Am Sonntag, dem 24. August 1902, führte ein Briefschreiber im Neuen Wiener Tagblatt seine Leser durch das Naturhistorische Hofmuseum. In der Skelettsammlung blieb er vor einem langen Gerippe stehen, gleich neben dem Finnwal: dem Skelett der „nordischen Seekuh“. Rund fünf Meter lang sei es, die Rippen ungemein lang. Das Tier sei bereits ausgestorben, schrieb er, und verbesserte sich sofort: „richtiger ausgemordet“. Das Skelett war ein Geschenk von Professor Dybowski aus Lemberg.
Gemeint war die Stellersche Seekuh, auch Borkentier genannt. Sie war eine Verwandte des Dugongs, wurde bis zu acht Meter lang und lebte als einzige bekannte Seekuh im kalten Wasser, an den Küsten des Nordpazifiks. 1741 wurde sie entdeckt, 27 Jahre später gab es sie nicht mehr. Weltweit sind nur 27 annähernd vollständige Skelette erhalten. Eines davon steht im Naturhistorischen Museum Wien, in Saal 34.
Gestrandet auf der Beringinsel
Entdeckt hat sie ein Arzt aus Franken. Georg Wilhelm Steller, 1709 in Windsheim geboren, reiste 1741 als Arzt und Naturforscher auf der St. Peter mit, dem Schiff, mit dem Vitus Bering von Kamtschatka aus nach Amerika segelte. Im November 1741 strandete die St. Peter an einer Insel vor Kamtschatka. Bering starb dort am 19. Dezember 1741, die Insel trägt heute seinen Namen.
Steller war 32 und blieb fast ein Jahr auf der Insel. Vor der Küste lebten große Seekühe, die sich von Tang ernährten. Den ersten Fangversuch überstanden sie dank ihrer Kraft und der dicken, rindenartigen Haut. Einen Monat später ließen sie sich leichter erlegen. Das Fleisch schmeckte gut und verdarb nur langsam, das Fett taugte zum Kochen und als Lampenöl. Die Überlebenden bauten aus dem Wrack ein neues Boot und erreichten am 6. September 1742 Petropawlowsk auf Kamtschatka.
Treue, die tödlich war
Steller beobachtete die Tiere genau. Sie lebten in kleinen Familiengruppen, die Jungen hielten sie zwischen Herde und Ufer. Wurde eine Seekuh harpuniert, rammten die anderen das Boot und brachten es ins Schaukeln. Der Partner einer getöteten Kuh folgte dem Boot bis ans Ufer und blieb auch dann noch in ihrer Nähe, als sie längst tot war. Stellers Beschreibung erschien erst 1751 in Sankt Petersburg, unter dem Titel „De bestiis marinis“, „Über die Tiere des Meeres“. Steller selbst war da schon tot. Er starb 1746 in Sibirien, mit 37 Jahren.
Nach der Expedition kamen Pelztierjäger auf die Inseln und jagten die Seekühe als Nahrung. Rund um die Beringinsel und die Kupferinsel lebten damals wohl nur noch etwa 2.000 Tiere, und sie bekamen nur langsam Nachwuchs. 1768 wurde das vermutlich letzte Tier erschlagen. Das Naturhistorische Museum nennt heute auch genau die Eigenschaften, die Steller beschrieben hatte, als Grund für das schnelle Ende: Die Tiere waren gesellig, halfen verletzten Artgenossen und blieben ihren Plätzen treu.

Knochen aus dem Sand und ein Professor aus Lemberg
Was blieb, waren Knochen. Um 1840 tauchten die ersten auf, 1855 fand man auf der Beringinsel ein erstes Skelett. Die ergiebigsten Jahre waren 1878 bis 1883, aus dieser Zeit stammt mehr als die Hälfte der Skelette, deren Fundjahr bekannt ist. Die meisten sind aus Knochen mehrerer Tiere zusammengesetzt. Zu den Sammlern gehörte Benedykt Dybowski, der Spender des Wiener Skeletts.
Dybowski, 1833 im Gouvernement Minsk geboren, hatte sich am Januaraufstand der Polen gegen die russische Herrschaft beteiligt. 1864 wurde er verhaftet und zum Tod verurteilt, die Strafe wurde in zwölf Jahre Sibirien umgewandelt. Er erforschte den Baikalsee und ging 1877 als Arzt nach Petropawlowsk. Von dort betreute er auch die Bewohner der Kommandeurinseln, zu denen die Beringinsel gehört. 1883 wechselte er nach Lemberg, das damals zu Österreich gehörte, und lehrte an der Universität. Mit dem Wiener Museum stand er in Verbindung: Im Nachlass des Zoologen Franz Steindachner liegt dort ein Brief, den Dybowski ihm 1899 schrieb.

Saal 34: ausgemordet, nicht ausgestorben
Die Säugetiere zeigt das Museum heute in den Sälen 33 bis 39. Ein Skelett der Stellerschen Seekuh steht in Saal 34. Das Museum zählt es zu seinen „Top 100“, den hundert Highlights des Hauses, mit der Nummer 87, und hat es dreidimensional gescannt. Ob es dasselbe Skelett ist, das der Briefschreiber 1902 neben dem Finnwal sah, sagt das Museum nicht dazu.

Auch andere Tiere, die es nicht mehr gibt, sind dort zu sehen, etwa der Beutelwolf. Ein Meeresriese aus viel früherer Zeit ist der Megalodon, von dem das Museum Zähne aus dem Wiener Becken besitzt. Wie das Haus heute über die Herkunft seiner Sammlungen nachdenkt, zeigt die Ausstellung „Gutes Sammeln – Böses Sammeln“. Und wer wissen will, wie das Gebäude aussah, in dem das Skelett 1902 stand, findet es im Dossier Das Gebäude in 12 Bildern.
Der Wiener Briefschreiber hatte 1902 das richtige Wort gefunden. Die Seekuh ist nicht einfach ausgestorben. Gerade der Zusammenhalt, den Steller auf der Beringinsel beobachtet hatte, trug zu ihrem schnellen Ende bei. Übrig blieben Knochen. Ein Skelett daraus schenkte ein Arzt, der selbst nach Sibirien verbannt worden war, dem Museum in Wien.
Naturhistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien. Die Stellersche Seekuh steht in Saal 34.
Quellen und Links
- Neues Wiener Tagblatt, 24. August 1902: Brief über das Naturhistorische Hofmuseum, mit der nordischen Seekuh (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt (Wochen-Ausgabe), 1. September 1934: Die Stellersche Seekuh (ANNO)
- Wikipedia: Stellersche Seekuh
- Wikipedia (en): Steller’s sea cow
- Wikipedia: Georg Wilhelm Steller
- Wikipedia: Benedykt Dybowski
- Wikipedia (en): Benedykt Dybowski
- Wikipedia: Lwiw (Lemberg)
- NHM Wien: 3D-Modell der Stellerschen Seekuh (NHMW-ZOO-MAMM-614)
- NHM Wien: Säugetiere, Säle 33–39
- Kulturpool: Brief von Benedykt Dybowski an Franz Steindachner, 1899
- Kulturpool: Ansichtskarte K. K. Hof-Museum, 1903
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