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January 31, 2022
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Bezirksmuseum Neubau

Ein Haus, das nicht fallen sollte: das Amerlinghaus und das Bezirksmuseum Neubau

Ein besetztes Biedermeierhaus am Spittelberg, ein Weinstock im Hof und eine Auflage der Stadt Wien: Monika Grußmann erzählt, warum das Bezirksmuseum Neubau das kleinste Wiens ist.

Ein Haus, das nicht fallen sollte: das Amerlinghaus und das Bezirksmuseum Neubau
Foto: Michael Kranewitter, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wer in der Stiftgasse 8 durch das Hoftor tritt, steht in einem Innenhof, den ein 200 Jahre alter Weinstock im Sommer zu einem grünen Blätterdach überwuchert. Eine steile Steintreppe führt hinauf zur Pawlatsche, dem umlaufenden Außenbalkon im ersten Stock, wo hinter einer unscheinbaren Tür das kleinste Bezirksmuseum Wiens liegt. Dass es hier liegt, war einmal eine Bedingung – und für beide Seiten eine Zumutung.

Monika Grußmann, Leiterin des Bezirksmuseums Neubau, empfängt ihre Gäste in einem Haus, das selbst ein Museumsstück ist. Das Amerlinghaus, um 1700 am Spittelberg errichtet, hieß früher „Haus zu den drei Herzen“ und trägt seinen heutigen Namen nach dem Maler Friedrich von Amerling, der hier 1803 zur Welt kam. Die Adresse selbst, erzählt Grußmann, hieß auch einmal Pelikangasse und einmal Mordgassel – warum auch immer.

In den 1970er-Jahren war der Spittelberg heruntergekommen. Seit 1900 hatte hier niemand mehr renoviert, die Erdgeschoßlokale waren vernagelt, nur wenige Menschen wohnten noch im Viertel. Der Plan war, das Grätzl als Ganzes abzureißen. Stattdessen machten junge Bürger:innen und Studierende im Sommer 1975 die vernagelten Eingänge auf und besetzten sie. Das Amerlinghaus sei „irrsinnig abgefuckt“ gewesen, gibt Grußmann ihre Haltung wieder, aber es müsse bleiben. Geschleift wurde am Ende nichts, das Gebiet wurde revitalisiert.

Die Besetzer:innen forderten, das Haus in Selbstverwaltung zu übernehmen. Die Stadt Wien stimmte zu – unter einer Auflage: Das Bezirksmuseum müsse mit hinein. „So ein bisschen als Korrektiv vielleicht oder als Ärgernis“, sagt Grußmann. Begeistert war niemand. Das Museum, 1966 gegründet, hieß zunächst Heimatmuseum; im Amerlinghaus feierten die jungen Wilden Feste, zu Gast war laut Grußmann auch Hermes Phettberg. Die gediegenen Herren vom Bezirksmuseum wollten sicher nicht dorthin, schon gar nicht in ein ganzes Stockwerk. Ihr Leiter trat aus Empörung zurück.

Die Stadt blieb bei ihrer Bedingung. Als sich endlich jemand fand, der das Museum weiterführte, war die angebotene Fläche plötzlich nur noch ein Drittel. Aus dem Stockwerk wurden rund hundert Quadratmeter – und daraus das kleinste Bezirksmuseum Wiens. Seit 1978 teilen sich Museum und Kulturzentrum das Haus. Warum es unter Denkmalschutz steht, haben Studierende der Architektur 2021 gemeinsam mit dem Denkmalamt aufgearbeitet und im Hof ausgehängt. Prompt kletterte ein altes Ehepaar die steilen Stiegen hinauf: Hier hätten sie einmal gewohnt.

Das Kulturzentrum ist bis heute tätig, eine Vorläuferin des WUK im neunten Bezirk. Rund 90 Gruppen und Vereine nutzen die Räume jedes Jahr, politisieren, halten Lesungen und Deutschkurse ab. Das Beisl von damals gibt es noch, die Kindergruppe auch.

Ein autonomes Kulturzentrum und ein Bezirksmuseum, von der Stadtverwaltung zusammengespannt, teilen sich seit über vierzig Jahren ein Dach und einen Weinstock. Wer durch eines der Hoftore kommt, ist in einer anderen Welt – in einem Haus, das nur deshalb noch steht, weil sich jemand geweigert hat, es aufzugeben.