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Spittelberg: Wie ein verrufenes Wiener Viertel vor dem Abriss gerettet wurde

Im Juli 1909 kostet ein Satz über den Spittelberg einen Wiener fünfzig Kronen. Die Geschichte des verrufenen Viertels vor der Stadtmauer, vom Kroatendorf über Wirtshäuser und Bordelle bis zur Rettung vor dem Abriss.

Spittelberg: Wie ein verrufenes Wiener Viertel vor dem Abriss gerettet wurde
August Stauda, 7., Spittelberggasse 15–19 – Blick Richtung Burggasse, um 1903, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Im Juli 1909 kostete ein einziger Satz über den Spittelberg einen Wiener Geschäftsmann fünfzig Kronen. Er soll einer Frau, durch die er nach eigener Aussage fast sein ganzes Vermögen verloren hatte, bei Gericht zugerufen haben: „du aber gehst die ganze Zeit am Spittelberg spazieren“. Die Frau klagte. Sein Verteidiger erklärte, gemeint sei nur ein Spaziergang durch den Bezirk Neubau, um sich nach einem Geschäft umzusehen. Das Wort Spittelberg habe keinen beleidigenden Beigeschmack, es bezeichne ja einen ganzen Bezirksteil. Bezirksrichter Doktor Schmidt verurteilte den Mann trotzdem. So berichtete es das Deutsche Volksblatt am 8. Juli 1909.

In der Urteilsbegründung verwies der Richter auf die allgemein bekannte Bedeutung des Wortes Spittelberg für das sittliche Leben Wiens. Vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts galt der Spittelberg, ein paar enge Gassen im heutigen 7. Bezirk gleich neben dem MuseumsQuartier, als Hochburg der Prostitution. Heute ist er eine teure Wohngegend mit Biedermeierhäusern, Lokalen und Ateliers, bekannt vor allem für seinen Weihnachtsmarkt. Dass die alten Häuser noch stehen, ist nicht selbstverständlich: In den 1970er Jahren sollten Teile des Viertels abgerissen werden.

Ein Berg, der dem Bürgerspital gehörte

Mit dem Namen selbst hatte der Verteidiger von 1909 recht, an ihm ist nichts Anrüchiges. Das Gelände lag vor der Stadtmauer, am Rand des Glacis, des freien Streifens vor den Befestigungen. 1525 gehörten dem Wiener Bürgerspital hier Äcker und Weingärten, die das Spital und seine Kranken versorgten. 1584 kam ein Hof dazu.

Ab 1675 wurde das Land in kleine Bauparzellen geteilt und an Zuwanderer vergeben, darunter Kroaten und Ungarn. 1679 nennt eine Urkunde eine Krobotengasse, und im Volksmund hieß die Gegend Krowotendörfel, also Kroatendörfchen. 1693 übernahm das Bürgerspital die Grundherrschaft. Von da an hieß es Spitalberg, seit etwa 1800 Spittelberg.

Kanonen gegen die Hofburg

Die Anhöhe so nah an der Stadt wurde zweimal zur Kanonenstellung. 1683, bei der Zweiten Türkenbelagerung, ließ Großwesir Kara Mustafa vom Spittelberg aus mit 24 Kanonen auf die Hofburg schießen. Das junge Viertel wurde schwer beschädigt. Ob die Belagerer die Häuser zerstörten oder die Verteidiger sie abrissen, damit die Osmanen keine Deckung fanden, wird unterschiedlich überliefert. Einige Keller aus der Zeit davor gibt es noch. 1809 wiederholte sich die Szene: Am 11. Mai eröffnete der französische General Henri-Gatien Bertrand, ein enger Vertrauter Napoleons, von hier aus mit 20 Haubitzen das Feuer auf die Stadt.

Nach 1683 wurde neu gebaut, auf winzigen Grundstücken in einem engen Gassennetz. Um 1720 standen etwa 120 Häuser. Fast keines hatte einen Hof oder einen Garten, und der Spittelberg zählte zu den ungesündesten Gegenden Wiens. 1783 lebten hier 5.184 Menschen in 138 Häusern, im Schnitt mehr als 37 in jedem.

