlegend saniert. Seit etwa 2000 haben sich viele Lokale zwischen Obst und Gemüse angesiedelt. Die Stände stehen heute unter Denkmalschutz.

So ist aus dem Provisorium der Jahrhundertwende ein Denkmal geworden. Die Krauthäupteln von damals sind längst gegessen. Der Wienfluss aber, der dem Markt seinen Platz überlassen hat, fließt noch immer darunter durch. Fotos vom alten und vom neuen Naschmarkt bewahrt das Wien Museum. Wie die Stadt ihre Märkte verwaltet und kontrolliert, zeigt das Marktamtsmuseum am Floridsdorfer Markt.

Naschmarkt · zwischen Linker und Rechter Wienzeile, vom Getreidemarkt bis zur U-Bahn-Station Kettenbrückengasse, 1040/1060 Wien. Flohmarkt samstags hinter der Kettenbrückengasse.