Am Donnerstag, dem 19. Dezember 1861, gab die Singakademie in Breslau, dem heutigen Wrocław, ein Weihnachtskonzert. Die Singakademie war ein bürgerlicher Chorverein. Auf dem Programm standen alte Chorsätze, Arien und Chöre von Bach, Händel und Mendelssohn und, so berichtete im April 1862 die Wiener Deutsche Musik-Zeitung, „ein schönes Weihnachtslied für Chor a capella von Michael Haydn“: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Michael Haydn, der Bruder Joseph Haydns und lange Hofkomponist in Salzburg, war zu diesem Zeitpunkt seit 55 Jahren tot. Der Mann, der die Melodie tatsächlich geschrieben hatte, lebte noch. Franz Xaver Gruber war 74 Jahre alt und leitete in Hallein bei Salzburg den Kirchenchor. Sieben Jahre zuvor hatte er aufgeschrieben, wie das Lied entstanden war.
„Stille Nacht“ ist ein Weihnachtslied, dessen Text der Priester Joseph Mohr 1816 als Gedicht schrieb. Die Melodie komponierte der Lehrer und Organist Franz Xaver Gruber. Zum ersten Mal erklang das Lied am Heiligen Abend 1818 in der Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg. Heute wird es in mehr als 300 Sprachen und Dialekten gesungen, seit 2011 steht es im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Auf seinem Weg um die Welt hatte das Lied aber seine Verfasser verloren. Gedruckt wurde es als Tiroler Volkslied, am preußischen Hof hielt man es für ein Werk Michael Haydns, und den letzten Beweis dafür, wer es geschrieben hat, fand man erst 1995.
Ein Gedicht, eine Gitarre und eine Krippe
Joseph Mohr kam 1792 in Salzburg als uneheliches Kind einer Strickerin und eines desertierten Musketiers zur Welt. 1815 wurde er zum Priester geweiht und als Koadjutor, also als Hilfspriester, nach Mariapfarr im Lungau geschickt. Dort schrieb er 1816 sein Gedicht. 1817 kam er nach Oberndorf an der Salzach, an St. Nikola, die Kirche der Salzachschiffer. Franz Xaver Gruber, fünf Jahre älter als Mohr, war Lehrer im Nachbarort Arnsdorf und spielte in Oberndorf die Orgel.
Kurz vor Weihnachten 1818 bat Mohr ihn, das Gedicht zu vertonen. Am Heiligen Abend sangen die beiden das Lied nach der Christmette zum ersten Mal: Mohr sang Tenor und begleitete auf der Gitarre, Gruber sang Bass. Die Orgel blieb still. Der Grund war wahrscheinlich, dass das Lied bei einer Andacht vor der Krippe erklang, die nicht zum eigentlichen Gottesdienst gehörte.
Handschuhhändler singen es in die Welt
Wie das Lied aus Oberndorf hinauskam, ist nicht restlos geklärt. Gruber schrieb später von einem „bekannten Zillerthaler“, der es nach Tirol gebracht habe. Gemeint war der Orgelbauer Carl Mauracher aus Fügen, der Orgeln in Arnsdorf und Oberndorf reparierte und jene von St. Nikola 1825 neu baute. Zu Weihnachten 1819 sollen es die Geschwister Rainer schon in der Kirche von Fügen gesungen haben. Dass sie es 1822 auch Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. im Schloss Fügen vorsangen, wie gern erzählt wird, ist eine Legende.
Viele Familien aus dem Zillertal verdienten damals als fahrende Händler dazu, und manche lockten ihre Kundschaft mit Gesang an den Stand. Die Geschwister Strasser aus Laimach verkauften Handschuhe und sangen dazu Tiroler Lieder, darunter „Stille Nacht“. In Leipzig wurden sie zum Stadtgespräch, und am 15. Dezember 1832 gaben sie dort ein eigenes Konzert. Das Leipziger Tagblatt hatte vorher den Wunsch abgedruckt, sie mögen das Weihnachtslied singen, und sie sangen es. Vermutlich 1833 erschien es in Dresden zum ersten Mal mit Noten, als eines von „Vier ächten Tyroler Liedern“, gekürzt auf drei Strophen, verändert und ohne die Namen von Mohr und Gruber. Weihnachten 1839 sangen es die Rainer-Sänger in New York, vor dem Grabmal Alexander Hamiltons auf dem Friedhof der Trinity Church.
So wanderte das Lied von Sänger zu Sänger, von Chor zu Chor. Lehrer und Organisten schrieben es ab und richteten es für ihre eigene Besetzung ein, und wer es weitergab, hielt es meist für ein Volkslied aus Tirol. Die Namen der beiden Salzburger reisten nicht mit.

Eine Anfrage aus Berlin
Auch in Berlin wurde das Lied heimisch. Der Domchor sang es in den Christmetten, und König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen soll es besonders geschätzt haben. 1854 wollte seine Hofkapelle wissen, woher es stammte, und bat die Benediktinerabtei St. Peter in Salzburg um eine Abschrift. In Berlin galt es als Werk von Michael Haydn. Ganz aus der Luft gegriffen war das nicht: Haydn hatte mehr als vierzig Jahre in Salzburg gearbeitet und dort viel Kirchenmusik geschrieben.