Wirtshäuser, Freudenhäuser und ein Kaiser vor der Tür

In den engen Gassen gab es viele Wirtshäuser, und das Viertel wurde zum Vergnügungs- und Rotlichtbezirk. Aus demselben Jahr 1783 stammt ein Kupferstich von Johann Hieronymus Löschenkohl mit dem Titel „Am Spittelberg im Extrazimmer“. Die Häuser trugen Namen wie „Zum weißen Engel“, „Zum schwarzen Elefanten“ oder „Zum Küß-den-Pfennig“. Im Haus Gutenberggasse 23 war die „Maison Kieninger“ noch bis 1918 ein Bordell, also auch in dem Sommer, in dem der Geschäftsmann seine fünfzig Kronen zahlen musste.

Johann Hieronymus Löschenkohl, Am Spittelberg im Extrazimmer, Kupferstich von 1783.
Johann Hieronymus Löschenkohl, Am Spittelberg im Extrazimmer, 1783. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Am bekanntesten ist eine Legende aus der Gutenberggasse 13, dem Haus „Zum weißen Löwen“. Dort soll Kaiser Joseph II. 1787 inkognito das Lokal der berüchtigten „Sonnenfels-Waberl“ besucht haben und sehr unsanft vor die Tür gesetzt worden sein. Ein Spruch im Gewölbe des Hausflurs erinnert daran. Belegen lässt sich die Geschichte nicht. Sie hat aber eine hübsche Pointe: Offiziell soll derselbe Kaiser die Bordelle bekämpft haben.

Im 19. Jahrhundert ersetzten neue Häuser einen Teil der barocken. In der Gutenberggasse steht etwa das Haus „Zum weißen Stern“, 1831 von Anton Grünn erbaut. In der heutigen Stiftgasse 8 kam 1803 der Maler Friedrich Amerling zur Welt, im Haus „Zu den drei Herzen“, das heute nach ihm Amerlinghaus heißt. 1850 wurde der Spittelberg nach Wien eingemeindet, seit 1861 gehört er zum Bezirk Neubau.

August Stauda, Spittelberggasse 20, Haus Zur goldenen Birne, Fotografie um 1900.
August Stauda, Spittelberggasse 20, „Zur goldenen Birne“, um 1900. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Besetzt, damit es stehen bleibt

Im 20. Jahrhundert verfielen die Häuser. Anfang der 1970er Jahre sollten Teile des Spittelbergs abgerissen und neu bebaut werden, die Pläne sahen unter anderem ein großes, auf Autos ausgerichtetes Einkaufszentrum vor. Dagegen formierte sich die Interessensgemeinschaft Spittelberg aus Anrainern, Kunstschaffenden, Architekten und Studierenden. Sie wollte verhindern, dass die Bewohner „hinaussaniert“ werden. Im Sommer 1975 besetzten Leute aus dem Bezirk mehrere Biedermeierhäuser, darunter das leerstehende, verwahrloste Amerlinghaus. Während der Besetzung lief dort im Rahmen der Wiener Festwochen ein viertägiges Fest.

Abgerissen wurde nicht. Ab 1975 wurde der Spittelberg als Schutzzone gesichert und die alte Bausubstanz restauriert, und die Stadt stellte den Spittelberg danach gern als Erfolg der Altstadterhaltung vor. Am 1. April 1978 öffnete das Amerlinghaus als selbstverwaltetes Kulturzentrum. Im selben Jahr zog das Bezirksmuseum Neubau ein. Wie Kulturzentrum und Museum unter ein Dach kamen, erzählt unsere Geschichte über das Amerlinghaus.

Bleibt eine Ironie. Für den Erhalt des Spittelbergs kämpften Leute, die verhindern wollten, dass die alten Bewohner verdrängt werden. Heute gilt das Viertel als Beispiel für Luxussanierung und Gentrifizierung, und es gehört zum UNESCO-Welterbe Historisches Zentrum von Wien. Und wer heute sagt, jemand gehe am Spittelberg spazieren, muss dafür keine fünfzig Kronen mehr zahlen. Im Advent, von Mitte November bis Weihnachten, kommen die Leute genau dafür: zum Spazierengehen zwischen den Ständen des Weihnachtsmarkts. Wie die Wiener Adventmärkte entstanden sind, steht in unserer Geschichte der Christkindlmärkte.

Spittelberg · Spittelberggasse, Gutenberggasse und Schrankgasse, 1070 Wien. Bezirksmuseum Neubau im Amerlinghaus, Stiftgasse 8, geöffnet Mittwoch 17 bis 19 Uhr und Samstag 10 bis 13 Uhr.