Das Papier ist dünn und bräunlich, man würde es heute für Backpapier halten. An drei Seiten sind Eselsohren, in der Mitte hält gerade noch ein Zentimeter die beiden Hälften zusammen. Druck und Tuschschrift sind kaum ausgebleicht: 20,5 mal 12,3 Zentimeter Papier, auf denen steht, dass Margarete Lang, geboren am 28. Mai 1900 und gebürtig aus Wien, am 4. August 1901 mit Schutzpockenstoff geimpft worden ist und die echten Schutzpocken ordentlich überstanden hat. Unterzeichnet in Groß-Kadolz am 18. August 1901. Das Formular trägt die Lagernummer 22 der k. k. Hof- und Staatsdruckerei, gedruckt im Dezember 1897.
Ins Bezirksmuseum Josefstadt kam dieses Schutzpockenimpfzeugnis über einen Umweg von zwanzig Jahren. 1998 zeigte das Haus eine Ausstellung über eine Schneidermeisterfamilie, die seit 1860 im Bezirk ansässig war. Die Nachkommen leben inzwischen in Vorarlberg und fanden beim Räumen der Wiener Wohnung ein Konvolut an Dokumenten. Maria Ettl, Leiterin des Bezirksmuseums Josefstadt, kennt den üblichen Ausgang solcher Funde: Die nächste Generation hat keinen Bezug mehr zu den Wiener Vorfahren, und das Papier wandert zum Altpapier. Hier nicht. Im Sommer 2021 brachte ein Nachfahre die Dokumente nach Wien, und bei der Übergabe der Gewerbescheine kam zuletzt das Impfzeugnis zum Vorschein.
Warum der Zeitpunkt so günstig war, erklärt Anna Jungmayr, die die Ausstellung „Vor Schand und Noth gerettet“?! als Curatorial Fellow des Wien Museums mitkuratiert hat. Darin geht es um das Wiener Gebär- und Findelhaus, zwei Fürsorgeeinrichtungen, die 1784 unter Joseph II. am Allgemeinen Krankenhaus eingerichtet wurden: Ungewollt Schwangere konnten dort gebären und ihre Kinder abgeben. 1802 wurde im Findelhaus ein Impfzimmer eingerichtet, mitten in einer Zeit, in der Blatternepidemien immer wieder durch Europa zogen. Der Impfstoff wurde von Arm zu Arm weitergegeben: Wer geimpft war, entwickelte selbst Blattern, und daraus gewann man die Lymphe für die nächste Impfung. Für Findelkinder war die Impfung verpflichtend, dem Rest der Bevölkerung wurde sie nur nahegelegt. Aus den Kindern wurden so, wie Jungmayr es nennt, Impfstofflieferant:innen.
Skepsis gab es reichlich. Ärzte fürchteten, die Lymphe der Findelkinder könnte Syphilis übertragen – ein Risiko, das sich später als gering erwies. Andere zweifelten in Zeitungen die Wirkung an; die professionelle Medizin steckte selbst noch in ihren Anfängen. Um die Bevölkerung zu überzeugen, predigten Pfarrer auf Anweisung von der Kanzel fürs Impfen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts löste die von Tieren gewonnene Lymphe die Arm-zu-Arm-Impfung ab.
Ich bin sehr froh, dass wir heute keine Kinder mehr dazu verwenden, Impfstoff herzustellen.
Ob Margarete Lang je mit dem Findelhaus in der Alser Straße zu tun hatte, weiß im Museum niemand. Der Stempel aus Groß-Kadolz spricht dafür, dass sie am Land untergebracht war – oder im August auf Sommerfrische. Geblieben ist ein Blatt, das kaum noch zusammenhält und trotzdem alles Nötige festhält: geimpft, überstanden, bestätigt. Dass so ein Nachweis ausgerechnet im Sommer 2021 aus einem Vorarlberger Umzugskarton auftaucht, hat niemand geplant.
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