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October 31, 2026
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Mary Vetsera: Die Tote von Mayerling, die der Hof verschwinden lassen wollte

Fünf Tage nach Mayerling erfuhren Leser des Pester Lloyd von ihrem Tod nur auf Umwegen, aus Zeitungen in München und Brüssel. Wer Mary Vetsera war und warum sie so lange nicht zur Ruhe kam.

Mary Vetsera: Die Tote von Mayerling, die der Hof verschwinden lassen wollte
Atelier Adèle (Adele Perlmutter), Marie Alexandrine Freiin von Vetsera (gen. Mary, 1871–1889), um 1888–1889, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Montag, dem 4. Februar 1889, fünf Tage nach dem Tod des Kronprinzen, druckte der Pester Lloyd in Budapest eine kurze Meldung aus zweiter Hand. Die Münchner Neuesten Nachrichten und der Courier de Bruxelles berichteten, Baronesse Vetsera sei bei Baden nächst Wien tot aufgefunden worden. Die Zeitung beschrieb sie als „eine bekannte Schönheit“, die auf dem Turf nie fehlte, also bei keinem Pferderennen. Ein Telegramm aus Wien auf derselben Seite meldete, dass die Münchner Zeitung dort wegen dieser Nachricht beschlagnahmt worden war. Dass sie mit Kronprinz Rudolf gestorben war, stand nicht da. Die Nachricht über ihren Tod musste den Umweg über München und Brüssel nehmen.

Mary Vetsera, eigentlich Marie Alexandrine Freiin von Vetsera, wurde am 19. März 1871 in Wien geboren und starb mit 17 Jahren. Am Morgen des 30. Jänner 1889 wurde sie tot aufgefunden, gemeinsam mit Kronprinz Rudolf, dem Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, in seinem Jagdschloss Mayerling im Wienerwald. Am wahrscheinlichsten ist, dass er zuerst sie erschoss und dann sich selbst, ganz geklärt ist die Nacht bis heute nicht. Über das Warum gibt es verschiedene Theorien. Rudolfs Ehe mit Stephanie von Belgien war zerrüttet, er nahm Morphium und trank viel, und schon vor Mary hatte er einer langjährigen Geliebten vorgeschlagen, gemeinsam mit ihm zu sterben. Sie hatte abgelehnt. Die Berichte über Rudolfs Tod erwähnten Mary nicht, und zumindest in der österreichischen Reichshälfte blieb das Thema bis zum Ende der Monarchie tabu. Die Hofärzte erklärten, Rudolf habe in einem Zustand der Geistesverwirrung gehandelt, nur so konnte er mit allen kirchlichen Zeremonien begraben werden. Hätte er bewusst zuerst Mary und dann sich selbst getötet, wäre das nicht möglich gewesen. Der Hof wollte sie aus der Geschichte haben. Wie sie trotzdem darin blieb, ist ihre eigene Geschichte.

Eine Baronesse vom Turf

Ihr Vater Albin Vetsera war Diplomat und wurde 1870 in den Freiherrenstand erhoben, ihre Mutter Helene stammte aus der reichen griechischen Familie Baltazzi. Mary war das dritte von vier Kindern. Ihr Bruder Ladislaus kam 1881 beim Ringtheaterbrand ums Leben. Den Kronprinzen sah sie 1888 bei einem Pferderennen in der Freudenau, jenem Turf, den der Pester Lloyd später erwähnte. Ab Anfang November 1888 traf sie ihn heimlich in der Hofburg, bis Ende Jänner etwa zwanzig Mal. Rudolf war verheiratet und 30 Jahre alt, sie war 17. Am 28. Jänner 1889 brachte ein Fiaker sie nach Mayerling.

