Am Vormittag des 9. Oktober 1935, einem Mittwoch, standen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, zwei Bundesminister und Kardinal Theodor Innitzer in den Donauauen bei Albern. Schuschnigg setzte den Schlussstein einer kleinen Kapelle, dann weihte der Kardinal sie. Die Auferstehungskapelle sollte an den Bau neuer Hochwasserschutzdämme erinnern, an dem der Freiwillige Arbeitsdienst beteiligt war. Entworfen hatte sie der Architekt Karl Franz Eder, und sie steckt bis heute im Damm. Hinter ihr liegt ein Friedhof, auf dessen Kreuzen oft kein Name steht, sondern nur „unbekannt“.
Der Friedhof der Namenlosen liegt in Wien-Simmering, im Bezirksteil Albern beim Alberner Hafen. Hier wurden Menschen begraben, die die Donau ans Ufer gespült hatte. Ein Wasserstrudel trieb an dieser Stelle Treibgut und Tote an Land, oft schon stark verwest. Viele von ihnen hatten sich das Leben genommen, viele konnte niemand mehr erkennen. Auf dem heutigen Friedhof, belegt von 1900 bis 1940, wurden 104 Tote bestattet. Nur 43 von ihnen bekamen ihren Namen zurück.
Wo der Strudel die Toten ans Ufer trieb
Um 1700 stand an der Stelle des heutigen Hafens ein kleines Fischerdorf auf Pfählen, so erzählt es die Familie, die den Friedhof heute pflegt. Die Fischer zogen immer wieder Tote aus dem Fluss und begruben sie dort, wo sie sie gefunden hatten, unter einem schlichten Holzkreuz. Für 1840 wird die erste Bestattung einer unbekannten Wasserleiche auf einem eigenen Friedhof genannt. Ein reguläres Begräbnis bekamen diese Toten nicht, sie wurden in Reihen eingegraben.
Dieser erste Friedhof lag direkt am Wasser, und das Wasser kam wieder: 1893 beschädigte ihn ein Eisstoß, 1895 ein weiteres Hochwasser. Im November 1899 überließ der Wiener Stadtrat der Gemeinde Albern, die damals noch nicht zu Wien gehörte, ein Stück Wald gegen einen symbolischen Zins. Ab 1900 wurde dort, hinter dem Schutzdamm, der neue Friedhof belegt. Die Toten des alten Friedhofs blieben liegen. Im Winter 2012/13 wurde das Gelände für die Hafenerweiterung und den Hochwasserschutz gerodet, die Stadtarchäologie barg dabei Gebeine. Ein Gedenkkreuz erinnert an diesen ersten Friedhof.

Ein Gemeindewachmann als Totengräber
1932 übernahm Josef Fuchs die Pflege des Friedhofs, ehrenamtlich. Er war Gemeindewachmann in Albern. 1938 kam Albern zu Wien, 1939 wurde Fuchs zur Wehrmacht eingezogen. Die letzte Bestattung im Jahr 1940 besorgte seine Frau Franziska, so erzählt es die Familie, und in den Kriegsjahren sah sie nach den verlassenen Gräbern, wann immer es ging. 1947 kam Josef Fuchs aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück und legte die verwilderten Gräber wieder frei.
Von da an pflegte er den Friedhof bis zu seinem Tod 1996. Die verwitterten Holzkreuze ersetzte er durch eiserne Kreuze mit weißen Christusfiguren, die den Friedhof bis heute prägen. Am Altar der Kapelle zündete er jeden Tag eine Kerze an. Wien verlieh ihm das Goldene Verdienstzeichen des Landes. Der Filmemacher Nikolaus Geyrhalter porträtierte ihn 1994 im Dokumentarfilm „Angeschwemmt“. Heute pflegen seine Nachkommen die Gräber, ebenfalls ehrenamtlich.

Ein neuer Hafen, und die Donau brachte keine Toten mehr
Vier Jahre nach der feierlichen Weihe hatte der Friedhof seine Aufgabe schon fast verloren. 1939 veränderten der Bau des Alberner Hafens und seiner Getreidespeicher die Strömung, und der Strudel trieb keine Toten mehr ans Ufer. 1940 wurde offiziell zum letzten Mal jemand hier begraben, auch wenn ein Grabkreuz die Jahreszahl 1953 trägt. Unbekannte Tote aus der Donau werden seither auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet. 1957 kam der Friedhof der Namenlosen in die Obhut der Kulturabteilung der Stadt Wien.
Wie Wien sonst mit seinen Toten umging, vom Klappsarg Josephs II. bis zur Leichenstraßenbahn, zeigt das Bestattungsmuseum Wien am Zentralfriedhof. Eine ganz andere Totenstadt liegt unter der Innenstadt: In der Michaelergruft ruhen Adelige und Hofleute in bemalten Särgen, manche von ihnen mumifiziert.
Ein Floß für die Opfer der Donau
Bekannt ist der abgelegene Friedhof auch aus dem Kino. In Richard Linklaters Film „Before Sunrise“ von 1995 besuchen Céline und Jesse auf ihrem nächtlichen Streifzug durch Wien den Friedhof der Namenlosen. Der Film dürfte dazu beigetragen haben, dass der Ort heute als Geheimtipp gilt.
Am ersten Sonntag nach Allerheiligen hält der Fischerverein Albern jedes Jahr eine Gedenkfeier. Die Fischer schmücken ein Floß mit einem Gedenkstein, „Den Opfern der Donau“, und bringen es mit einer Zille in die Mitte des Stroms. Auf dem Floß steht auf Deutsch, Tschechisch und Ungarisch die Bitte, es weiterzustoßen, falls es irgendwo am Ufer hängen bleibt.
Kanzler und Kardinal kamen 1935 für einen Vormittag nach Albern. Geblieben sind die Fischer und die Familie Fuchs, die seit 1932 nach den Gräbern sieht. Ihre Namen kennt man. Auf vielen der Kreuze dahinter steht weiter nur „unbekannt“.
Friedhof der Namenlosen · beim Alberner Hafen, Molostraße, 1110 Wien (Simmering)
Quellen und Links
- Wikipedia: Friedhof der Namenlosen
- Wien Geschichte Wiki: Neuer Friedhof der Namenlosen
- Wien Geschichte Wiki: Friedhof der Namenlosen
- Friedhof der Namenlosen: Geschichte
- Friedhof der Namenlosen: Familie Fuchs
- Wikipedia (en): Before Sunrise
- Telegraf, 9. Oktober 1935: Einweihung der Auferstehungskapelle beim Friedhof der Namenlosen (ANNO)
- Telegraf, 9. Oktober 1935: Erinnerungsmal für die Donauregulierung (ANNO)
- Das kleine Volksblatt, 10. Oktober 1935: Schuschnigg setzt den Schlussstein (ANNO)
- Kulturpool: Martin Gerlach jun., Auferstehungskapelle im Friedhof der Namenlosen, Außenansicht
- Kulturpool: Martin Gerlach jun., Auferstehungskapelle, Altar
- Kulturpool: Diapositiv Friedhof der Namenlosen, Volkskundemuseum Wien
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