Die Objektbeschreibung liest sich wie ein Befund: leicht wackelige Füße, der Deckel hängt nur noch an einem Scharnier, die Tasten sind beschädigt und ein wenig unregelmäßig, ganz links und ganz rechts bleiben die letzten Tasten tonlos. Und würde man das Instrument stimmen lassen, stünde sofort die Frage im Raum, ob dann nicht die Saiten reißen. Wird aber der Tastendeckel geöffnet, kommt die ganze Pracht zum Vorschein: goldene Einlegearbeit auf schwarz lackiertem Grund, in der Mitte der Doppeladler, im Bogen darum die Signatur Ignaz Bösendorfer und die Inschrift „kaiserlich-königlicher Hofpianoverfertiger Wien“, eingefasst von Blumengirlanden und Ornamenten.
Der Flügel steht im ersten Stock des Bezirksmuseums Josefstadt, im Raum für Theater und Musik. Maria Ettl, Bezirkshistorikerin und seit 2009 Leiterin des Hauses, führt ein Museum, das wie alle Wiener Bezirks- und Sondermuseen ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen betrieben wird. Ihre nüchterne Beschreibung des Objekts: signiert Ignaz Bösendorfer, etwas über zwei Meter lang, Mahagoni, geradsaitig, zwei Pedale, Produktionsnummer 3258, um 1866 gebaut. Ihr Fazit fällt trotzdem versöhnlich aus:
Der Zahn der Zeit hat schon kräftig daran genagt. Aber die Schönheit ist geblieben.
Dass ausgerechnet in der Josefstadt ein Bösendorfer steht, ist kein Zufall. Die Firma hat ihre Wurzeln im kleinsten Wiener Gemeindebezirk. Ignaz Bösendorfer, Sohn eines Tischlermeisters, ging beim Klavierbauer Joseph Brodmann in die Lehre, schloss sie 1828 als Meister ab und übernahm die Werkstatt seines Lehrers – im Haus am Glacis 43, der heutigen Lenaugasse 7. Das erste Firmenetikett lautete entsprechend „Ignaz Bösendorfer, Bürger in Wien, vormals Brodmann“. 1834 heiratete er und wohnte zunächst zur Miete bei Brodmann; 1835 kam Sohn Ludwig zur Welt. 1841 erwarb Bösendorfer das Haus Josefstadt 226, die heutige Lenaugasse 10. Als die Fertigung dort zu klein wurde, begann er 1857 mit dem Bau eines neuen Fabriksgebäudes am Alsergrund – und weg waren sie aus der Josefstadt.
Der zweite Faden führt ums Eck ins Theater in der Josefstadt. Dort wurde Franz von Suppè, der in seinem Leben über 200 Bühnenwerke schuf, nach dem Abschluss seiner Konservatoriumszeit 1840 rasch als dritter Kapellmeister engagiert, mit der Verpflichtung, Theatermusik zu komponieren. Aus seinem Besitz stammt der Flügel im Museum.
Wie er dorthin kam, ist zumindest halb geklärt: Geschenkt hat ihn Suppès Enkelin Else Keller-Suppè. Wann das geschah, weiß im Museum niemand genau; die Frage muss erst erforscht werden. So bleibt ein Instrument, das seine Herkunft in Gold auf dem Tastendeckel trägt, seinen eigenen Weg in die Vitrine aber nicht erzählen kann. Spielen lässt es sich kaum noch, und stimmen darf man es besser nicht. Was es kann, ist etwas anderes: zwei Josefstädter Geschichten zusammenhalten, die des Klavierbauers und die des Kapellmeisters, die sich vor knapp zwei Jahrhunderten wenige Straßenzüge voneinander entfernt abgespielt haben.
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