Am Samstag, dem 15. Juli 1905, berichtete die Wiener Zeitung „Die Zeit“ über Neuheiten im Naturhistorischen Hofmuseum. Eben war eine Elefantenrobbe aufgestellt worden, ein Präparat von rund 1500 Kilogramm. Und in nächster Zeit, so das Blatt, komme im Saal XXXI der Vogelabteilung das Skelett eines Dodo dazu, auch Dronte genannt. Dass es diesen mit den Tauben verwandten Vogel nicht mehr gab, wusste der Schreiber. Wo er gelebt hatte, formulierte er vorsichtig: Er „soll auf der Insel Mauritius vorgekommen sein“.
Gut 120 Jahre später ist Saal 31 noch immer der Platz des Dodo im Naturhistorischen Museum Wien, einer der vier Vogelsäle. Das Museum nennt sein Skelett das vollständigste Dodo-Skelett der Welt. Ein einziger Vogel ist es aber wohl nicht: Wahrscheinlich wurde es aus den Knochen mehrerer Tiere zusammengesetzt. Dazu gehört eine lebensgroße Rekonstruktion. Derzeit sind die Säle 31 und 32 allerdings wegen Umbaus geschlossen, wiedereröffnen sollen sie im Herbst 2027. Ob der Dodo bis dahin anderswo im Haus zu sehen ist, vor dem Besuch beim Museum nachfragen.
Ein Vogel, der keine Angst kannte
Der Dodo lebte nur auf Mauritius im Indischen Ozean. Er war mit den Tauben verwandt, konnte nicht fliegen und wog mehr als zehn Kilogramm. Im September 1598 landete ein Teil einer niederländischen Flotte unter Jacob Cornelisz van Neck auf der Insel. Woher der Name Dodo kommt, ist nicht geklärt. Er könnte vom niederländischen Wort für den Zwergtaucher stammen oder vom portugiesischen „doudo“, Narr.
Für die Seeleute war der Vogel leichte Beute, er hatte keine Scheu vor Menschen. Das Museum spricht von Tausenden Dodos, die im 17. Jahrhundert getötet wurden. Noch mehr setzten ihm nach heutigem Wissen wohl die Tiere zu, die mit den Menschen auf die Insel kamen, vor allem Schweine und Makaken. Die letzte Sichtung, die Fachleute allgemein anerkennen, stammt aus dem Jahr 1662. Spätere Berichte könnten schon einen anderen Vogel meinen. Nach nicht einmal hundert Jahren war der Dodo verschwunden.

Der Dodo des Kaisers
Einen Dodo hatten auch die Habsburger. Kaiser Rudolf II. besaß in Prag ein präpariertes Exemplar. Ein Bild aus seiner Sammlung, um 1610 entstanden, gilt als frühestes bekanntes Bild eines Dodo-Exemplars in Europa. Rudolfs Hofmaler Roelant Savery, der mit Unterbrechungen von 1602 bis 1616 in Prag lebte, malte den Vogel später mehrfach.
Eines dieser Bilder ist heute nur ein paar Schritte vom Wiener Skelett entfernt zu Hause. Saverys „Landschaft mit Vögeln“, auf Kupfer gemalt und 1628 signiert, gehört dem Kunsthistorischen Museum auf der anderen Seite des Maria-Theresien-Platzes. Rechts im Vordergrund ist ein Dodo zu sehen. Da lebte Savery längst in Utrecht.

Ein weiterer Dodo gehört der Albertina. Johann Jakob Walther malte ihn 1653 in einem Aquarell, das die Albertina „Fremde Vögel, darunter ein Dodo“ nennt.

Knochen aus einem Sumpf
Lange war vom Dodo kaum mehr übrig als solche Bilder und ein paar Berichte. Als 1873 auf der Wiener Weltausstellung das Skelett eines Moa aus Neuseeland zu sehen war, erinnerte die Internationale Ausstellungs-Zeitung an den Dodo als Vogel, der in geschichtlicher Zeit ausgestorben war. Sie erwähnte auch Carolus Clusius, der früher Hofbotaniker Kaiser Maximilians II. in Wien gewesen war. Er hatte 1605 eine der ersten Abbildungen des Dodo veröffentlicht.
Berühmt machte den Vogel 1865 Lewis Carroll, als er ihn in „Alice im Wunderland“ auftreten ließ. Im selben Jahr fand George Clark im Sumpf Mare aux Songes auf Mauritius eine Fülle von Dodo-Knochen. Aus solchen Knochen setzte man Skelette zusammen, etwa 1866 eines im Museum in Liverpool. Woher die Wiener Knochen genau stammen, verrät die Meldung von 1905 nicht.
Zwei Dodos am Maria-Theresien-Platz
Seit 2011 gehört zum Skelett die Rekonstruktion. Gebaut hat sie Iris Rubin, Modellbauerin des Museums. Das Haus zählt den Dodo zu seinen „Top 100“, und wer ihn nicht in Saal 31 besuchen kann, findet ihn als 3D-Scan im virtuellen Museum. Ein weiteres Tier, das der Mensch ausgerottet hat, besitzt das Museum mit dem Beutelwolf.
Die Zeitung von 1905 schrieb noch vorsichtig, der Dodo „soll“ auf Mauritius gelebt haben. Heute besitzen die beiden Museen am Maria-Theresien-Platz die zwei Hälften seiner Geschichte: das Kunsthistorische Museum das Bild, das ein ehemaliger Hofmaler des Kaisers vom ganzen Vogel gemalt hat, das Naturhistorische Museum ein Skelett, das aus mehreren Vögeln zusammengesetzt ist. Wie die beiden Museen gebaut wurden, zeigen unsere Dossiers zum Naturhistorischen und zum Kunsthistorischen Museum.
Naturhistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien
Quellen und Links
- Die Zeit, 15. Juli 1905: Aus dem Naturhistorischen Museum (ANNO)
- Internationale Ausstellungs-Zeitung, 4. September 1873: Moa und Dodo auf der Weltausstellung (ANNO)
- Internationale Ausstellungs-Zeitung, 4. September 1873: Clusius und der Dronte (ANNO)
- NHM Wien 3D-Museum: Dodo Skeleton (NHMW-ZOO-VS 1.471)
- NHM Wien 3D-Museum: Dodo reconstruction
- NHM Wien auf Google Arts & Culture: Dodo (Raphus cucullatus)
- NHM Wien: Objektpatenschaften (Dodo, Beutelwolf)
- NHM Wien: Vögel, Saal 29–32
- News.at, 29. September 2026: Zwei NHM-Vogelsäle frisch gemausert
- Wikipedia: Dodo
- Wikipedia (en): Dodo
- Kunsthistorisches Museum: Roelant Savery, Landschaft mit Vögeln
- Wikipedia: Roelant Savery
- Wikipedia: Carolus Clusius
- Albertina: Johann Jakob Walther, Fremde Vögel, darunter ein Dodo
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