Joseph Mohr konnte nicht mehr antworten. Er war im Dezember 1848 in Wagrain, wo er als Vikar die Pfarre leitete, an einer Lungenentzündung gestorben. Die Anfrage gelangte eher zufällig zu Gruber, der seit 1835 in Hallein Chorregent war, also Leiter des Kirchenchors. Am 30. Dezember 1854 schrieb er seine „Authentische Veranlassung“, eine kurze Schilderung, wer das Lied wann und warum geschrieben hatte, und schickte sie mit einer Abschrift der Noten nach Berlin.
Bis sich das herumsprach, dauerte es. Sieben Jahre später sang man in Breslau das Lied noch als Haydns Werk. Als Gruber am 7. Juni 1863 starb, erinnerte die Salzburger Zeitung ihre Leser eigens daran: „Sehr bekannt und beliebt ist sein Weihnachtslied“. Und 1873 bezweifelte ein Beitrag in der Salzburger Chronik sogar, dass die Melodie von Gruber stammte. Mohr sei fähig genug gewesen, sie selbst zu schreiben, vielleicht hätten beide zusammengeholfen. Auch daheim setzte sich das Lied erst spät durch: In ein offizielles Salzburger Kirchenliederbuch kam es 1866, fast fünfzig Jahre nach der ersten Aufführung.
Ein Blatt aus einer Salzburger Wohnung
Die Antwort auf alle diese Fragen hatte Mohr selbst längst aufgeschrieben. 1995 tauchte durch Zufall ein Notenblatt auf, das jahrelang in einer Salzburger Privatwohnung gelegen hatte: „Stille Nacht“ in Joseph Mohrs eigener Handschrift, für zwei Stimmen und Gitarre, geschrieben in den frühen 1820er-Jahren, wenige Jahre nach der ersten Aufführung. Fachleute prüften es und bestätigten die Echtheit. Es ist die älteste erhaltene Niederschrift des Lieds mit Noten. Heute gehört es dem Salzburger Museumsverein und wird im Salzburg Museum aufbewahrt.
Links unten auf dem Blatt hat Mohr eigenhändig vermerkt, dass der Text von ihm stammt, und die Jahreszahl 1816 dazugeschrieben. Damit war klar, dass das Gedicht zwei Jahre älter ist als das Lied. Bis dahin hatte man angenommen, Text und Melodie seien beide am 24. Dezember 1818 entstanden. Und rechts oben steht der Satz, der in Berlin, in Breslau und in der Salzburger Chronik gefehlt hatte: „Melodie von Fr. Xav. Gruber“.

Die Kirche, in der alles begonnen hatte, gibt es nicht mehr. Nach schweren Hochwasserschäden wurde St. Nikola aufgegeben und 1909 abgetragen. Auf dem Schutthügel steht seit 1937 die kleine Stille-Nacht-Kapelle. Daneben erzählt im alten Mesnerhaus, in dem Mohr als Hilfspriester wohnte, das Stille Nacht Museum die Geschichte des Lieds. Bei der jährlichen Gedenkmesse vor der Kapelle singt man seit 2006 wieder alle sechs Strophen, die Mohr geschrieben hat. Sonst sind es meist nur drei, die erste, die zweite und die sechste, genau jene drei, die schon der Dresdner Druck ausgewählt hatte. Den wohl ältesten Textdruck mit allen sechs Strophen, eine Flugschrift aus Steyr, entdeckte man übrigens erst 2016, in einem Wiener Antiquariat. Wie das Christkind und der Christbaum nach Österreich kamen, unter dem das Lied heute gesungen wird, erzählen wir in eigenen Geschichten.
Stille Nacht Museum Oberndorf · Stille-Nacht-Platz 5, 5110 Oberndorf bei Salzburg
Quellen und Links
- Deutsche Musik-Zeitung (Wien), 19. April 1862: Weihnachtskonzert der Singakademie Breslau (ANNO)
- Salzburger Zeitung, 9. Juni 1863: Nachruf auf Franz Gruber (ANNO)
- Salzburger Chronik, 18. September 1873: Zweifel an Grubers Melodie (ANNO)
- Stille Nacht Gesellschaft: Zeittafel (PDF)
- Stille Nacht Gesellschaft: Die Verbreitung
- Wikipedia: Stille Nacht, heilige Nacht
- Wikipedia: Joseph Mohr
- Wikipedia: Franz Xaver Gruber
- Wikipedia: Michael Haydn
- Salzburg Museum: Das Autograph von Joseph Mohr (PDF)
- wien.ORF.at, 14. November 2016: Ältester Druck von „Stille Nacht“ aufgetaucht
- Stille Nacht Museum Oberndorf (im alten Mesnerhaus)
- Kulturpool: Kriegspostkarte „Stille Nacht“, 1914 (Wien Museum)
- Kulturpool: Hochwasser 1899, Oberndorf bei Salzburg (Volkskundemuseum Wien)
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