Deep Dive
October 30, 2026
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NHM Wien

Komodowaran in Wien: Ein Anruf aus Berlin und der Drache im Naturhistorischen Museum

An einem Novembervormittag 1931 rief der Berliner Zoo im Naturhistorischen Museum Wien an: Einer seiner Komodowarane war gestorben. So kam die größte Echse der Welt nach Wien. Heute steht einer in Saal 28, zwei leben im Haus des Meeres.

Komodowaran in Wien: Ein Anruf aus Berlin und der Drache im Naturhistorischen Museum
Komodowaran (NHMW-ZOO-HS-23783), 3D-Scan: Corinna Baldingen, Anna Haider, Viola Winkler, 2022, Naturhistorisches Museum Wien · CC BY-NC 4.0, via Sketchfab

An einem Novembervormittag des Jahres 1931 klingelte im Naturhistorischen Museum Wien das Telefon. Am Apparat war der Berliner Zoo: Eines seiner beiden lebenden Exemplare des Komodowarans sei eingegangen, das Tier stehe zur Verfügung. Am Mittag des nächsten Tages lag der tote Waran schon auf dem Präparationstisch in Wien. So erzählte es Otto Wettstein, der die Reptiliensammlung des Museums leitete, im Mai 1932 im Neuen Wiener Tagblatt.

Der Komodowaran, auch Komododrache genannt, gilt als größte lebende Echse der Welt. Er wird bis etwa drei Meter lang und über 70 Kilogramm schwer und lebt nur auf wenigen Inseln Indonesiens, darunter Komodo, Rinca und der Westen von Flores. In Wien kann man ihn heute an zwei Orten sehen: als Präparat im Naturhistorischen Museum in Saal 28 und lebend im Haus des Meeres.

Ein Gerücht von einer kleinen Insel

Als das Telefon in Wien klingelte, kannte die Wissenschaft das Tier erst seit knapp zwanzig Jahren. 1910 hörte ein Leutnant der niederländischen Kolonialverwaltung, van Steyn van Hensbroek, von einem „Landkrokodil“ auf der Insel Komodo. Er besorgte ein Foto und eine Haut, und 1912 beschrieb Peter Ouwens, Direktor des Zoologischen Museums in Bogor auf Java, die neue Art. Im August 1913 erreichte die Nachricht auch Wien. Das Deutsche Volksblatt berichtete von dem Eiland Komodo zwischen Sumbawa und Flores und erklärte, der größte bisher bekannte Waran sei der Bindenwaran gewesen.

In den Erzählungen wuchs der Drache dann rasch. 1926 reiste der Amerikaner W. Douglas Burden mit einer Expedition nach Komodo. Er brachte zwölf Präparate und zwei lebende Tiere mit, und im selben Jahr zeigte der Bronx Zoo in New York ein Paar lebender Komodowarane. Burden prägte den Namen „Komodo dragon“, und seine Reise inspirierte später den Film „King Kong“. 1927 waren im Londoner Zoo die ersten Komodowarane Europas zu sehen. Das Neue Wiener Journal meldete im August 1927, Forscher hätten Tiere von sechs und sieben Metern Länge geschossen, also gut doppelt so lang wie das größte je vermessene Männchen. Im selben Artikel stand, dass auch das Berliner Aquarium einen lebenden jungen Komodowaran von über zwei Metern bekommen habe.

Ein Weibchen in Spiritus, ein Männchen im Tausch

Wettstein, Jahrgang 1892 und Sohn des Botanikers Richard Wettstein, schrieb, das Museum habe sich ein Exemplar der neu entdeckten Echse gewünscht. Der Wunsch ging unerwartet schnell in Erfüllung. Das Weibchen aus Berlin war zwei Meter lang. Beim Öffnen des Körpers, mit dem die Todesursache geklärt werden sollte, zeigten sich so auffällige anatomische Besonderheiten, dass das Museum das ganze Tier in Spiritus einlegte. So blieb es für genaue Untersuchungen erhalten. Sein Haus, schrieb Wettstein, sei wohl das einzige Museum, das noch „von früheren, besseren Zeiten her“ die Einrichtungen besitze, so große Tiere als Ganzes zu konservieren.

Ansichtskarte des k. k. Naturhistorischen Hofmuseums am Maria-Theresien-Platz in Wien, 1911.
Verlag Anton Böhm, Wien I. K. k. naturhistor. Hofmuseum, Ansichtskarte, 1911. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Vierzehn Tage später folgte der zweite Glücksfall. Ein amerikanisches Museum schrieb nach Wien und bot Haut und Skelett eines großen Männchens an. Wien bekam es im Tausch. Der Gegenwert waren andere Reptilien: zwei seltene Riesenschlangenarten und zehn Stück einer seltenen Eidechsenart. Aus der Haut baute Präparator Franz Wald ein Standpräparat des zweieinhalb Meter langen Männchens, drei Monate lang arbeitete er daran. Im Mai 1932 wurde der Drache zum ersten Mal ausgestellt. Am Donnerstag, dem 26. Mai 1932, druckte das Neue Wiener Tagblatt Wettsteins Bericht, dazu ein Foto des fertigen Präparats.

Der Komodowaran in Saal 28

Heute zählt das Naturhistorische Museum einen Komodowaran zu seinen „Top 100“, den hundert Highlights des Hauses. Er trägt dort die Nummer 71 und steht in Saal 28 im zweiten Stock. 2022 hat das Museum ihn dreidimensional gescannt, das Modell ist online zu sehen. Ob es dasselbe Tier ist, das Franz Wald 1932 aufgestellt hat, sagt das Museum nicht dazu.

Die beiden Säle 27 und 28 für Amphibien und Reptilien wurden neu gestaltet und am 30. April 2025 wieder eröffnet, unter dem Titel „Lurch raus – Schuppen ab“. Rund 1.000 Arten sind zu sehen, darunter alle 21 Amphibien- und 15 Reptilienarten Österreichs. Wie die Sammlung, die Wettstein einst leitete, hinter den Kulissen arbeitet, erzählt unser Deep Dive zur Herpetologie im Naturhistorischen Museum. Ein ganz anderes, kleines Tier aus derselben Sammlung ist Eiselts Blindwühle.

Die neu gestalteten Reptiliensäle 27 und 28 im Naturhistorischen Museum Wien.
Die Säle 27 und 28 mit Amphibien und Reptilien, neu eröffnet 2025. – Foto: Wilhelm Bauer-Thell/NHM Wien, Pressebild

Lebende Drachen im Haus des Meeres

2018 kamen lebende Komodowarane nach Wien: Drei junge Tiere aus dem Prager Zoo zogen ins Haus des Meeres, als Teil des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms. 2020 bekamen sie ein neues, größeres Gehege im Zubau des Hauses. Für den Umzug brachten ihnen die Pfleger bei, an der Leine zu gehen. Heute leben dort noch zwei Brüder, das dritte Tier wurde abgegeben.

In freier Natur gilt der Komodowaran seit 2019 als stark gefährdet. 1931 musste erst ein Waran in Berlin sterben, damit Wien einen bekam, und der zweite kam im Tausch gegen Schlangen und Eidechsen. Heute gibt es in Wien beides: den Drachen in Saal 28 und zwei lebende Tiere im Haus des Meeres, die im Zuchtprogramm dazu beitragen sollen, dass die Art nicht nur im Museum überdauert.

Naturhistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien. Der Komodowaran steht in Saal 28 im zweiten Stock.