Carl Jagerspacher, Fotografie der Geschwister Franz Albin (Feri) und Mary Vetsera als Kinder, um 1875.
Carl Jagerspacher, Franz Albin „Feri“ von Vetsera und Mary Vetsera als Kinder, um 1875. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Begraben, bevor es jemand erfährt

Rudolf wurde in der Kapuzinergruft beigesetzt, bei seinen Vorfahren. Für Mary gab es eine Kutschenfahrt bei Nacht. Zwei ihrer Onkel mussten die Tote aus Mayerling wegbringen, so unauffällig wie möglich. Sie setzten die Tote aufrecht in die Kutsche, in eine grüne Decke gewickelt, und fuhren in der Nacht los. Der nächste Friedhof lag beim Zisterzienserstift Heiligenkreuz. Die Ärzte hatten bei Mary offiziell Selbstmord festgestellt, und wer sich selbst getötet hatte, bekam damals kein katholisches Begräbnis. Der Abt sträubte sich zunächst gegen ein christliches Begräbnis, die Onkel überzeugten ihn mit dem Argument einer augenblicklichen Geistesverwirrung. In den Morgenstunden des 1. Februar 1889 wurde Mary auf dem Ortsfriedhof in einem einfachen Holzsarg begraben. Ihre Mutter durfte nicht dabei sein.

Helene Vetsera holte nach, was sie konnte. Am 16. Mai 1889 ließ sie ihre Tochter in einen kupfernen Prunksarg umbetten und eine Gruft errichten. Dort sollte Mary endlich Ruhe finden. Das gelang nicht.

Atelier Adèle, Fotografie von Helene Freifrau von Vetsera, geborene Baltazzi, Mutter von Mary Vetsera, vermutlich um 1880.
Atelier Adèle (Adele Perlmutter), Helene Freifrau von Vetsera, geb. Baltazzi, Mutter von Mary Vetsera, vermutlich um 1880. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Grab, das immer wieder geöffnet wurde

Im April 1945 plünderten sowjetische Soldaten die Gruft, die Schäden wurden danach nur oberflächlich behoben. Am 7. Juli 1959 wurden die Gebeine in einen neuen Sarg gelegt und neu bestattet. Am 8. Juli 1991 kam ein Möbelhändler aus Oberösterreich, Helmut Flatzelsteiner, mit zwei Helfern in der Nacht und nahm die Knochen mit. Er wollte selbst herausfinden, wie Mary gestorben war, und ließ die Gebeine auf eigene Kosten untersuchen. Bemerkt wurde das lange nicht. Erst im Dezember 1992 öffneten die Behörden die Gruft und fanden den Sarg leer. Aufgedeckt hatte den Fall ein Journalist, dem Flatzelsteiner seine Geschichte und das Skelett verkaufen wollte.

Gerichtsmediziner bestätigten, dass es Marys Gebeine waren. Die Familie gab eine Untersuchung zuerst frei und zog die Erlaubnis vor dem Abschluss wieder zurück, eine DNA-Analyse lehnte sie ab. Am 28. Oktober 1993 wurde Mary Vetsera unter Ausschluss der Öffentlichkeit zum vierten Mal begraben, in einem neuen Sarg. Die Gruft wurde mit Erde aufgefüllt. Was aus ihrem kupfernen Sarg wurde, erzählt unsere Geschichte über Mayerling.

Die Briefe im Bankschließfach

Über 126 Jahre lang hatten andere über Mary Vetsera gesprochen: der Hof, die Zeitungen im Ausland, ein Grabräuber, die Gerichtsmedizin. Am 31. Juli 2015 meldete die Österreichische Nationalbibliothek einen Fund. Bei einer Archivrevision in der Schoellerbank in Wien hatte eine Archivarin unter Familiendokumenten der Vetseras einen braunen Ledereinband entdeckt, 1926 dort hinterlegt. Darin lagen Marys Abschiedsbriefe an ihre Mutter, an ihre Schwester Hanna und an ihren Bruder Feri, die Briefe an die Geschwister in einem Kuvert mit den Siegeln des Kronprinzen. Die Briefe galten als verloren. Sie sprechen dafür, dass Mary in den Tod eingewilligt hatte.

Die Nationalbibliothek bekam die Briefe als Dauerleihgabe und zeigte 2016 in der Ausstellung „Der ewige Kaiser“ im Prunksaal erstmals je ein Blatt daraus. Ihrer Mutter, die nicht an ihrem Grab stehen durfte, hatte Mary geschrieben, sie sei im Tod glücklicher als im Leben. 1889 war ihr Name nur auf Umwegen in die Zeitungen gekommen, über München und Brüssel. Ihre eigenen Worte kamen auf einem noch längeren Umweg an, über ein Bankschließfach in Wien.

Karmel Mayerling (Gedenkstätte) · Mayerling 3, 2534 Alland