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March 14, 2022
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Bezirksmuseum Neubau

Der Vorläufer des Computers: Zwei Webstühle im Bezirksmuseum Neubau

Ein Jacquard-Webstuhl von 1870 mit umlaufenden Lochkarten und daneben ein Bandwebstuhl, an dem jemand 14 Stunden täglich saß: Monika Grußmann erzählt, was die beiden Maschinen über den Spittelberg verraten.

Der Vorläufer des Computers: Zwei Webstühle im Bezirksmuseum Neubau
Foto: Edal Anton Lefterov, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein Holzgerüst von 1,50 mal drei Metern Grundfläche, drei Meter hoch: Im Bezirksmuseum Neubau nimmt der große Webstuhl den Platz eines kleinen Zimmers ein, und Platz ist im Amerlinghaus am Spittelberg ohnehin knapp. Die Fäden hängen hier nicht flach gespannt wie beim Weben im Schulunterricht, sondern senkrecht, unten von Gewichten straff gehalten. Hüfthoch treten die fertigen Bänder aus, aus 25 oder 30 Spulen nebeneinander. Und in 2,30 Metern Höhe laufen Lochkarten im Kreis.

Monika Grußmann, Leiterin des Bezirksmuseums Neubau, datiert den Jacquard-Webstuhl auf 1870 – damals allermodernste Technik. Die Lochkarten geben vor, welche Fäden sich heben und einen Raum öffnen, in dem das Muster entsteht: Eine Nadel fährt durch ein Loch oder eben nicht, null oder eins. „Man sagt, der Vorläufer des Computers“, sagt Grußmann, „weil dieses System null und eins aus der Weberei kommt.“ Vorher las jemand ein Muster von einer Karte ab und schoss das Schiffchen hin und her, ein Band nach dem anderen. Jetzt entstanden 20 Bänder gleichzeitig, das Muster automatisiert. Angetrieben würde die Maschine von einem Motor – den besitzt das Museum nicht.

Dass so ein Apparat ausgerechnet im siebten Bezirk steht, hat mit Seide zu tun. Das Museum hebt stapelweise Musterbücher auf, denn hier wurde in großem Stil Seide verwebt. Die Rohseide kam zunächst aus Indien, dann gab es Lieferprobleme; unter Maria Theresia stieg man ins eigene Seidenraupengeschäft ein und pflanzte in Wien Maulbeerplantagen. Die Fabriken standen oben am Berg, im heutigen Neubau. Die Arbeiterinnen wohnten unten im Wiental, wo es überschwemmt wurde, stank und unsicher war. Der Spittelberg, erzählt Grußmann, sei gebaut worden, um Arbeitskräfte unterzubringen: möglichst viele, möglichst keine Innenhöfe, enge Wohnungen – „um möglichst viel Arbeitskraft ausbeuten zu können in den Fabriken“.

Der zweite Webstuhl im Raum ist der ältere und der kleinere, ein mechanischer Bandwebstuhl für genau ein Band. Eine Person saß auf einem Querbrett, das Webmuster vor sich auf ein Brett genagelt, und bediente Pedale wie an einer Orgel, während sie das Schiffchen mit der Hand durchschoss. 14 Stunden am Tag. Man sieht bis heute, wo die Füße gestanden sind: Der Querholm darunter ist nur mehr halb so hoch wie einmal, eingetreten von Sohlen.

„Es ist keine schöne Vorstellung. Nicht einmal romantisch.“

Ein paar Schritte trennen die beiden Maschinen, und dazwischen liegt der ganze Sprung von der Handarbeit zur Automatisierung. Die Lochkarte, die später das Rechnen ordnen sollte, hat in diesem Raum zuerst Bänder gemustert – und dem Menschen am Querbrett keine einzige Stunde abgenommen. Wer heute durch die schmalen Gassen des Spittelbergs geht, läuft durch den Grundriss dieser Rechnung.